Bäuerlicher Notstandsfonds | 26.11.2020

Der BNF: mit gutem Gefühl spenden

Vor Weihnachten ist Hochsaison beim Bäuerlichen Notstandsfonds: In dieser Zeit wird normalerweise ein Großteil der Spenden gesammelt, um bedürftige Südtiroler Familien zu unterstützen. In diesem Jahr aber können viele Aktionen nicht stattfinden. Die Not im Land wird indes nicht weniger. von Renate Anna Rubner

Der Bäuerliche Notstandsfonds greift Südtiroler Familien schnell und unbürokratisch unter die Arme, wenn sie unverschuldet in Not geraten sind. Foto: Myriams Fotos, Pixabay

Der Bäuerliche Notstandsfonds greift Südtiroler Familien schnell und unbürokratisch unter die Arme, wenn sie unverschuldet in Not geraten sind. Foto: Myriams Fotos, Pixabay

Egal ob beim besinnlichen Weihnachtskeller in St. Pauls, beim Weihnachtsmarkt auf Schloss Rametz oder bei Austern und Sekt am Grieser Platz, bei privaten Geburtstags- und öffentlichen Dorffesten, bei sportlichen Wettbewerben oder bei Verlosungen, immer wieder rund ums Jahr denken Organisatoren und Veranstalter daran, Südtiroler Familien über den Bäuerlichen Notstandsfonds (BNF) Spendensammlungen zukommen zu lassen, wenn sie sich unverschuldet in einer Notlage befinden. 

In diesem Jahr aber ist alles anders: Im März und April konnten keine Veranstaltungen stattfinden, den Sommer über nur wenige und nun – gerade zur Vorweihnachtszeit, in der normalerweise besonders viele Spendensammlungen stattfinden – muss wieder alles abgesagt werden. „Viele waren schon beim Planen und Organisieren und mussten nun die Vorbereitungsarbeiten einstellen“, erklärt Sepp Dariz, Obmann des Bäuerlichen Notstandsfonds mit Bedauern. Der Frust sei deswegen teils sehr hoch. Gerade im Advent und rund um Weihnachten gab es bereits seit Jahren besonders bewährte Aktionen, bei denen Spenden für den Bäuerlichen Notstandsfonds gesammelt wurden. Dabei ging es nicht nur um den Wohltätigen Zweck, sondern immer auch um die Gemeinschaft, den Zusammenhalt, das Erlebnis. 

Ein schönes Miteinander

Genau davon erzählt Maria Luise Kössler: Sie und ihre Schwester Christina organisieren bereits seit dem Jahr 2002 den Weihnachtskeller im Ansitz Altenburg in St. Pauls. In dem Überetscher Dorf findet nämlich alljährlich eine Krippenschau statt, zu der Einheimische und Gäste anreisen, um sich in Weihnachtsstimmung versetzen zu lassen. Die beiden Schwestern haben im ersten Jahr ganz klein angefangen, dekorierten den Innenhof festlich und öffneten ihren privaten Keller für all jene, die sich vom Trubel in den Gassen mit einer Gulaschsuppe und etwas zum Trinken stärken und gleichzeitig etwas Gutes tun wollten – mit einer Spende für den BNF. Der Benefizkeller war vom ersten Mal an ein Erfolg, von Jahr zu Jahr kamen an den Adventswochenenden und an Mariä Empfängnis immer mehr Leute nicht nur zur Krippenausstellung nach St. Pauls, sondern auch ganz gezielt in den Ansitz Altenburg. 

„Die Besucherinnen und Besucher sind sehr großzügig“, sagt Maria Luise Kössler, „denn sie wissen, wohin ihr Geld geht.“ Um die Menschen aufzuklären, liegen immer auch die Fallbeispiele jener Familien auf, für die jeweils gesammelt wird. Dafür greifen die Leute gerne tiefer in die Tasche. 

Auch viele zweckgebundene Geld- und Sachspenden werden im Ansitz Altenburg jedes Jahr abgegeben. Einzelpersonen und Familien kümmern sich um das Holz zum Beheizen, wieder andere bringen Kuchen und Kekse vorbei. „Es ist immer ein schönes Miteinander“, sagt Maria Luise Kössler am Telefon, und Wehmut klingt aus ihrer Stimme. Nicht nur sie tut sich schwer mit dem Gedanken, dass es heuer keinen Weihnachtskeller geben wird. 

