Internationales | 23.12.2020

Vom Tierwohl und „Nutri-Score“

Über zwei heiße Themen haben sich die EU-Agrarminister vergangene Woche unterhalten. Während die Minister für eine Tierwohlkennzeichnung auf EU-Ebene eintreten, stößt die Einführung der Nährwertkennzeichnung bei Lebensmitteln – durch den sogenannten Nutri-Score – auf Widerstand. von AIZ

Mehr Tierwohl ja, aber gegen ein verpflichtendes Label – so die Meinung vieler Agrarminister. Foto: Landwirtschaftskammer OÖ

Mehr Tierwohl ja, aber gegen ein verpflichtendes Label – so die Meinung vieler Agrarminister. Foto: Landwirtschaftskammer OÖ

Es handelt sich dabei in beiden Fällen um „Herzensangelegenheiten“ der deutschen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, die sie beim letzten EU-Agrarrat unter deutscher Präsidentschaft in Brüssel einbrachte: „Wir möchten, dass sich die Investitionen der Landwirte in das Wohl der Tiere lohnen“, warb Klöckner für eine EU-weite Tierwohlkennzeichnung. Die Konsumenten seien bereit, mehr zu zahlen. Aber dazu müssten sie klare und glaubwürdige Informationen über die Erzeugung bekommen, die sich von den gesetzlichen Mindeststandards abheben, führte die EU-Ratspräsidentin aus. Zudem sollten tiergerechte Transportbedingungen mit einbezogen werden. 

EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechows­ki nahm die Initiative der Minister gerne auf. Die EU-Kommission prüfe zurzeit noch verschiedene Optionen und werde einen Vorschlag zum EU-Tierwohlkennzeichen vorlegen. Gleichzeitig gab der Brüsseler Agrarchef zu bedenken, dass ein höheres Tierschutzniveau auch die Rechtfertigung für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) stärken könne.

Kontrovers blieb bei der Debatte über das Tierwohllabel, ob es freiwillig oder verpflichtend in der EU eingeführt werden soll. Zahlreiche EU-Mitgliedstaaten sprechen sich für ein freiwilliges Angebot aus, darunter Spanien, Frankreich, Italien, Dänemark und Ungarn. Klöckner ist dagegen für eine verpflichtende Einführung eines EU-Labels für das Tierwohl in allen EU-Mitgliedstaaten.

Alles andere als einig waren sich die Agrarminister über die EU-weit einheitliche Kennzeichnung von gesunden und weniger gesunden Lebensmitteln. An der Nutri-Score-Ampel auf der Vorderseite von verpackten Lebensmitteln, die diese als gesund und ungesund ausweist, schieden sich die Geister im Agrarrat. 

Klöckner argumentierte mit der ver­breiteten Fettleibigkeit, weshalb Käufer vor Lebensmitteln mit zu hohem Fett-, Zucker- und Salzgehalt gewarnt werden müssten. In Deutschland und Frankreich wurde Nutri-Score bereits eingeführt. Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft möchte daraus ein für die EU verpflichtendes System machen.

Gegenwehr aus Italien gegen den „Nutri-Score“

Man dürfe nicht nur einzelne Produkte bei der Nährwertkennzeichnung betrachten, warf die italienische Landwirtschaftsministerin Teresa Bellanova ein. Olivenöl oder Parmaschinken kämen bei der Einzelbetrachtung schlecht weg, seien aber innerhalb einer mediterranen Ernährungsweise gesund, betonte Bellanova. 

Rückenwind bekam die Ministerin dabei auch vom italienischen Bauernverband Confagricoltura. Dessen Präsident Massimiliano Giansanti lobte den Einsatz von Bellanova als „wichtigen Schritt zum Schutz der mediterranen Ernährungsgewohnheiten“. Auch Ungarn, Polen, Griechenland und Zypern sprachen sich in der Debatte dafür aus, zumindest traditionelle Spezialitäten von der Nährwertkennzeichnung auszunehmen. Dänemark und Schweden wollen bereits eingeführte nationale Kennzeichnungssysteme beibehalten und nicht zur Nutri-Score-Ampel verpflichtet werden.