Innovation | 29.10.2020

Bauernhof: Ort der Besserung?

Den Hof als möglichen Ort der Besserung für psychisch Kranke zu öffnen, ist für Südtirol noch Neuland. Eine Masterarbeit über soziale Landwirtschaft, die zusammen mit dem Bauernbund und der Bäuerinnenorganisation ausgearbeitet wurde, hat das Potenzial dafür unter die Lupe genommen.

Die Arbeit auf einem Bauernhof kann für psychisch Kranke positive Wirkung haben.

Die Arbeit auf einem Bauernhof kann für psychisch Kranke positive Wirkung haben.

Die soziale Landwirtschaft in Südtirol ist zurzeit in einer Aufbauphase. Einige Dienste wie Kinder- und Seniorenbetreuung sowie Schule am Bauernhof sind bereits funktionierende Konzepte, andere Angebote hingegen müssen noch ausgearbeitet werden. Unter sozialer Landwirtschaft sind auch Tätigkeiten für psychisch kranke Personen angedacht, eine konkrete Form der Abwicklung ist dafür aber bisher nicht vorhanden. Aus diesem Grund hat sich eine Masterarbeit mit der Frage auseinandergesetzt, welche Voraussetzungen nötig wären, um einen Dienst für psychisch Kranke anzubieten. Hierfür wurden mehrere Interviews mit Fachpersonen aus dem Sozial- und Gesundheitswesen geführt.

Arbeitsbeschäftigung

Aus den Interviews geht hervor, dass die Betreuung und Rehabilitation von psychisch Kranken zum Ziel haben, die betroffene Person zurück in ein normales Leben zu führen. Besonders das Verrichten einer Arbeit ist für die Rehabilitation sehr wichtig. Dass die aktive Mitarbeit in der Landwirtschaft als geeigneter Weg der Besserung für psychisch Kranke gilt, wird durch wissenschaftliche Studien belegt. Durch die Beschäftigung steht nämlich nicht mehr die Krankheit der Person im Vordergrund, sondern ihre Fähigkeit, eine Aufgabe zu erledigen und einen aktiven Beitrag zu leisten. Das natürliche Arbeitsumfeld und die Tätigkeiten, die sich nach dem Jahreskreislauf richten, schaffen ein besonders wirkungsvolles Umfeld für diese Menschen. Insbesondere das autonome Handeln und das Selbstvertrauen der betroffenen Personen werden dadurch gestärkt.

Knackpunkt Zusammenarbeit

Eines der Hauptspannungsfelder der sozialen Landwirtschaft ist die Legitimität des Angebotes. Anders gesagt: Erfüllt eine Bäuerin/ein Bauer überhaupt die Voraussetzungen, um mit psychisch kranken Menschen zu arbeiten? Experten sind überzeugt, dass sowohl fachliche als auch menschliche Qualifikationen vorhanden sein müssen. Sicher braucht es eine Grundschulung, die die Bäuerin/den ­Bauern über das Wichtigste im Umgang mit psychisch Kranken in Kenntnis setzt. Darüber hinaus sind aber vor allem menschliche Eigenschaften wie Empathie, Feingefühl und Geduld nötig, um die betroffenen Personen bei der Arbeit zu unterstützen. Die konkreten Tätigkeiten am Hof müssen im Austausch mit Fachpersonal aus dem Sozial- und Gesundheitswesen organisiert werden. Aus diesem Grund ist die enge Zusammenarbeit mit diesen spezialisierten Einrichtungen essenziell. Ohne Betreuung durch eine Fachperson könnte das Angebot nicht fruchten, weil die Qualifikation der Bäuerin/des Bauern dafür im Normalfall nicht ausreicht. 

Arbeit oder Dienstleistung?

Aufgrund bereits durchgeführter Umfragen ist ersichtlich, dass viele Betriebe Interesse daran hätten, ihre Türen für benachteiligte Personen zu öffnen. Unter den heutigen Umständen wäre es in Südtirol möglich, dass benachteiligte Personen in Form von sogenannten „Arbeitsbeschäftigungsprojekten“ bei einem Unternehmen, also auch auf Bauernhöfen, mitarbeiten. Zu bedenken ist allerdings, dass die dabei investierte Zeit für die Begleitung der Person ein Kostenfaktor ist und einen Mehraufwand bedeutet. Dies wird auch von den Interviewpartnern eingesehen. In den bisherigen Arbeitsbeschäftigungsprojekten ist die Vergütung dieses Mehraufwands jedoch noch nicht vorgesehen. Ob für ein zukünftiges Angebot in der Landwirtschaft der Bauer bzw. die Bäuerin vergütet werden können, ist noch fraglich. Dafür müsste erst das richtige Modell für so einen Dienst ausgearbeitet werden.

Durch die Interviews ist das Thema psychisch Kranke in der Landwirtschaft auf ein offenes Ohr gestoßen. Die Fachleute, darunter auch Einrichtungsleiter von Arbeitsrehabilitationszentren, sind durchaus überzeugt, dass es für viele Personen eine Möglichkeit wäre, einen bedeutenden Schritt zurück zur Normalität zu machen. Gleichzeitig kann dem Hof damit Unterstützung bei verschiedenen Arbeiten geboten werden. 

Neben anderen Projekten der sozialen Landwirtschaft könnte die Arbeitsbeschäftigung eines der nächsten Themen sein, für die ein konkretes Modell ausgearbeitet wird. Für Bauernhöfe könnte es deshalb in Zukunft möglich sein, benachteiligte Personen im Sinne der sozialen Landwirtschaft beim Arbeiten am Hof zu begleiten.