Entscheidend: das Mitwirken aller
Die Vergilbungskrankheiten der Rebe breiten sich weiter aus. Trotz rigoroser Kontrollen und Rodungen. Ein Betroffener berichtet von seinen Erfahrungen damit. Der Arbeitskreis Weinbau im Südtiroler Bauernbund und das Versuchszentrum Laimburg rufen zur Wachsamkeit auf. Jede/-r ist gefordert!
Markus Ursch ist Weinbauer am Kienasthof in Pinzon/Montan. Die Goldgelbe Vergilbung gehört für ihn schon seit Jahren zur traurigen Realität: In seinen Weinbergen hat er bereits so manchen befallenen Stock roden müssen – rasch und mitsamt Wurzelwerk, wie es vom Landespflanzenschutzdienst verordnet ist. Denn die Goldgelbe Vergilbung ist eine gefürchtete Quarantänekrankheit, sie unterliegt strenger Melde- und Rodungspflicht. Selbstverständlich sind für Ursch auch Pflanzenschutzbehandlungen gegen die Amerikanische Rebzikade (Scaphoideus titanus), die als Vektor (Überträger) für die gefährliche Phytoplasmose gilt. Und trotzdem er konsequent kontrolliert, behandelt und rodet, hat er in diesem Jahr wieder vermehrt symptomatische Rebstöcke in seinen Anlagen entdecken müssen: „Wir sind mit unseren Arbeiten laufend in den Rebanlagen unterwegs und haben sie deshalb gut unter Kontrolle. Im Hochsommer kommen die Symptome deutlich zum Vorschein, die befallenen Stöcke sind nicht zu übersehen“, erzählt er und appelliert an seine Berufskolleginnen und -kollegen: „Ich habe den Eindruck, dass manche die Gefahr der Vergilbungskrankheiten immer noch nicht ernst genug nehmen und die vorgeschriebenen Maßnahmen nur halbherzig umsetzen.“ Dabei sei es wichtig, gemeinsam konsequent vorzugehen, um die Krankheit einzudämmen.
Alle müssen dranbleiben
In dieselbe Kerbe schlägt auch Thomas Plack, Vorsitzender des Arbeitskreises Weinbau im Südtiroler Bauernbund. Er ruft Weinbäuerinnen und Weinbauern zur Umsicht auf: „Wir müssen die Pflanzenschutzbehandlungen gegen die Rebzikade vorschriftsgemäß machen, die Anlagen gut im Auge behalten und symptomatische Stöcke sofort samt Wurzeln entfernen. Nur wenn alle dranbleiben, haben wir eine Chance gegen diese Rebkrankheit.“
Gestresste Pflanzen zeigen Symptome deutlicher
Die Befallssituation stellt sich in diesem Jahr dramatisch dar: Raffael Peer, Weinbauberater beim Beratungsring für Obst- und Weinbau, erklärt: „Zwar läuft das Monitoring noch, aber wir konnten in diesem Jahr deutlich mehr symptomatische Rebstöcke feststellen als im Vorjahr, das zugegebenermaßen ein recht ruhiges Jahr war. Auch zeigten sich die Symptome sehr früh, schon ab Mitte Mai. Die Situation sei vergleichbar mit 2023, sogar etwas schlimmer. Das hängt laut Peer auch mit den hohen Temperaturen und der Trockenheit dieses Sommers zusammen: „Gestresste Reben zeigen Symptome schneller und deutlicher, das trifft für jede Krankheit zu, auch für die Goldgelbe Vergilbung.“ Peer unterstreicht: „Die besondere Schwierigkeit, dieser Krankheit Herr zu werden, besteht darin, dass die Inkubationszeit, also die Zeitspanne zwischen Infektion und dem Auftreten der Symptome, zwischen einem und fünf Jahren dauern kann.“ Das bedeutet, es gibt in den Anlagen latent befallene Stöcke, die infiziert sind, aber man kann es nicht erkennen. Auch von diesen Pflanzen geht aber Ansteckungsgefahr aus. Und dabei spielt der Vektor (Rebzikade) eine zentrale Rolle.
