Innovation, Produktion | 28.10.2021

Geflügel: Noch viel Potenzial

Ist die Geflügelzucht für Südtirols klein strukturierte Betriebe zukunftsträchtig? Und wie kann das heimische Angebot an Geflügelfleisch gesteigert werden? Um diese Fragen ging es beim ersten ­Geflügelfachtag an der Fachschule Salern. von Michael Deltedesco und Marion Götsch

Puten und anderes Mastgeflügel aus Südtiroler Produktion ist (noch) Mangelware.

Puten und anderes Mastgeflügel aus Südtiroler Produktion ist (noch) Mangelware.

Rund 60 interessierte Landwirtinnen und Landwirte sind Mitte Oktober zum ersten Südtiroler Geflügelfachtag an die Fachschule für Landwirtschaft Salern gekommen. Dazu gesellten sich Aussteller, Fachleute und Funktionäre aus der Geflügelbranche. 

Eröffnet wurde die Tagung von Daniel Gasser, Obmann des Beratungsrings für Berglandwirtschaft BRING: „Nutzen wir gemeinsam diesen Geflügelfachtag als Startschuss, weiter in die Geflügelhaltung zu investieren und interessierte Bäuerinnen und Bauern durch  Beratung in der Planung und Umsetzung zu begleiten.“ 

Auch Ulrich Höllrigl, Vizedirektor des Südtiroler Bauernbundes, und Martin Unterer, Direktor der Fachschule Salern, richteten einige Grußworte an die Anwesenden. 

Große Nachfrage, kaum Angebot

Zu Beginn der Tagung präsentierte Thomas Zanon von der Freien Universität Bozen die Potenziale der Südtiroler Geflügelmast. Der Wissenschaftler erklärt, dass der Fleischverbrauch in den letzten Jahren weltweit gestiegen sei und vor allem Geflügelfleisch sehr an Bedeutung gewonnen habe. 

Südtiroler Konsumentinnen und Konsumenten werden zu nur 0,05 Prozent mit heimischem Geflügelfleisch versorgt, belegte Zanon die heimischen Verhältnisse zahlenmäßig. „Vor allem bei Puten und Masthühnern können Betriebe auch bei niedrigen Tierzahlen bereits wirtschaftlich arbeiten“, sagte er. 

Die Kleinstrukturiertheit der Südtiroler Landwirtschaftsbetriebe könnte in diesem Erwerbszweig als Stärke genutzt werden, um der wachsenden Konsumnachfrage gerecht zu werden. Die Geflügelmast stelle eine Möglichkeit für heimische Produzenten dar, in der noch großes Potenzial steckt.

Potenziale der Geflügelmast nutzen und ausweiten

Auch bei der Podiumsdiskussion wurde dieses Potenzial unterstrichen. Ulrich Höllrigl, als Teilnehmer der Diskussion erwähnte: „Immer mehr Milchviehbetriebe schaffen es aufgrund ihrer Kleinstrukturiertheit nicht mehr, ihren Betrieb zu erhalten, gerade deshalb ist es wichtig, nach möglichen Alternativen zu suchen.“ 

Der Südtiroler Bauernbund hat im ELER-geförderten Projekt INNOGeflügel nach möglichen Erwerbschancen in der Mastgeflügelhaltung gesucht und durch Beratungen und Informationsbereitstellung bereits Vorarbeit geleistet, um Bäuerinnen und Bauern den Einstieg in die Mastgeflügelhaltung zu erleichtern. Da sich die Geflügelmast durch geringe Einstiegsinvestitionen auszeichnet, erleichtert das den Betrieben die Möglichkeit, in der Geflügelhaltung eine Alternative zur Milchwirtschaft zu finden. 

In Südtirol wird vorwiegend Freilandhaltung betrieben, was wiederum  positive Auswirkungen auf die Fleischqualität hat. Künftig könnte ein Teil des Geflügels auch unter dem Qualitätssiegel „Roter Hahn“ vermarktet werden, sofern die entsprechenden Vorgaben zu Fütterung und Haltung erfüllt werden. Dafür wurden auch bereits die Aufnahmekriterien zur Marke „Roter Hahn“ angepasst: Derzeit dürfen auch Küken von außerhalb Südtirols zugekauft werden. Das soll so lange gelten, solange es keine eigene Brüterei in Südtirol gibt. Damit das Potenzial der Geflügelhaltung in Südtirol auch weiterhin genutzt werden kann, lädt der Südtiroler Bauernbund dazu ein, Interessengemeinschaften zu bilden, um so Geflügelproduzentinnen und -produzenten, Beraterinnen, Vermarkter und weitere Akteure in diesem Bereich an einen Tisch zu bringen, um die weiteren Bedingungen und Anforderungen für die Geflügelmast in Südtirol zu definieren. 

