Produktion | 05.11.2021

„Nutzen ist besser als Nichtstun“

Vaia und Schneedruck haben dem Südtiroler Wald in den vergangenen Jahren arg zugesetzt. Wie geht es dem Wald heute? Und wie können Waldbesitzer mit ihrem Wald auch etwas verdienen? Wir haben uns mit Günther Unterthiner, Direktor der Landesabteilung Forstwirtschaft, unterhalten.

Südtirols Wald hat viel Potenzial, das es bestmöglich auszuschöpfen gilt. Foto: Daniel Gütl

Südtirols Wald hat viel Potenzial, das es bestmöglich auszuschöpfen gilt. Foto: Daniel Gütl

Südtiroler Landwirt: Herr Unterthiner, die vergangenen drei Winter haben Südtirols Wald arg gebeutelt – erst der Sturm Vaia, dann zweimal hintereinander sehr viel Schnee. Wie geht es dem „Patienten“ Südtiroler Wald heute?

Günther Unterthiner: Die letzten drei Jahre waren wirklich außergewöhnlich – ich kenne niemanden, der sich in den vergangenen Jahrzehnten an solch gehäufte Phänomene erinnern kann. Nichtsdestotrotz kann man sagen: Die Störungen, die es in den vergangenen drei Wintern gegeben hat, haben zwar für den Menschen – sprich: die Waldbesitzer – wirtschaftliche Schäden gebracht. Dem Wald selbst geht es aber nicht schlecht, im Gegenteil: Längere Trockenphasen hat es in jüngster Vergangenheit nicht gegeben, im Frühjahr dieses Jahres kam der Regen für den Wald genau zur richtigen Zeit, wir hatten keine größeren Probleme mit Waldbränden ... Für die weitere Entwicklung des Waldes geht es angesichts des Klimawandels vielmehr darum, dass wir unser Standortpotenzial weiter bestmöglich nutzen.

Worin liegt denn dieses Potenzial? Und wovon hängt es ab, ob wir es nutzen können oder nicht?

Was unseren Wald auszeichnet, ist eine sehr große Vielfalt auf verhältnismäßig kleinem Raum. Diese Vielfalt gilt es zu erhalten, und dafür müssen wir für eine maximal mögliche Naturverjüngung sorgen. Damit eine solche möglich ist, müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen vorhanden sein – und dazu gehört, dass sich der Jungwald auch gut entwickeln kann. Und dafür müssen wir vor allem das Problem mit dem Rotwild in den Griff bekommen. 

Wir haben in Südtirol bereits seit Jahren eine Rotwildentwicklung, die nicht mehr nachhaltig ist. Hier brauchen wir unbedingt die Zusammenarbeit der Jägerschaft. Dass angesichts dieses steigenden Rotwilddruckes die Bauern, deren Wiesen an den Wald angrenzen, diese immer stärker einzäunen, ist natürlich verständlich. Andererseits verschärft das das Problem für den Wald, weil der Lebensraum des Rotwildes dadurch eingeschränkt wird. 

Kommen wir zurück zu den Ereignissen der vergangenen drei Winter. Hat der Südtiroler Wald auch dort darunter gelitten, wo er die wichtige Funktion als Schutzwald erfüllen sollte?

Ja, in manchen Gebieten hat auch der Schutzwald erhebliche Schäden zu verzeichnen. Ein Beispiel dafür ist etwa das Gadertal, wo der Schutzwald vor allem vom Borkenkäfer befallen wurde. Auch Aufforstungsarbeiten sind notwendig, aber bis der Wald wieder seine ursprüngliche Funktion erfüllen kann, wird es dauern. In der Zwischenzeit sind örtlich technische Verbauungen zu errichten, um mögliche Gefahren abzuwenden. 

Stichwort Borkenkäfer: Der Borkenkäferbefall war in diesem Jahr besonders hoch – auch eine Folge der genannten Naturereignisse. War dieser Befall in diesem Ausmaß vorhersehbar, oder wäre er vermeidbar gewesen?

