Leben, Südtiroler Landwirt | 23.12.2020

Weihnachten: Illusionen und Entdeckungen

Das Weihnachtsfest ist eine Kraftquelle für unsere Menschwerdung. Denn Gott umarmt uns und schenkt uns Hoffnung in diesen schwierigen Zeiten, die Hoffnung, dass aus Unbedeutendem etwas Sinnstiftendes und ­Heilbringendes wachsen kann. von Tertiarschwester Anna Elisabeth Rifeser

Dass Jesus als hilfloses Baby in die Welt gekommen ist, schenkt uns Hoffnung und will sagen: „Du darfst Mensch sein, mit all deinen Schwächen!“

Dass Jesus als hilfloses Baby in die Welt gekommen ist, schenkt uns Hoffnung und will sagen: „Du darfst Mensch sein, mit all deinen Schwächen!“

Meine Erinnerungen an das Weihnachtsfest als Kind sind voller kleiner Episoden und Details. Unsere Krippenfiguren waren wunderschön, aber statisch äußerst wackelig, sodass Hirten und Engel regelmäßig umfielen und wieder aufgestellt werden mussten. Die Wunschliste für das Christkind sollte nach Prioritäten geordnet und mit Begründung versehen werden, weil ich viel zu viele Wünsche hatte und so lernen sollte, mich zu entscheiden. Am Hl. Abend stieg mir beim Zubettgehen immer ein angenehmer dezenter Weihrauchduft in die Nase, weil wir zuvor das ganze Haus geräuchert hatten. Das größte Geschenk an Weihnachten aber war alljährlich der Besuch meines Lieblingsonkels, der extra aus Wien zu uns kam und mit dem wir immer lange, interessante Gespräche führten. 

Weihnachten im Kloster zu feiern ist anders. Aber seit meiner ersten Christmette mit den Schwestern vor neun Jahren sind mir unsere Traditionen ans Herz gewachsen. Ab der Vesper am Hl. Abend ist die größte Gabe Zeit – Zeit, um in diese besondere Nacht und in eine erwartungsvolle Stille einzutauchen, die durch die sorgfältig ausgewählten liturgischen Gesänge, die nur an diesem einen Abend erklingen, durchbrochen wird. Die nicht notwendigen Aktivitäten werden heruntergefahren, damit das Fest viel Raum bekommt. Ich bin in diesen Tagen meist in keiner friedvoll para­diesischen Stimmung. Häufig gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Oft muss noch dieses und jenes erledigt werden. Dennoch sind an diesen Tagen selbst die Gespräche mit meiner Familie oder mit Freund(inn)en und Mitschwestern von einer besonderen Achtsamkeit getragen. Nein, es ist nicht selbstverständlich, mit nährenden und bereichernden Beziehungen gesegnet worden zu sein. An diesen Festtagen ist meine ganz persönliche Wunschliste an das „Christkind“, an der ich mich schon als Kind einübte, ganz klar: Auch ich möchte – so wie Gott – Mensch werden. Das ist meine und unsere ureigenste Aufgabe. 

Wir Tertiarschwestern pflegen einen alten klösterlichen Brauch, und zwar zu unserem Ordensnamen einen geistlichen Zunamen hinzuzufügen, der sozusagen als Lebensprogramm dienen soll. Mein Name lautet „Sr. Anna Elisabeth von der Menschwerdung“. Ich wünsche mir, mich immer mehr einzuüben, wie ich selbst ganz Mensch sein kann, nicht ein Übermensch, sondern ganz ich mit all dem, was mich ausmacht. Ist das nicht auch der tiefste Weihnachtswunsch Gottes für uns Menschen? Schenkt nicht er selbst uns das Leben und will, dass auch wir leben, nicht nur funktionieren und leisten? In diesen Festtagen gibt er uns darüber hinaus sich selbst und Zeit für die Begegnung mit ihm. 

Die Schwäche umarmen

Einen meiner persönlichen Zugänge zum Weihnachtsfest möchte ich mit Ihnen teilen, auch wenn es mir zugegebenermaßen nicht leichtfällt, davon zu schreiben. Meine wichtigste Erfahrung mit der Menschwerdung Jesu war jenseits von allem Kitsch und jeglicher Romantik. Es war die Entdeckung, dass Gott freiwillig schwach wird. Er setzt sich uns aus. Hilflos, bloß, bedürftig, auf Menschen angewiesen und ohne jeglichen Schutz liegt er in seiner Krippe, ohne Würde, Zukunftsperspektive oder Absicherung. Gott wird – krass ausgedrückt – exakt so, wie ich niemals sein möchte. Wer will denn auch schwach und bedürftig sein? Aber Jesus Christus wählte dieses Schicksal freiwillig, um uns die Angst davor zu nehmen, aus Solidarität sozusagen, und um uns zuzurufen: Hab keine Angst vor Schwäche und Versagen! Und er tut es immer wieder neu, bei jeder Kommunion, in kleinen Gesten, in denen er uns begegnen will. 

