Südtiroler Landwirt, Arbeitsberatung | 10.06.2021

Neuer Landeskollektivvertrag

Mitte Mai konnte endlich, nach langen Verhandlungsrunden, der neue Landeskollektivvertrag für ­landwirtschaftliche Arbeiter, Gartenbauarbeiter und Jagdaufseher abgeschlossen werden. Der neue ­Kollektivvertrag ist seit 12. Mai 2021 in Kraft.

Bei der Ausarbeitung des neuen Kollektivvertrages wurde auch auf die schwierige Situation der Betriebe in der Corona-Krise Rücksicht genommen.

Bei der Ausarbeitung des neuen Kollektivvertrages wurde auch auf die schwierige Situation der Betriebe in der Corona-Krise Rücksicht genommen.

Es ist gelungen, einen Kompromiss zu finden, mit dem sowohl die Arbeitgebervertreter als auch die Gewerkschaften in dieser schweren Zeit leben können. Der Landeskollektivvertrag für landwirtschaftliche Arbeiter, Gartenbauarbeiter und Jagdaufseher war mit Jahresende 2019 verfallen. Für die Arbeitgeber nahmen an den Verhandlungen neben dem Landes­obmann des Südtiroler Bauernbundes, Leo Tiefenthaler, und Luca Rossi als Vertreter des Bauernverbandes Coldiretti, Valtl Raffeiner und Stephan Kircher für die Gärtnervereinigung, Reinhard Dissertori für die Fachgruppe Obstbau, Benedikt Terzer für den Jagdverband sowie Albert Wurzer für die Großbetriebe teil. Begleitet wurden sie vom zuständigen Bauernbund-Hauptabteilungsleiter Josef Haller und dem Leiter der Bauernbund-Abteilung Arbeitsberatung/Löhne, Roberto Pivetti. 

Hohe Forderungen der Gewerkschaften

Die Gewerkschaften hatten schon im Laufe des Jahres 2019 eine Plattform mit umfangreichen Forderungen vorgelegt. Diese umfassten Lohnerhöhungen von sechs Prozent, die Abschaffung der Einstufung der Erntehelfer, eine Parametrisierung der Löhne je nach Einstufung, das Vorrecht auf Wiederaufnahme, Naturalleistungen, Erhöhungen der Treueprämie, eine Erhöhung des Überstundenzuschlages, eine Erhöhung des Arbeitgeberanteils am Zusatzrentenfonds, volle Integrierungszahlungen des Arbeitgebers bei Krankheit und Unfall und einige weitere Forderungen. Die Arbeitgeber haben selbst eine Plattform mit Forderungen, hauptsächlich für eine Modernisierung des Kollektivvertrages bzgl. Arbeitszeiten gestellt.

Aufgrund dieser umfangreichen Forderungen zeichnete sich bald ab, dass die Verhandlungen schwierig werden und sich in die Länge ziehen würden. Der durch den Corona-Virus verursachte Notstand hat es auch nicht erleichtert, die Verhandlungstreffen zu organisieren. Viele Teilnehmer mussten sich online hinzuschalten. Die Arbeitgebervertreter versuchten wiederholt darzulegen, dass insbesondere die Einreisebestimmungen aufgrund der Pandemie im Bereich Tourismus eine sehr große Wirkung auf den Einkauf von lokalen Produkten wie Wein und Milchprodukten hatten. Viele Hofschänke und UaB-Betriebe konnten auch kaum Nebeneinkommen für ihre Betriebe erzielen. Betriebe, die offen bleiben konnten, mussten auch Mehrkosten für die Sicherheit ihrer Arbeitnehmer tragen.

Am 12. Mai 2021 trafen sich die Sozialpartner und erzielten einen Kompromiss, der unter anderem Folgendes vorsieht:  

  • Lohnerhöhung von 1,7 Prozent ab Jänner 2021;
  • Bildungsurlaub im Sinne des Art. 39 des gesamtstaatlichen Kollektivvertrages im Ausmaß von 150 Stunden für ausländische Fixarbeiter auch für Sprachkurse in den drei Landessprachen;
  • Entlassungsmöglichkeit aus gerechter Ursache von Jagdaufsehern, deren Jagdgewehrschein widerrufen oder nicht verlängert bzw. mehr als sechs Monate ausgesetzt wird;
  • Einführung des Lehrberufes „Winzerlehrling“ im Weinbau. 

Mit diesen Erhöhungen wird der Teuerung und der Inflation im Verhandlungszeitraum Rechnung getragen. Die Kaufkraft für die landwirtschaftlichen Arbeiter wird damit erhalten, gleichzeitig wird aber auch den schwierigen Rahmenbedingungen der Arbeitgeber Rechnung getragen. Dieses Gleichgewicht war Voraussetzung, um diesen tragfähigen Kompromiss zu finden, und beide Seiten haben letztendlich Verständnis für die Situation der jeweils anderen Seite gezeigt. 

Derzeit laufen in vielen Provinzen Italiens dieselben Kollektivvertragsverhandlungen. Auch dort waren die Verhandlungsrunden schwierig, die Positionen weit auseinander und teilweise verhärtet. Trotzdem gelang es in den letzten Monaten in einigen Provinzen, ähnliche Einigungen bzgl. dem ökonomischen Teil zu erzielen. Die Provinz Bozen liegt mit dem erzielten Kompromiss im Trend, nur zwei Abschlüsse können als Ausreißer nach oben angesehen werden, welche mit den besonderen Situationen in diesen Provinzen zu erklären ist. 

Auch wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Landwirtschaft in Südtirol nicht direkt mit anderen Regionen Italiens verglichen werden können, so gilt trotzdem für ganz Italien, dass die wirtschaftliche Situation schwierig ist. Schwierige Absatzmärkte, erhöhter Konkurrenzdruck, weiterhin steigende bürokratische Belastungen und formelle Auflagen machen den Betrieben zu schaffen. 

Viele dieser Faktoren belasten die Produktivität der Betriebe, diese stellt aber nach wie vor die Grundvoraussetzung dar, um angemessene Löhne auszahlen zu können. Die Pandemie hat den Betrieben weitere Schwierigkeiten gebracht. In der aktuellen Situation gilt, dass Betriebe offen bleiben, wobei aufgrund der ständigen Schließungen einige nicht mehr öffnen werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich bis zu den nächsten Kollektivvertragsverhandlungen diese Rahmenbedingungen stark verbessern.