Alle Freunde und freiwilligen Helfer, die über die Jahre bereitwillig und mit viel Engagement mitgeholfen haben, vermissen die gemeinsame Aktion, die zwar immer viel Arbeit, aber auch sehr viel Genugtuung bedeutete. „Es war immer eine super schöne Sache“, unterstreicht Maria Luise Kössler, „heuer wären wir locker auf die 200.000 Euro Gesamtspendensumme gekommen, dazu fehlen uns nur noch ein paar Tausender. Wir haben damit schon vielen Südtiroler Familien helfen können!“

Viele Hände helfen mit

Eine Menge Freundschaften seien über die Jahre durch den Weihnachtskeller entstanden. „Wir haben immer nur positives Echo für die Aktion bekommen. Viele freiwillige Helferinnen und Helfer unterstützten uns dabei“, sagt Maria Luise Kössler: Das begann bereits am Freitag, wenn ich die Gulaschsuppe gekocht habe. In einer Gruppe haben einige immer bereitwillig beim Schneiden und Vorbereiten der Zutaten geholfen, manch andere auch beim Ausschank an den Wochenenden.

„Aber auch wenn wir heuer keinen Weihnachtskeller organisieren können, hoffen wir, dass einige im Advent doch Spenden für den Bäuerlichen Notstandsfonds bei uns abgeben. Eine bedürftige Familie haben wir auch in diesem Jahr bereits ausfindig gemacht“, sagt Maria Luise Kössler. Sepp Dariz hofft ebenso, dass einige Privatpersonen und Firmen trotz allem für den Bäuerlichen Notstandsfonds spenden. 

Zuverlässiger Partner

Eine dieser Firmen, die dem BNF bereits seit Jahren die Treue halten, ist die Progress Group aus Brixen. Das Unternehmen stellt Maschinen und Betonfertigteile her und hat ein umfangreiches Spendenprogramm, das nicht nur dem Bäuerlichen Notstandsfonds, sondern auch anderen gemeinnützigen Organisationen im Land unter die Arme greift. Warum? „Weil man Familien in Südtirol unterstützen will und unter anderem beim Bäuerlichen Notstandsfonds die Garantie hat, dass jeder gespendete Euro genau dorthin kommt, wo er gebraucht wird, nämlich bei unverschuldet in Not geratenen Familien“, heißt es aus der Zentrale der Progress Group. Und gerade in diesem Jahr, in dem sich private Gönner vielleicht nicht so großzügig zeigen können, sei es dem Unternehmen um so wichtiger, dem BNF ein zuverlässlicher Partner zu sein. Deshalb habe man bereits im Sommer ein größeres Projekt unterstützt und werde auch jetzt wieder spenden. 

Sepp Dariz hat volles Verständnis dafür, dass es für einige Familien im Land in diesem Jahr nicht so einfach ist zu spenden. „Besonders sie sind in unsicheren Zeiten wie diesen unter Druck“, sagt der Obmann des BNF. Das bekomme man auch dadurch zu spüren, dass sich in diesem Jahr viele Menschen um Hilfe an den Bäuerlichen Notstandsfonds wenden. Es sind meist Alleinerziehende oder Familien, die sich in finanziellen Notlagen befinden. „Dabei geht es oft nur um die Überbrückung einer angespannten Situation, da ist meist bereits mit kleineren Beträgen geholfen“, weiß Dariz. Trotzdem haben viele Scheu, sich finanziell helfen zu lassen. Der Obmann des Bäuerlichen Notstandsfonds ruft aber dazu auf, sich deshalb nicht zu viele Gedanken zu machen und sich beim BNF zu melden, wenn die finanzielle Lage bedrohlich wird.

„Wir hoffen alle, dass dies nur eine Übergangsphase ist“, sagt Dariz. Der Lockdown im Frühling habe nicht lange gedauert, jetzt müsse man sich auf eine längere schwierige Phase einstellen. Trotzdem bleibt die Hoffnung, dass irgendwann wieder Normalität einkehrt, dass Veranstaltungen stattfinden, ein Miteinander wieder möglich wird.

Das hofft auch Birgit Bradlwarter. Sie ist Ortsbäuerin von Gries und als solche mitverantwortlich für Veranstaltungen wie die Ernte­dankmarende oder den Weiberfasching, die die Ortsgruppe alljährlich veranstaltet und dabei Spenden für den Bäuerlichen Notstandsfonds gesammelt hat.