Südtirols Angebot für die Geflügelschlachtung

Während der Veranstaltung wurde auch immer wieder das bestehende Schlachtangebot für Mastgeflügel in Südtirol angesprochen. An der Veranstaltung nahm auch Walter Baumgartner, Leiter des Eisacktaler Schlachthofes in Brixen, teil. Er ist ein Pionier der in der EU zugelassenen Geflügelschlachtung und möchte sich nun in diesem Bereich weiterentwickeln. Dazu soll in absehbarer Zeit ein neuer eigener Geflügelschlachtraum in Brixen eingerichtet werden. 

Aber nicht nur im Eisacktal soll das Schlachtangebot für Geflügel erweitert und verbessert werden. Auch im Malser Schlachthof soll ab Herbst 2022 ein neuer Geflügelschlachthof fertiggestellt werden, um der bestehenden Nachfrage gerecht zu werden. 

Passend zum Thema präsentierte der Landesveterinärdienst beim ersten Geflügelfachtag die Möglichkeiten der Geflügelschlachtung in Südtirol und ging dabei auf die Regelungen der mobilen, aber auch der Hofschlachtung ein. 

Beratung, Ausbildung und Weiterbildung

Damit die Geflügelhaltung in Südtirol ein etabliertes Standbein werden kann, benötigt es auch ein entsprechendes Aus-, Weiterbildungs- und Beratungsangebot. Der Beratungsring Berglandwirtschaft BRING hat dazu gemeinsam mit dem Südtiroler Bauernbund bereits die Weichen gestellt und die ausgebildete Tierärztin Chiara Perissinotto zur Geflügelberaterin ausgebildet. 

Auch die Fachschule Salern leistet bereits einen wichtigen Beitrag in der Ausbildung zukünftiger Geflügelhalter: Seit Herbst 2020 bietet die Fachschule eine Projektarbeit für Schülerinnen und Schüler im hauseigenen Geflügel-Mobilstall an. Der Fachlehrer Anton Niederstätter begleitet die interessierten Schülerinnen und Schüler und vermittelt ihnen wichtiges Wissen über die Haltung von Zweinutzungshühnern. Dieses und weiteres Angebot soll weiterhin für interessierte Geflügelhalterinnen und Geflügelhalter in Südtirol bestehen bleiben und sollte in Zukunft – ausgerichtet nach der Nachfrage – noch weiter ausgebaut werden. 

„Zusammen sind wir stark“

Anton Koller, Geflügelberater der Landwirtschaftskammer Steiermark, gab einen kurzen Einblick in das Stallmanagement, die Fütterung und die Haltung, während Chiara Perissinotto vom BRING den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wichtige Merkmale über die Biosicherheit und Geflügelkrankheiten vermittelte. 

Abgerundet wurde der erste Geflügelfachtag durch eine Abschlusspräsentation über das Projekt INNOGeflügel, bei der auch ein erfahrener Mastgeflügelhalter aus Südtirol über seinen Werdegang und die letzten vier Jahre sprechen konnte. „Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir noch mehr zusammenarbeiten in Südtirol, um so gemeinsam das Potenzial in der Geflügelhaltung in Südtirol zu nutzen und auszubauen“, sagte Josef Kerschbaumer vom Öbersthof in Feldthurns. 

Die Pausen der Fachvorträge konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzen, um mit Ausstellern aus der Geflügelbranche in Kontakt zu treten und sich mit erfahrenen und weniger erfahrenen Geflügelhaltern aus Südtirol auszutauschen. Ein erfolgreicher erster Geflügelfachtag, der in der Fachschule Salern einen idealen Platz zum gemeinsamen Fortbestehen und zur Weiterentwicklung der Mastgeflügelhaltung in Südtirol gefunden hat.