Der hl. Franziskus und die hl. Klara, an deren Spiritualität wir uns orientieren, bewunderten den armen kleinen Jesus in der Krippe als Zeichen für die Erniedrigung Gottes und machten ihn zum Zentrum ihres einfachen Lebens. Das Ziel ist nicht die Verherrlichung von Elend, sondern das Eintauchen in ein tiefes Vertrauen in Gott und in eine große Freiheit, die freigiebig schenken kann und nichts festzuhalten braucht. Ich bin überzeugt, dass Jesus Christus sich schwach zeigen wollte, um uns in unserer Schwäche zu umarmen und uns zu erlösen.

Was wir heute, in Covid-19-Zeiten und in Zukunft brauchen, ist nicht der nahtlose ­Wiederaufbau der Wirtschaft und die Rückkehr in alte (bessere?) Zeiten, sondern ein Gespür für unsere Grenzen und das Eingeständnis, dass eben nicht alles geht. Manche von uns wurden unsanft durchgeschüttelt, einige komplett aus der Bahn geworfen. Nicht wenige brauchen dringend Hilfe, nicht nur finanziell, sondern auch emotional. Nehmen wir uns Zeit hinzuhören oder wenden wir ihrer (und damit unserer eigenen) Schwäche den Rücken zu? Die Lektion, die uns das Weihnachtsfest bietet, ist, von Gott zu lernen, Schwäche auszuhalten und zu umarmen, so wie Jesus in der Krippe, mit der großen Hoffnung, dass aus dem Unbedeutenden Großes, d. h. Sinnstiftendes und Heilbringendes, wachsen kann.

Geraubte Illusionen und Resilienz

Vor einigen Jahren wollte ich meinen Schülerinnen (14 bis 16 Jahre) das Weihnachtsfest näherbringen. Zugegebenermaßen hatte ich mich wirklich gut auf die Unterrichtseinheit vorbereitet. Ich wollte ihnen die hohe Theologie in einfachen Worten erklären und sie genau da abholen, wo sie stehen. Und es ging schief! Aber der Reihe nach: Ich begann meinen Kurzinput als Hinführung zum Thema und beschrieb, so bildhaft ich konnte, dass sich viele Mythen um das Weihnachtsfest ranken, die nicht den historischen Fakten entsprechen. Maria war nämlich wahrscheinlich nicht älter als 16, unehelich schwanger und somit eine gesellschaftlich Geächtete. Joseph wollte zunächst seine Verlobte verlassen, rang sich aber doch zu einem Ja durch und suchte verzweifelt nach einer Unterkunft. An diesem Abend versammelten sich Maria und Joseph keineswegs in romantischer Idylle und Harmonie zusammen mit den Hirten, um das lieblich lächelnde, strahlende Jesuskind mit rotem Näschen zu bewundern. Der Stall und die Krippe waren weder ein bioenergetischer Kraftort noch eine Wellness-Oase, um Naturverbundenheit ganz unbehindert zu erfahren, sondern der Verwahrungsort des Viehs, folglich absolut menschenunwürdig und obendrein gefährlich für eine Geburt und ein Neugeborenes. „Würde Jesus heute auf die Welt kommen“ – so versuchte ich, meinen Schülerinnen, die mich ganz still anschauten, zu erklären – „würde er wohl auf einem Flüchtlingsboot, in einem Elendsviertel oder in einer psychiatrischen Klinik das Licht der Welt erblicken.“ Ein paar Schülerinnen zogen die Augenbrauen skeptisch nach oben und fuhren sich nervös durch das Haar. Ich fuhr freudig und motiviert fort: „Gott will in unser Leben eintreten, so wie es ist. An Weihnachten braucht es keine perfekte, heile Vater-Mutter-Kind-Familie, keine blankgeputzte Wohnung oder teure Geschenke, sondern nur Sehnsucht nach Gott und ein offenes Herz.“ „Bitte“, unterbrach mich ein Mädchen mit leicht gereizter Stimme, „bitte, nehmen Sie uns nicht unser Märchen von Weihnachten!“ Ich hatte mich gründlich vorbereitet und doch war ich in dieser Stunde die Lernende. Die 21 jungen Frauen belehrten mich überzeugend, dass sie diese romantische und harmonische Atmosphäre in den Weihnachtstagen mit Keksen und einem Hauch von heiler Welt liebten und brauchten. Während uns Erwachsene häufig gerade die Ideale der makellosen Familie unter Druck setzen und uns in die Überforderung treiben, genießen es viele Kinder und Jugendliche, dass sie einmal im Jahr eine Art Idylle erleben, um dann mutig ihren Weg weiterzugehen. Ist das nicht ein Weihnachtsgeschenk der besonderen Art, eine Form von Resilienz?

