Innovation | 29.10.2020

Geflügelmast im Nebenerwerb

Eine Studentin der Freien Universität Bozen hat im Rahmen ihrer Bachelorarbeit das Potenzial der ­Geflügelmast in Südtirol anhand unterschiedlicher Geschäftsmodelle analysiert und bewertet. von Victoria Grünfelder

Geflügelmast kann für Betriebe in Südtirol ein lukrativer Nebenerweb sein.

Geflügelmast kann für Betriebe in Südtirol ein lukrativer Nebenerweb sein.

Weltweit steigt die Nachfrage nach Geflügelfleisch stetig, denn es gilt aus Konsumentensicht als gesund und schmackhaft. 56 Prozent der Südtiroler Bevölkerung konsumiert mindestens einmal wöchentlich weißes Fleisch, davon wird jedoch nur ein geringer Prozentsatz des Fleisches in Südtirol produziert. So machten die 1814 Mastgeflügeltiere im Jahr 2019 nur 0,1 Prozent des gesamten Viehbestands in Südtirol aus. Importiert wird das konsumierte Geflügelfleisch deshalb meist aus anderen italienischen Regionen. Im Rahmen einer Bachelorarbeit, unterstützt durch die Bauernbund-Abteilung Innovation & Energie, wurden die Truthühnermast (EU-Bio und Freilandhaltung) und Hühnermast am Beispiel von Südtiroler Betrieben miteinander verglichen. 

Geschäftsmodelle in der Praxis

Es gibt nur wenige Betriebe in Südtirol, welche sich der Geflügelmast widmen. Derzeit wird die Geflügelmast meist im Zu- und Nebenerwerb betrieben und kann dadurch die Wirtschaftlichkeit der Betriebe verbessern. Durch die Mast im Zu- und Nebenerwerb besteht für den Betrieb ein geringes finanzielles Risiko durch einen möglichen Tierausfall im Vergleich zum Vollerwerb. Die Ergebnisse der Bachelorarbeit zeigen, dass die Produktionskosten für die biologischen Erzeugnisse höher sind als jene der Freilandhaltung. 

Nicht nur Hühnerbrust auf den Teller

Die Chance der Geflügelmast in Südtirol liegt unter anderem darin, dass das Bewusstsein für regionale Lebensmittel innerhalb der Bevölkerung zunimmt: Die Zielgruppe aller Geschäftsmodelle sind Konsumentinnen und Konsumenten, welche Wert auf Regionalität legen und deshalb auch gerne etwas tiefer in ihre Taschen greifen. 

Die Landwirte verkaufen das produzierte Fleisch entweder direkt an die Endkonsumentinnen und -konsumenten oder an Metzgereien. Die Nachfrage nach einheimischem Geflügelfleisch ist den Befragten der Bachelorarbeit zufolge groß. Für die Landwirtinnen und Landwirte ist es jedoch eine Herausforderung, dass häufig „edle“ Fleischprodukte gewünscht sind. In den untersuchten Geschäftsmodellen wird deshalb das Masthuhn als Ganzes und das Truthuhn als Halbes vermarket, auch wenn einige Schlachtabschnitte wie das Herz, der Magen, die Leber, die Füße oder die Karkasse in ihrer Zubereitung in Vergessenheit geraten sind.

Auch kleine Stückzahl kann lukrativ sein

Die Ergebnisse der Arbeit zeigen, dass die Geflügelmast ein rentabler Zu- oder Nebenerwerb sein kann, denn bereits ab einer jährlichen Anzahl von 25 Truthühner in der Freilandhaltung und 39 Truthühner in der biologischen Mast können die Fixkosten der Mast gedeckt werden. 

In der biologischen Hühnermast hingegen müssen einige Hundert Tiere jährlich gemästet werden, um die Gewinnschwelle zu erreichen. Für die Berechnungen wurden einige Anpassungen getroffen. Dadurch konnten die Betriebe miteinander verglichen werden. Ob für die Mast ein bereits bestehendes Gebäude verfügbar ist oder die Stallungen neu errichtet werden müssen, beeinflusst die Kennzahlen wesentlich.

Die Abhängigkeit von externen Ressourcen und Partnern (Futter, Küken, Schlachthof) sind Herausforderungen für die Geflügelmast in Südtirol. Ebenso ist die Anzahl der gemästeten Tiere durch die Kapazität am Schlachthof sowie bei der Hofschlachtung begrenzt. In Südtirol können die gemästeten Tiere an den EU-zertifizierten Schlachthöfen Eisacktal, Mals und Passeier geschlachtet werden. 

Die geringe Konkurrenz beeinflusst derzeit die Vermarktung von regional produziertem Geflügelfleisch positiv, denn der Markt ist nicht gesättigt. Aus diesem Grund können die untersuchten Betriebe sehr gute Preise für die erzeugten Produkte erzielen.

Aus der Bachelorarbeit geht hervor, dass die Geflügelmast ein interessanter und lukrativer Zu- und Nebenerwerb in der klein strukturierten Landwirtschaft Südtirols sein kann. 

Interessiert?

Die Bachelorarbeit in Agrarwissenschaften und Umweltmanagement an der Freien Universität wurde von Victoria Grünfelder erarbeitet und von Professor Matthias Gauly betreut. Die Arbeit entstand in Zusammenarbeit mit den Partnern des Projekts OG INNO­Geflügel, welches von der Bauernbund-Abteilung Innovation & Energie geleitet wird. 

Interessierte können sich die Bachelorarbeit auf der Webseite des Projekts unter www.bit.ly/sbb-geflügel herunterladen.