Der Befall hat natürlich mit den Ereignissen der vergangenen Jahre zu tun. Dass es in den Jahren nach solchen Vorfällen zu erhöhtem Borkenkäferbefall kommt, ist nichts Neues. Grundsätzlich ist zu sagen, dass wir mit den Aufräumarbeiten nach dem Sturm Vaia im Herbst 2018 sehr zufrieden sein können. Damals handelte es sich jedoch vorwiegend um größere, zusammenhängende Waldflächen, die mit größeren Geräten auch leichter zugänglich waren und somit auch einfacher aufgeräumt werden konnten. Anders war die Lage nach dem Schneedruck in den Wintern 2019 und 2020. Hier waren keine größeren Flächen betroffen, sondern oft kleinere Baumgruppen oder auch einzelne Bäume – und das häufig in einem Gelände, das nur sehr schwer zugänglich ist. Das hat die Aufräumarbeiten extrem erschwert – und dieses Schadholz ist jetzt natürlich eine ideale Brutstätte für den Borkenkäfer. Natürlich wäre es theoretisch mö­-
glich gewesen, die Wahrscheinlichkeit für einen Befall zu reduzieren, indem man auch dieses Holz gründlich aufgeräumt hätte – aber eben nur mit sehr viel höherem Aufwand und auch zu entsprechenden Kosten: Erschwerend kam hinzu, dass die Holzpreise im Keller und ­praktisch keine Holzunternehmen verfügbar waren.

Nach wie vor ist der Wald für viele Waldbesitzer eine gute Einnahmequelle. Lohnt es sich zurzeit, Holz aus dem eigenen Wald herauszunehmen und es auf den Markt zu geben?

Ich würde vielmehr sagen: Der Wald ist eine höchst unterschätzte Einnahmequelle – und zwar vor allem dann, wenn man die Einnahmen auf die Stunde Arbeitsleistung umrechnet, die notwendig ist. Es herrscht oft die Meinung vor: Ich tu lieber nix, denn es ist nix herauszuholen. Das ist ein Trugschluss, denn es ist fast immer besser, den Wald zu nutzen, als nichts zu tun. Das Holz wird ja nicht besser, wenn man es stehen lässt. Einfache Pflegemaßnahmen sind immer möglich, das Verlangen nach Frischholz ist zurzeit groß, die Preise sind relativ gut. Zusammenfassend: Das Potenzial für eine gezielte Nutzung des Waldes wäre da, wird aber oft unterschätzt.

Es ist für den Einzelnen aber oft schwierig, die Preise, die für das Holz gezahlt werden, einzuordnen. Wie könnte sich das verbessern?

Den Überblick über aktuelle Preise am Holzmarkt zu behalten, ist sicherlich nicht leicht. Als Landesverwaltung veröffentlichen wir auf unserer Internetseite (unter dem Link http://bit.ly/rundholzpreise, Anm. der Redaktion) regelmäßig Preise, die erzielt werden, wenn öffentliche Körperschaften – Gemeinden, Fraktionen, Eigenverwaltungen, die Forstdomäne usw. – Holz verkaufen. Natürlich können diese Preise immer nur eine Orientierung sein, weil es viele Variablen – Art und Umfang des Angebots, Kosten für Schlägerung, Transport usw. – gibt. Was wir nicht abbilden können, sind die Preise, welche die privaten Holzhändler und Sägewerke zahlen, mit denen die einzelnen Waldbesitzer zu tun haben. Hier kann ich nur raten, mehrere Angebote einzuholen, auch wenn unsere Waldbesitzer das vielleicht nicht so gewohnt sind.

Wie sieht es mit der Weiterveredelung von Südtiroler Holz aus? Gibt es hier noch Luft nach oben?

In der Weiterverarbeitung gibt es tatsächlich noch viel Luft nach oben. Wir haben in Südtirol wohl unsere Sägewerker, eine weitere Weiterveredelung ist jedoch wenig vorhanden. Am Markt ist Südtiroler Holz vor allem in Form von Kistenholz und Brettern vorhanden, und gerade diese sind von Natur aus größeren Preisschwankungen ausgesetzt. Eine größere Sicherheit am Absatzmarkt würde sicherlich eine genossenschaftliche Organisation der Holzvermarktung geben, wie wir sie in Südtirol aus anderen Sektoren ja schon lange kennen. Der Südtiroler Holzmarkt ist in dieser Hinsicht noch etwas konservativ. 

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