Zahlen stimmen bedenklich
Seitdem die Goldgelbe Vergilbung in Südtirol erstmals aufgetreten ist, läuft neben den verpflichtenden Gegenmaßnahmen auch das bereits erwähnte Monitoringprogramm dazu. Trotzdem zeichnet sich eine Zunahme von Vergilbungskrankheiten (Goldgelbe Vergilbung und Schwarzholzkrankheit) ab, heißt es auch in einer Presseaussendung des Versuchszentrums Laimburg von Ende August. Das Versuchszentrum spricht darin im Namen aller im Südtiroler Weinbau in Forschung, Beratung und Pflanzenschutz tätigen Institutionen und unterstreicht, dass die Südtiroler Weinwirtschaft ihre bisher intensiven Informations- und Kontrollmaßnahmen weiterhin fortsetzt. Gemeinsam ruft man Weinbäuerinnen und Weinbauern zum aktiven Mitwirken auf: „Denn nur durch eine frühzeitige und konsequente Rodung symptomatischer Rebstöcke kann zu einer Eindämmung der gefährlichen Krankheit beigetragen werden“, heißt es darin. Angeführt sind auch konkrete Daten der insgesamt kritischen Situation, die im Rahmen des Monitorings gesammelt werden, das in diesem Jahr von vier Mitarbeitenden des Versuchszentrums Laimburg in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Beratungsring von Mitte Juli bis Mitte Oktober durchgeführt wird: In einigen Weinbergen ist die Anzahl befallener Rebstöcke besonders hoch. Betroffen sind grundsätzlich alle Rebsorten. Bisher wurden 25 Sorten auf knapp 300 Hektar Fläche kontrolliert. Dabei wurden im Durchschnitt 20–30 symptomatische Reben pro Hektar festgestellt. Obwohl dies mit knapp 0,5 Prozent der Reben pro Hektar auf den ersten Blick gering erscheinen mag, ist dieser Wert für eine Krankheit wie die Goldgelbe Vergilbung bedenklich. „Ein Großteil der symptomatischen Reben trägt den Krankheitserreger der Goldgelben Vergilbung in sich und stellt somit einen potenziellen Krankheitsherd dar, heißt es in der Aussendung. Vor diesem Hintergrund weisen das Versuchszentrum Laimburg, der Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau, der Landespflanzenschutzdienst sowie das Konsortium Südtirol Wein auf die Bedeutung kontinuierlicher Überwachung und frühzeitiger Rodung hin.
„Vergilbungskrankheiten sind nicht nur eine Herausforderung für einzelne Betriebe, sondern für den gesamten Südtiroler Weinbau. Um unsere Weinberge zu schützen und die Qualität unserer Weine zu sichern, sind gemeinsame Anstrengungen erforderlich: von der wissenschaftlichen Forschung über die Beratung bis hin zu jeder einzelnen Weinbäuerin und jedem einzelnen Weinbauern“, betont auch Landesrat Luis Walcher. „Das diesjährige Monitoring liefert wieder wichtige Informationen zum Auftreten dieser Krankheiten in Südtirol“, sagt Urban Spitaler, Leiter der Arbeitsgruppe Mittelprüfung am Versuchszentrum Laimburg. Er erklärt: „Das Ziel des Monitorings ist es, Daten zur Ausbreitung zu sammeln und infizierte Rebstöcke mit gelben Bändern zu kennzeichnen, damit diese rasch gerodet werden können. Neben dem Monitoring ist es aber notwendig, dass alle die eigenen Weingüter kontrollieren, damit die infizierten Reben weniger werden.“
Befall früh erkennen, Ausbreitung stoppen
Typische Anzeichen von Vergilbungskrankheiten sind eine Gelbfärbung der Blätter bei Weißweinsorten und eine Rotfärbung bei Rotweinsorten, das typische dreieckige Einrollen der Blätter, eine gehemmte Holzreife sowie vertrocknete oder unreife, säuerliche Trauben. Regelmäßige Kontrollen durch Weinbäuerinnen und Weinbauern sowie Kontrollen im Rahmen aller Kulturmaßnahmen ab Ende Mai sind unerlässlich, um symptomatische Rebstöcke frühzeitig zu erkennen und unverzüglich samt Wurzelstock zu roden. Die konsequente Entfernung infizierter Rebstöcke ist die wichtigste Maßnahme, um die Ausbreitung dieser Krankheiten einzudämmen. Ergänzend dazu ist die Bekämpfung des Hauptüberträgers, der Amerikanischen Rebzikade (Scaphoideus titanus), verpflichtend. Die Rebzikade verursacht die Krankheit nicht selbst, sondern fungiert als Überträger. Beim Saugen an infizierten Reben nimmt sie die krankheitsverursachenden Phytoplasmen auf und überträgt sie auf gesunde Reben.
Forschung zu Ausbreitungs- und Übertragungswegen
Das Versuchszentrum Laimburg arbeitet derzeit an mehreren Forschungsprojekten, um die Ausbreitungsdynamik von Vergilbungskrankheiten der Rebe in Südtirol besser zu verstehen und die wissenschaftlichen Grundlagen für wirksame Präventions- und Eindämmungsmaßnahmen zu schaffen. Eine der Fragen, denen die Forscherinnen und Forscher nachgehen, betrifft die mögliche Rolle von Rebpflanzgut bei der Übertragung der Krankheiten. Untersucht wird, ob junge Reben, die für die Anlage neuer Weinberge verwendet werden, zu Infektionen beitragen können. Gleichzeitig befassen sich laufende Forschungsarbeiten mit dem Vorkommen von Überträgerinsekten. Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchungen zu den Vergilbungskrankheiten betrifft den molekularbiologischen Nachweis der Krankheitserreger in der Rebe. Die so gesammelten Erkenntnisse sollen dazu beitragen, infizierte Rebstöcke früher zu erkennen und Krankheitsherde dadurch gezielter und wirksamer einzudämmen. Ziel der Forschung ist es, den Weinbäuerinnen und Weinbauern wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse sowie praxisnahe Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, um die Ausbreitung von Vergilbungskrankheiten einzudämmen und die Südtiroler Weinberge langfristig zu schützen.