Produktion, Leben | 24.11.2022

Das nördlichste Olivenöl Italiens

Von Kastelbell über Salurn bis hin nach Brixen: Das „Projekt Kurtatscher Olivenöl“ vereint rund 300 Oliven­bäuerinnen und -bauern aus ganz Südtirol. Gestartet ist es 2009. Inzwischen ist es etabliert. Und ein ­Paradebeispiel dafür, welch weite Kreise eine coole Initiative ziehen kann. von Renate Anna Rubner

Kostbare Flaschen: Am „Projekt Kurtatscher Olivenöl“ können auch kleinste Olivenbäuerinnen und -bauern mitmachen.

Kostbare Flaschen: Am „Projekt Kurtatscher Olivenöl“ können auch kleinste Olivenbäuerinnen und -bauern mitmachen.

Ein Freitagabend Ende Oktober, es dämmert. Vor der Kellerei Kurtatsch tummeln sich Menschen, alte und junge, Eltern mit Kindern. Die vertreiben sich die Zeit mit Spielen, während sich die Warteschlange langsam – Meter für Meter – nach vorne schiebt: Die einen haben ein Kübelchen oder einen Korb in der Hand, die andere schieben Kisten Stück für Stück weiter. Alle gefüllt mit Oliven, grüne und dunkle. 

Die Stimmung ist gut, alle reden durcheinander, über Alltägliches, aber auch über die Olivenernte in diesem Jahr. Die gut war, sowohl mengenmäßig als auch was, die Qualität anlangt. Die Fruchtfliege hat heuer wenig Probleme gemacht.

„Projekt Kurtatscher Olivenöl“

Drinnen wird von jedem „Lieferanten“ der Name kontrolliert oder neu erfasst und seine Telefonnummer aufgeschrieben. Dann werden die Oliven gewogen und in einer Großkiste gesammelt. Jeder bekommt seine Behältnisse zurück und unterschreibt dann das Informationsblatt „Projekt Kurtatscher Olivenöl“ auf dem erklärt wird, wann und wo das Öl abzuholen ist, wie verrechnet wird. 

Über allem wacht Otto Pomella. Er ist Bauernbund-Ortsobmann von Kurtatsch und Initiator des Projekts. Geboren ist es im Jahr 2009. Der damalige Direktor des Tourismusvereins von Kurtatsch hat den Anstoß dazu gegeben. Er meinte, es sei doch schade, die Oliven, die in und rund um Kurtatsch auf den Bäumen hängen, einfach zugrunde gehen zu lassen. Kaum jemand pflückte sie. Otto Pomella, damals frischgebackener Bauernbund-Ortsobmann, griff den Gedanken gleich auf. Er nahm mit einer Ölmühle am Gardasee Kontakt auf, dort sollten die Kurtatscher Oliven gepresst werden. 

Kommunikation funktioniert

Im Dorfblatt wurde ein Aufruf gestartet, alle Kurtatscherinnen und Kurtatscher sollten ihre Oliven in der Kellerei abliefern können, an einem Termin Anfang November. So kam es, dass im ersten Jahr 179 Kilo Oliven gesammelt und mit einem Pkw zur Agririva gefahren wurden. Die Agririva ist eine Weinkellerei und Ölmühle zwischen Arco und Riva del Garda. Auch ein Geschäft ist an die Genossenschaft angeschlossen, hier werden hochwertige Nischenprodukte verkauft, auch einige aus Südtirol.

Auch heute noch wird die Sammlung im Kurtatscher Dorfblatt angekündigt. An alle Kontakte, die die Organisatoren über die Jahre gesammelt haben, geht auch eine WhatsApp des Südtiroler Bauernbundes, um auf den Termin aufmerksam zu machen. Seit 2012 gibt es eine Facebook-Seite des Projekts und unter www.oliven.bz eine Webseite als Unterseite des Tourismusvereins von Kurtatsch.  

Die Kommunikation funktioniert, jedes Jahr bringen die Leute ihre Ernte zur Kellerei. Am nächsten Tag geht alles nach Riva, mit der Zeit mussten Gemeinde und Kellerei um ihre Lieferautos gebeten werden. Seit letztem Jahr wurde ein Frächter mit der Fuhre beauftragt. Für die Hinfahrt mit den Oliven und für die Rückfahrt mit den 250-ml-Flaschen voll feinstem „Projekt Kurtatscher Olivenöl ,Extra Vergine‘“.

