Südtiroler Landwirt, Produktion | 10.06.2021

Milchwirtschaft: 2020 überstanden, aber ...

Das Corona-Jahr 2020 hat die Südtiroler Milchwirtschaft auf eine harte Probe gestellt. Der Milchpreis konnte sich in der Krise zwar halten, Herausforderungen gibt es aber noch viele, so der Tenor bei der Vollversammlung des Sennereiverbandes Südtirol.

Bei seiner Vollversammlung blickte der Sennereiverband Südtirol auf ein herausforderndes Jahr zurück. Foto: Frieder Blickle, Südtiroler Sennereiverband

Bei seiner Vollversammlung blickte der Sennereiverband Südtirol auf ein herausforderndes Jahr zurück. Foto: Frieder Blickle, Südtiroler Sennereiverband

Eigentlich wäre das Jahr 2020 ein Jubiläumsjahr für die Südtiroler Milchwirtschaft gewesen. 1970, vor 50 Jahren, hat der Sennereiverband Südtirol mit der Qualitätskontrolle der gesamten Südtiroler Milchwirtschaft begonnen. Zum Feiern war 2020 allerdings kaum jemandem zumute, und auch die Vollversammlung 2021 stand noch ganz im Zeichen von Pandemie und Krise. Der Obmann des Sennereiverbandes Südtirol, Joachim Reinalter, erklärt: „Wir sehen, dass sich die Auswirkungen auf die Milchwirtschaft erst zeitversetzt zeigen.“

Stabile Menge, aber immer weniger Betriebe

Das Krisenjahr selbst habe man mit viel Engagement von Seiten aller Beteiligten gut überbrückt. Annemarie Kaser, Direktorin des Sennereiverbandes, sagt: „Alles, was wir bis dato als selbstverständlich erachtet haben – in der Produktion, in der Logistik und im Verkauf – mussten wir überdenken, um die Milchsammlung und -verarbeitung aufrechtzuerhalten. Schließlich produzieren Kühe jeden Tag Milch, die verarbeitet werden muss. Wir sind dankbar, dass wir das gemeistert haben.“ 

Über fünf Prozent mehr Ziegenmilch

Die produzierte Menge ist im vergangenen Jahr stabil geblieben. Insgesamt wurden 402 Millionen Kilogramm Kuhmilch an die Milchhöfe geliefert, also nur knapp ein Prozent mehr als im Jahr zuvor. Weltweit wurden insgesamt 540.000 Millionen Kilogramm Kuhmilch produziert. Das entspricht einer Steigerung von 1,5 Prozent. In Italien gab es sogar eine Steigerung von 4,4 Prozent. Die Menge angelieferter Ziegenmilch in Südtirol lag mit 1,62 Millionen Kilogramm um 5,3 Prozent höher als 2019. Stetig am Sinken ist dagegen die Zahl der Milchbetriebe im Land. „Leider konnten wir auch im Vorjahr den negativen Trend nicht stoppen, sodass wir in den letzten knapp 20 Jahren mehr als 1700 Betriebe verloren haben. Aktuell gibt es in Südtirol 4416 Milchlieferanten“, so Reinalter.

Weiterhin hohe Veredelungsquote

Interessant ist ein Blick auf die Produkte, die aus der in Südtirol angelieferten Milch hergestellt werden. In der Entwicklung spiegelt sich deutlich die pandemiebedingte Schließung der Hotels und Gastbetriebe wider. Reinalter erklärt: „Weil dieser Absatzkanal über weite Strecken ausgefallen ist, ist der Absatz von Frischmilch um elf Prozent zurückgegangen. Gestiegen ist dagegen die Herstellung haltbarer und daher in der Vermarktung flexiblerer Milchprodukte.“ Problematisch war dabei, dass für bestimmte Produkte der Markt eingebrochen ist, allen voran für Schnittkäse. „Hier hat zum einen der Absatz im Tourismus gefehlt, zum anderen haben die Leute weniger an den Frischetheken gekauft und lieber zu verpackten Produkten gegriffen“, so der Obmann des Sennereiverbandes Südtirol. Die Folgen waren volle Lager in den Käsereien und die Notwendigkeit, in kurzer Zeit neue Absatzkanäle zu eröffnen. „Auch daran sieht man, mit welchen Herausforderungen unsere Milchhöfe im letzten Jahr konfrontiert waren und wie sie diese mit viel Einsatz und Know-how überwinden konnten“, sagt Reinalter. Er verweist zudem darauf, dass die Daten erneut die enge Verbindung zwischen Milchwirtschaft und Hotellerie bzw. Gastgewerbe unterstreichen. Er erklärt: „Der Tourismus und die Berglandwirtschaft bilden eine Schicksalsgemeinschaft, der eine ist ohne die andere auf Dauer nicht denkbar.“

Verbandsdirektorin Kaser verweist in diesem Zusammenhang auch darauf, dass die eingebrochenen Absätze im Horeca-Bereich zum Teil durch den Lebensmitteleinzelhandel aufgefangen worden seien. „Pandemie und Lockdown haben den Konsumentinnen und Konsumenten deutlich vor Augen geführt, wie wichtig lokale Lebensmittelkreisläufe für die Versorgungssicherheit sind“, so Kaser, „und wir hoffen, dass sich dieses Bewusstsein auch über die Krise hinaus gefestigt hat.“



Wie der durchschnittliche Milchpreis ausgefallen ist und wer Südtirols bester Milchlieferant war, lesen Sie ab Freitag in der Ausgabe 11 des „Südtiroler Landwirt“ vom 11. Juni ab Seite 12 oder online auf „meinSBB“.