„Der Wald betrifft uns alle“
Er ist in Südtirol allgegenwärtig, aber dennoch ist der Wert des Waldes vielen nicht (mehr) bekannt: Das will das Land Südtirol ändern – mit einer auf drei Jahre angelegten Waldkampagne mit dem Titel „Waldatem“. Der zuständige Landesrat Luis Walcher steht dazu Rede und Antwort.
Der Wald geht uns alle an: Luis Walcher – Landesrat unter anderem für Forstwirtschaft – spricht im Gespräch mit dem „Südtiroler Landwirt“ über den Zustand des Südtiroler Waldes, die neue Waldkampagne und darüber, wie Waldbesitzer und Gesellschaft wieder stärker für den Wald sensibilisiert werden können. Das folgende Interview ist eine Zusammenfassung der aktuellen Folge des Podcasts „Zuaglost“.
Südtiroler Landwirt: Herr Landesrat, beginnen wir persönlich: Haben Sie selbst einen Bezug zum Wald?
Luis Walcher: Der Wald ist für mich ein Ort, an dem man Kraft tanken kann. Gerade dort merkt man, wie wichtig Ruhe, Natur und gute Luft für den Menschen sind. Deshalb gehe ich auch immer wieder gerne dorthin.
In den vergangenen Jahren stand der Südtiroler Wald stark unter Druck. Wie ist die Lage heute?
Die heutige Situation ist das Ergebnis mehrerer außergewöhnlicher Naturereignisse. 2018 hatten wir mit Vaia einen schweren Sturm, danach folgten starke Schneedruckereignisse in den Wintern 2019 und 2020. In der Folge kam der Borkenkäfer. Insgesamt haben wir rund sechs Prozent Wald verloren. Viele Menschen haben erst dadurch gesehen, wie wichtig Wald wirklich ist. Wenn auf einmal Waldflächen fehlen, dann leidet nicht nur das Landschaftsbild. Es geht auch um Schutz für Häuser, Straßen und Siedlungen. Der Wald ist eben weit mehr als nur Kulisse.
Hat sich der Wald inzwischen erholt?
Der Wald hat eine große Regenerationskraft. Aber wir dürfen nicht nur zuschauen und hoffen, dass alles von allein passiert. Wir sehen, dass Mischwälder stabiler sind. Deshalb braucht es neben der natürlichen Verjüngung auch gezielte Pflege, damit der Wald gesund und widerstandsfähig bleibt.
Die neue Waldkampagne stellt den Begriff „Atem“ in den Mittelpunkt? Wie sind sie darauf gekommen?
Wir haben lange überlegt, mit welchem Begriff man den Wald am besten mit dem Menschen verbindet. Beim Wort Atem ist schnell klar geworden: Der Wald ist unmittelbar mit unserem Leben verbunden. Er produziert Sauerstoff, speichert CO2, verbessert die Luftqualität und hilft beim Klimaschutz. Der Begriff „Atem“ steht dabei auch für einen Kreislauf. Der Wald gibt uns sehr viel: Sauerstoff, Schutz, Erholung und den Rohstoff Holz. Gleichzeitig braucht der Wald auch etwas zurück. Genau darum geht es: um Pflege, Verantwortung und eine nachhaltige Bewirtschaftung.
An wen richtet sich diese Kampagne? Nur an Waldbesitzer?
Nein, ganz bewusst an alle Menschen in Südtirol. Der Wald betrifft uns alle: als Schutzwald, als Erholungsraum und als Wirtschaftsraum. Natürlich wollen wir auch die rund 24.000 Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer erreichen. Aber wenn die ganze Bevölkerung den Wald besser versteht, dann hilft das am Ende auch den Eigentümern.
Die Kampagne ist auf drei Jahre angelegt. Wie ist sie inhaltlich aufgebaut?