Von Kastelbell über Salurn bis hin nach Brixen

Dabei stammt nur noch etwa ein Drittel der Oliven aus Kurtatsch selbst, der größere Teil kommt inzwischen aus den Nachbargemeinden bis hinauf nach Kastelbell und Brixen. Wie die Olivenbäuerinnen und -bauern, die in den Jahren seit den Anfängen immer mehr geworden sind, hat sich auch das Projekt stetig weiterentwickelt: „In den ersten Jahren haben wir die Oliven nur pressen lassen, abgefüllt haben wir dann selbst“, erzählt Otto Pomella. Das sei aber eine Riesensauerei gewesen. Heute erfolgt die gesamte Verarbeitung bei Agririva: Pressung, Filtrierung, Abfüllung und Verpackung.

Verarbeitung und Kosten

Filtriert muss werden, um die Haltbarkeit des Öls zu erhöhen. Zudem ist sie gesetzlich vorgeschrieben, wenn man „Extra Vergine“ auf das Etikett schreiben will. „Durch die Filtrierung werden die festen Bestandteile grob entfernt“, erklärt Otto Pomella. In den Grobteilen ist nämlich Wasser enthalten. Dadurch verdirbt das Öl schnell,  es kommt zu Fehl- bzw. Faultönen.

Der ganze Prozess verursacht natürlich Kosten. Sie werden den einzelnen Olivenbäue­rinnen und -bauern weiterverrechnet, sobald sie ihr Öl in der Kellerei abholen, also etwa zwei Wochen nach dem Anliefern der Oliven.

Pro Kilogramm angelieferte Oliven werden 34 Cent verrechnet, das deckt die Spesen für den Transport nach Riva, die Ölmühle und ein Pizzaessen für die freiwilligen Helferinnen und Helfer. Dazu kommen 1,7 Euro für jede Flasche Öl, sprich Glas, Verschluss und Etikette sowie Karton, für Filtrierung und Rücktransport nach Kurtatsch. 

Weil sich die Ölmenge für die einzelnen Produzentinnen und Produzenten flaschenmäßig nie ganz aufgeht, wird auf- oder abgerundet: „Bei den kleinen Produzenten, also bei weniger als zehn Flaschen Öl, runden wir ab 0,3 Flaschen auf, bei den größeren Produzenten erst ab 0,5 Flaschen“, erklärt Otto Pomella. Dann werden für die aufgerundete Ölmenge 15 Euro je Flasche dazugerechnet, beim Abrunden entsprechend ausbezahlt. Alles ist klar geregelt und transparent.

Zehn Prozent des Öls wird einbehalten, diese Flaschen werden für Verkostungen verwendendet oder verschenkt, beispielsweise an die rund zehn Freiwilligen, die bei der Abwicklung mitarbeiten. „Wir sind eine Kerngruppe aus Ortsbauernratsmitgliedern und ein paar anderen Freiwilligen, die uns jedes Jahr helfen“, erklärt Pomella.

Liefermengen von 1,2 bis 300 Kilo

Die größte Lieferung kam heuer von einem Kurtatscher Bauern, 300 Kilogramm Oliven hat er zur Kellerei gebracht. 1,2 Kilogramm waren die kleinste Liefermenge. Insgesamt haben in diesem Jahr 133 Produzentinnen und Produzenten an dem Projekt teilgenommen und 3850 Kilogramm Oliven angeliefert. „Wir hatten zwar schon bessere Erntejahre, was die Mengen anbelangt, die Ölausbeute war in diesem Jahr mit 13 Prozent aber besonders gut“, meint Pomella. Das ergab insgesamt 500 Liter Öl, also rund 2000 Flaschen à 250 Milliliter. 

„Der optimale Zeitpunkt der Ernte ist immer ein Drahtseilakt zwischen Qualität und Menge“, weiß Otto Pomella: Schlägt die Farbe der Oliven um, sinkt die Ölgüte, dafür steigt die Ausbeute. Die Früchte dürfen deshalb nicht zu dunkel werden, höchstens violett. „In den ersten Jahren haben wir den Sammeltermin erst Anfang November angesetzt, nun liegt er um den 20. Oktober, das ist besser für die Ölqualität“, sagt Pomella.

Alle zwei Jahre gibt es ein gutes Erntejahr, denn Olivenbäume alternieren. Die Ausbeute aber hängt stark von der Witterung im Sommer ab. Sie hat auch auf den Befall mit Fruchtfliege Einfluss: Das trocken-heiße Sommerwetter in diesem Jahr hat beides positiv beeinflusst. „In regnerischen Jahren ist es sehr schwierig, die Ausbreitung der Olivenfruchtfliege in Griff zu bekommen“, sagt Pomella. Er gibt aber auch zu, dass niemand größere Anstrengungen unternimmt, weil der Olivenanbau ja nur als Hobby betrieben wird – auch von den Bäuerinnen und Bauern, die am Projekt mitmachen.

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 21 des „Südtiroler Landwirt“ vom 25. November ab Seite 29, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.