Gott hautnah erleben

Zeit meines Ordenslebens habe ich mich mit unserer Gründerin und deren Spiritualität beschäftigt. Maria Hueber (1653–1705) eröffnete im Jahre 1700 die erste unentgeltliche Mädchenschule Tirols und wurde so zu einer wichtigen Pionierin der klösterlichen Elementarbildung für Mädchen. Diese kluge, tatkräftige und bodenständige Frau umgibt aber auch etwas Spielerisches. Wie viele ihrer Zeitgenossinnen und -genossen verehrte sie das kleine Jesuskind nicht nur zu Weihnachten und in Form von Gebeten, sondern mithilfe einer kleinen Statuette, die sie das ganze Jahr über aufstellte. Diese Jesuskinder nannte man „Jesulein“. Sie waren Zentrum einer intensiven, emotionalen und ganzheitlichen Frömmigkeit. Bei Mystikerinnen und Mystikern wurden sie lebendig, plauderten und sprachen Verheißungen aus. Man mag dazu stehen, wie man will, aber klar ist: Diese Statuetten aus Holz, Wachs oder Ton waren ein Zeichen dafür, dass Jesus Christus mitten im Leben der Menschen präsent ist und ihnen seine Liebe schenken will.

Vertieft in die Briefe unserer Gründerin fragte ich mich nicht nur einmal: Warum ist Jesus Christus nicht als erwachsener Mann, als mächtiger, starker Retter und Erlöser in die Welt gekommen, sondern als Kind? Vielleicht, weil die Menschen nicht anders können, als ein Kind zu lieben. Mit dem Weihnachtsfest bekommen wir ein Gefühl für Gottes Kommunikationsfreude und wir ahnen, dass Jesus – so wie Maria Hueber es ausdrückte – „keine größere Freude hat, als bei den Menschen zu sein“! Wir haben dieser alten spirituellen Tradition unseres Klosters Rechnung getragen, betten uns und unser Leben seit Jahrhunderten in dieses Geheimnis ein und stellen handgefertigte Jesuskind-Figuren aus Wachs her. Jedes einzelne „Christkindl“ ist ein Unikat und macht nicht nur das tiefe Geheimnis der Menschwerdung sichtbar, sondern eben auch, dass Gott anpassungsfähig ist, sich nach Beziehung sehnt und sich ganz individuell jedem Menschen zuwendet. 

Gerade in unseren dramatischen Covid-19-Zeiten spüren wir wieder, was wirklich tragfähig ist und was uns wirklich nährt: eben nicht digitale Nachrichten, sondern echte, reale Beziehungen und Nähe! Was unsere ersten Schwestern schon im 18. Jahrhundert wussten und was wir heute wieder neu lernen können, ist vor allem eines: Gott will uns erreichen und spricht deshalb eine Sprache, die wir verstehen, und begegnet uns auf ­Weisen, die uns ansprechen. Er will spürbar, hautnah den Menschen seine Liebe erfahrbar machen. Das Weihnachtsfest gibt – neben dem Kommerz, dem Hauch von Idylle und Romantik – die Gelegenheit zu tiefen Begegnungen mit allen Menschen, die wir im Herzen tragen, und mit Gott. Er wartet auf uns – an jedem Tag, wo immer wir sind und ganz besonders in dieser Weihnachtszeit, in der wir sorgenvoll in die Zukunft blicken. 

Ich wünsche Ihnen, dass Sie zu unserem Gott in der Krippe alles hintragen können, was Sie belastet: Ihre Sorgen, Ängste und Probleme, aber auch Ihre Hoffnungen, Ihre Sehnsüchte und nicht zuletzt sich selbst. Möge Gott Sie und Ihre Lieben (auch dank aller Sicherheitsmaßnahmen) in ein tiefes Weihnachtsfest und eine gute Zukunft führen. Meine Mitschwestern und ich begleiten Sie mit unserem Gebet!