Im ersten Jahr geht es um Sensibilisierung. Wir stellen den Wald als Lebensraum in den Mittelpunkt und erklären Themen wie Biodiversität, Klimaschutz, Schutzfunktion. Die Menschen sollen verstehen, dass der Wald ein lebendiges System ist, das für unser Land eine zentrale Rolle spielt. Im zweiten Jahr rücken wir den Wald als Wirtschaftsraum stärker in den Vordergrund. Holz ist ein regionaler Rohstoff, den wir im Land nutzen können. Wir wollen die Wertschöpfungskette sichtbar machen: vom Waldbesitzer über Sägewerke, Tischlereien und Zimmereien bis hin zum Endprodukt bei den Familien daheim. Im dritten Jahr wollen wir schließlich gezielt auf die Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer eingehen. Es geht um Verantwortung, um die Zukunft des Waldes und auch um das Thema Eigentum. Viele Menschen genießen den Wald als frei zugänglichen Raum. Dabei wird oft vergessen, dass dieser Wald großteils privaten Familien gehört.
Gerade bei den Waldbesitzern gibt es sehr unterschiedliche Ausgangslagen: Manche pflegen ihren Wald regelmäßig und vorbildlich, andere – vor allem landwirtschaftsferne Personen – wissen oft nicht einmal, wo genau sich ihr Wald befindet. Wie wollen Sie alle erreichen?
Das ist tatsächlich eine große Herausforderung. Genau deshalb setzen wir auf einfache und verständliche Information. Wir wollen Wissen vermitteln, Ansprechpartner sichtbar machen und Unterstützungsangebote zusammenbringen. Eine sehr wichtige Rolle spielt dabei der Forstdienst. Er ist mit den Forststationen und vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Land präsent. Dort gibt es Beratung und Unterstützung. Außerdem wollen wir auch finanzielle Anreize sichtbar machen, damit Arbeiten im Wald wieder eher möglich und sinnvoll werden.
Viele sagen: Wenn ich die Natur schützen will, lasse ich den Wald am besten einfach in Ruhe. Was entgegnen Sie darauf?
Das klingt einfach, ist aber so nicht richtig. Ohne gezielte Pflege entstehen oft instabile Bestände. Gerade reine Fichtenbestände sind anfälliger. Dort, wo wir gemischte Wälder haben, sehen wir deutlich mehr Stabilität. Aktive Pflege ist deshalb kein Gegensatz zum Naturschutz, sondern oft eine Voraussetzung dafür.
Ein anderer häufiger Satz lautet: Früher war der Wald die Sparkasse des Hofes, heute ist er eher eine Belastung …
Es stimmt, dass sich vieles verändert hat. Aber Holz wird wieder stärker als wertvoller regionaler Rohstoff wahrgenommen. Wir setzen auf nachhaltigen Holzbau, auf regionale Verarbeitung und auch auf Biomasse. Der Wald wird vielleicht nicht mehr die Sparkasse von früher, aber er soll wieder ein Wert bleiben, auf den man bauen kann. Eine wichtige Bedeutung kommt der Biomasse zu: Was im Wald nicht als Bauholz genutzt werden kann, kann oft noch als Hackschnitzel verwendet werden. Damit kann man einerseits den Wald aufräumen und andererseits regionale Wärme erzeugen. Das ist sinnvoll, wenn der Rohstoff aus Südtirol möglichst gut im Land genutzt wird.
Kann die Kampagne auch dazu beitragen, das Verhältnis zwischen Eigentümern und Gesellschaft zu verbessern?
Davon bin ich überzeugt. Wenn alle besser verstehen, was Wald bedeutet, wem er gehört und welche Arbeit dahintersteht, dann wächst auch der Respekt. Das wäre für alle ein Gewinn: für die Eigentümer, für die Allgemeinheit und für den Wald selbst.
Wann würden Sie sagen, dass diese Kampagne erfolgreich war?
Dann, wenn Ende 2028 mehr Waldbesitzer aktiv geworden sind, mehr Menschen wissen, wem der Wald gehört, und heimisches Holz wieder eine größere Rolle spielt. Vor allem wünsche ich mir, dass die Waldbesitzer wieder mit Stolz sagen: Das ist mein Wald, und ich übernehme Verantwortung dafür. Wenn wir das schaffen, dann haben wir das Ziel unserer Kampagne erreicht.