Südtiroler Landwirt, Leben | 01.04.2021

Du bist angenommen, wie du bist!

Das Nest ist nicht nur ein Ostersymbol, sondern auch Synonym für Schutz und Geborgenheit. Wie Familien dem – vor allem in Corona-Zeiten – gerecht werden können, erklärt Julian Stuefer im Interview. Der Religionspädagoge ist überzeugt: Flügge werden die Küken trotzdem. von Renate Anna Rubner

Das Nest schützt Eier und Brut, bis Küken flügge werden. Dasselbe gilt für Familien, die Kinder behüten und Jugendliche begleiten. Foto: www.pixelio.de/Judith Schmidt

Das Nest schützt Eier und Brut, bis Küken flügge werden. Dasselbe gilt für Familien, die Kinder behüten und Jugendliche begleiten. Foto: www.pixelio.de/Judith Schmidt

Vögel bauen Nester für ihre Eier und Brut. Auch Menschen bauen – im übertragenen Sinne – Nester für sich und ihre Familien. Gerade in Zeiten von Corona und Lockdown haben diese Rückzugsorte eine neue Bedeutung bekommen: Wie wichtig ist Nestwärme für Kinder und Jugendliche? Wie können Familien in Krisenzeiten Halt und Sicherheit geben? Und wie kann man trotz allem dabei helfen, selbstverantwortlich zu werden? Solche und ähnliche Fragen stellt der „Südtiroler Landwirt“ Julian Stuefer. Der Religionspädagoge ist Geschäftsführer des Jugenddienstes Brixen und in engem Kontakt mit Jugendlichen. Er ist zwar selber noch nicht Vater, ein paar Tipps hat er für Mamis und Papis mit heranwachsender Brut aber doch.

Südtiroler Landwirt: Herr Stuefer, wie würden Sie das letzte Jahr für den Jugenddienst Brixen und die Jugendarbeit insgesamt beschreiben?

Julian Stuefer: Als bunt gemischt. Als uns die Pandemie vor etwas mehr als einem Jahr plötzlich eingeholt hat, haben wir relativ schnell reagiert und sind auf digitale Formate umgestiegen: Wir haben Online-Andachten und -Feiern organisiert. Die wurden auch gut angenommen. Als dann wieder Treffen möglich wurden, haben wir uns in kleinen Gruppen getroffen, vor allem im Freien: So haben wir eine Sommerwerkstatt in Kleingruppen organisiert, eine Auszeit auf einer Selbstversorgerhütte in den Bergen und einiges mehr. Im Herbst dann, als es wieder schrittweise in den Lockdown zurückging, haben wir es wieder mit Online-Veranstaltungen versucht. Das kam aber nicht mehr so gut an: Die Jugendlichen haben nach dem Online-Unterricht kaum noch Lust auf weitere digitale Angebote. Deshalb sind wir mit den Jugendlichen telefonisch in Kontakt geblieben, oder auch über Whatsapp, E-Mail und andere Kanäle. Das funktioniert recht gut, aber eben nur noch auf individueller Ebene.

Und welches Bild ergibt sich für Sie?

Wir im Jugenddienst haben es hauptsächlich mit 15- bis 25-Jährigen zu tun. Da gibt es große Unterschiede: Bei den Jüngeren ist vielfach festzustellen, dass sie einfach müde sind von der Situation. Die möchten gerne hinaus, sich treffen, ihr normales Leben wieder aufnehmen. Ältere wollen diese Zeit des Rückzugs schon auch für sich nutzen: dafür, Ordnung zu schaffen und sich Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll, wie sie sich für die Zeit danach rüsten können, um gestärkt aus dieser erzwungenen Pause hervorzugehen. Das schaffen die Jüngeren meistens nicht, die leben mehr im Hier und Jetzt. Dafür nehmen viele – oder die meisten – Kleinigkeiten wieder mit mehr Wertschätzung an: Was früher selbstverständlich war, wird jetzt als etwas Besonderes empfunden: ein Treffen mit Freunden, ein Gespräch, ein Spaziergang, das erste Eis …

Das Nest Familie ist in dieser Zeit mehr als Rückzugsort. Die Lockdowns haben dazu geführt, dass diese kleinste soziale Einheit vielfach zum einzigen Bezugspunkt für Kinder und Jugendliche geworden ist. Wie können Eltern in dieser Zeit Sicherheit vermitteln?

Also, ich bin ja selber (noch) kein Familienvater. Aber das Wichtigste, was man Jugendlichen als Familie vermitteln kann und soll – und zwar unabhängig von Lockdown und Corona-Krise – ist, dass sie angenommen und geliebt sind, so wie sie sind. Dass sie Dinge austesten dürfen, ihre Grenzen abtasten. Das darf auch mal den Familienalltag sprengen. Und trotzdem sollen sie die Gewissheit haben: Du bist angenommen, Mami und Papi lieben dich und stehen hinter dir!

Kinder orientieren sich stark an den Eltern. Je größer sie werden, umso wichtiger werden Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Trainer. Und natürlich Gleichaltrige. Wie kann Familie hier einspringen, wenn die sozialen Kontakte nach außen reduziert sind? 

Das ist wohl die größte Herausforderung in dieser Zeit: weil Eltern aus ihrer Rolle ganz schwer herauskommen. Man empfindet sich vor allem als Erziehende, als Autoritätsperson. Dabei wäre es gerade in Zeiten, in denen Freundinnen und Freunde nicht ständig da sind, wichtig, aus dieser festgefahrenen Rolle zu schlüpfen und sich neu zu definieren: als jemand, der eben nicht eindimensional Mutter/Vater ist, sondern die Kinder neue Seiten entdecken lässt. Ihnen also die Fülle der eigenen Persönlichkeit offenbart. Das ist nicht einfach, aber für die Beziehung zwischen Eltern und Heranwachsenden wohltuend. 

 

Das ganze Interview mit einer Anleitung um ein Osternest selbst zu stricken finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 6 des „Südtiroler Landwirt“ vom 2April auf Seite 17 oder online auf „meinSBB“.