Alle steuern etwas bei

„Unsere erste Ortsbäuerin war Rosl Viehweider. Sie hat die Erntedankmarende im Jahr 1982 initiiert“, erzählt Birgit Bradlwarter. Seitdem werden die Grieser Bürgerinnen und Bürger nach der Erntedankprozession ins Kulturheim zu Kraut und Wurst gebeten. Auch Kuchen, Krapfen und andere Süßspeisen gibt es bei diesem Anlass. Alle Bäuerinnen steuern etwas bei. Auch andere Vereine unterstützen das Fest tatkräftig. „Das Fest ist immer ein großer gemeinsamer Erfolg“, sagt die Ortsbäuerin. Und die Einnahmen werden traditionell dem BNF gespendet. „Rosl war ja eines der Gründungsmitglieder des BNF, deshalb waren ihr der Verein und die Wohltätigkeit immer ein großes Anliegen“, sagt Bradlwarter. 

Gemeinschaft lebt durch Feste auf

Die Bevölkerung indes vermisst die Veranstaltungen der Grieser Bäuerinnen: das Zusammenkommen, den Austausch, die Gespräche. „Die Gemeinschaft lebt durch solche Feste auf“, sagt Birgit Bradlwarter, die hofft, bald wieder aktiv werden zu können. „An uns wird es auf jeden Fall nicht scheitern“, sagt die Ortsbäuerin, die nun überlegt, wie sie zumindest den Bäuerinnen-Kalender noch gut unter die Leute bringen kann. Der wurde in anderen Jahren gemeinsam mit den Weihnachtskarten des BNF bei der Erntedankmarende für den guten Zweck verkauft. 

Erich Näckler ist Flugretter, Ideator und Koordinator für den Flugretter-Kalender. Er sitzt in der Basis neben dem Krankenhaus von Bozen, als ihn der Anruf vom „Südtiroler Landwirt“ erreicht. Näckler erzählt, wie im Jahr 2004 die Idee geboren wurde, spektakuläre Bilder der Flugretter zu einem dekorativen Kalender zusammenzuführen und diesen Kalender für den guten Zweck zu verkaufen. So entstand die erste Auflage im Jahr 2005, der Erlös ging an zwei Südtiroler Familien und an ein Waisenhaus in Peru. Seit 2006 geht der gesamte Betrag an den Bäuerlichen Notstandsfonds, der ihn an bedürftige Südtiroler Familien weiterreicht. Insgesamt 2200 Stück werden jedes Jahr gedruckt und um 12 Euro pro Kalender verkauft: über die Sektio­nen des Weißen Kreuzes, die Basen der Flugretter und einzelne Geschäfte.

Jeder Euro für Hilfsbedürftige

Auch nach Deutschland gehen 100 Kalender. An einen Freund von Erich Näckler, der sie dort verteilt und das Geld für den BNF sammelt. Obwohl die Koordinierung sehr aufwendig ist, bleibt Erich Näckler überzeugt von der Idee. „Im letzten Jahr konnten wir über die Kalenderaktion stattliche 23.000 Euro sammeln, über die Jahre hinweg haben wir 235.000 Euro spenden können“, erklärt der Flugretter stolz. Das sei nur deshalb möglich, weil Fotos, Koordinierung und Verteilung auf freiwilliger Basis gemacht werden, niemand bekommt auch nur einen Cent dafür. „Und Grafik und Druck übernimmt alljährlich die Firma Pfeifer Landtechnik“, erzählt Näckler, so könne wirklich  jeder Euro dem BNF und bedürftigen Südtiroler Familien zukommen. 

Die Verteilung wird in diesem Jahr sicher noch aufwendiger und schwieriger, ist sich Erich Näckler sicher. Denn einige Geschäfte, in denen der ­Flugretter-Kalender normalerweise verkauft wird, sind derzeit geschlossen. Wie lange sie noch zu bleiben müssen, weiß niemand. Trotzdem ist Näckler zuversichtlich. Auch Sepp Dariz weiß, dass die Südtiroler Bevölkerung den BNF schätzt, und er weiß, dass er Garant dafür ist, dass jeder Euro bedürftigen Südtiroler Familien zukommt. Davon zeugen die vielen Vereine, Organisationen, Firmen und Privatpersonen, die immer wieder spenden und sich auch in diesem Jahr etwas einfallen lassen werden, um vor Weihnachten Gutes zu tun.