„Jede eurer Stunden ist sehr wertvoll“
Seit 30 Jahren bringen freiwillige Arbeitseinsätze Menschen zusammen, die Südtirols Bergbauernfamilien tatkräftig unterstützen. Bei der Erntedankfeier in Sarnthein wurde zurückgeblickt – und deutlich gemacht, wie aktuell diese Form der Solidarität geblieben ist.
Es war ein Jubiläum, bei dem vor allem jene im Mittelpunkt standen, die seit drei Jahrzehnten das Fundament der freiwilligen Arbeitseinsätze bilden: die Helferinnen und Helfer und die Bergbauernfamilien. Mit der traditionellen Erntedankfeier im Bürgerhaus von Sarnthein beging der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze (VFA) sein 30-jähriges Bestehen. Vertreter der Trägerorganisationen, Förderer, Politik und zahlreiche Wegbegleiter blickten gemeinsam auf drei Jahrzehnte gelebter Solidarität zurück. Gleichzeitig wurde mit dem Jubiläumsbuch „Man spürt jede Hand“ ein Werk vorgestellt, das diese Geschichte aus der Perspektive der Menschen erzählt, die sie geprägt haben. Die Idee zur Gründung des Vereins Freiwillige Arbeitseinsätze entstand Mitte der 1990er-Jahre im Umfeld des Bäuerlichen Notstandsfonds.
Start vor 30 Jahren mit Testgemeinden in drei Tälern
1996 begann man zunächst in einigen Testgemeinden in Ulten, im Sarntal und im Ahrntal damit, bestehende Nachbarschaftshilfe besser zu organisieren und freiwillige Helferinnen und Helfer zugleich besser abzusichern. Ein Jahr später gründeten der Südtiroler Bauernbund, die Caritas, der Südtiroler Jugendring und die Lebenshilfe den Verein Freiwillige Arbeitseinsätze. VFA-Obmann Georg Mayr, der den Verein seit seiner Gründung leitet, erinnerte daran, wie sehr sich das Leben auf den Bergbauernhöfen seither verändert hat. „Im Großen und Ganzen geht es uns gut. Den Bergbauernhöfen geht es heute besser als früher“, sagte Mayr und verwies etwa auf die Erschließung mit Straßen, Strom und Wasser. Ein „bescheidener Wohlstand“ habe auch auf vielen abgelegenen Höfen Einzug gehalten. Das bedeute allerdings nicht, dass die Arbeit weniger geworden sei. Zwar erleichtern Maschinen heute vieles, die Bewirtschaftung steiler Flächen und die Pflege der Kulturlandschaft bleiben aber arbeitsintensiv. Gerade in schwierigen familiären Situationen können einige zusätzliche Hände entscheidend sein. Seit 1996 haben deshalb Tausende Freiwillige auf Südtirols Bergbauernhöfen mitgearbeitet. „In all diesen Jahren haben die unzähligen Helferinnen und Helfer mit ihrem Einsatz einen Beitrag dazu geleistet, dass in Südtirol auch heute noch so viele Bergbauernhöfe auch in extremer Lage bewirtschaftet werden können“, unterstrich Mayr.
14.910 Tage freiwillige Hilfe
Wie lebendig die Idee auch nach drei Jahrzehnten ist, zeigen die aktuellen Zahlen. 2026 wurden 1.673 Freiwillige vermittelt. Gemeinsam leisteten sie 14.910 Einsatztage auf 251 Bergbauernhöfen in allen Teilen Südtirols. Rund zwei Drittel der Helferinnen und Helfer kommen mittlerweile aus Deutschland, weitere aus Österreich, der Schweiz, anderen italienischen Regionen und weiteren europäischen Ländern. Mehr als ein Fünftel stammt aus Südtirol. Fast die Hälfte der Freiwilligen ist über 55 Jahre alt. Dabei habe es in den vergangenen Jahren durchaus Schwankungen gegeben, erklärte Mayr. Nach zwei Jahren der Stagnation sei die Zahl der Helferinnen und Helfer heuer wieder etwas gestiegen. Viele von ihnen stünden mitten im Berufsleben und würden einen Teil ihres Urlaubs dafür verwenden, auf einem Bergbauernhof mitzuarbeiten. Potenzial sieht der Obmann unter anderen bei jüngeren Pensionistinnen und Pensionisten, die körperlich fit sind und ihre Zeit sinnvoll einsetzen möchten. Gleichzeitig könnten deutlich mehr Höfe Unterstützung beantragen. Von rund 20.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Südtirol erfüllen laut Mayr schätzungsweise etwa 1.500 die Voraussetzungen für einen Freiwilligeneinsatz. Tatsächlich melden sich jährlich aber nur rund 300. Eine zentrale Aufgabe der Koordinationsstelle sei es, „die richtigen Helfer zum richtigen Hof“ zu bringen. Denn nicht jeder Einsatz passt zu jedem Betrieb – und umgekehrt.
Hilfe annehmen lernen
Dass es manchmal bereits Überwindung kostet, überhaupt um Hilfe zu bitten, ist auch eine Erfahrung von Leo Hillebrand, Autor des Jubiläumsbuches „Man spürt jede Hand“. Das Buch sei in erster Linie ein Buch über die Helferinnen und Helfer, erklärte er bei der Präsentation. Der Titel selbst gehe auf die Aussage einer Freiwilligen zurück. Hillebrand hat dafür zahlreiche persönliche Berichte gesammelt. Sie zeigen, dass die Einsätze weit über die reine Arbeitsleistung hinausgehen. Wenn Menschen von außerhalb für einige Tage oder Wochen auf einen Hof kommen, greifen sie unweigerlich auch in den Familienalltag ein. Gerade Bergbauernfamilien seien traditionell eher zurückhaltend und es falle manchen nicht leicht, fremde Hilfe anzunehmen. Umso eindrucksvoller sei, wie eng die Beziehungen während vieler Einsätze werden können. Auch die Koordinatorinnen und Koordinatoren seien häufig emotional stark eingebunden. Ähnlich beschreibt es Reinhold Volgger, der die freiwilligen Arbeitseinsätze aus beiden Perspektiven kennt. Seit rund 30 Jahren ist er zum einen selbst Bergbauer, der Helfer auf seinem Hof zu Gast hat. Zum anderen leistet er als Mitglied der Gruppe „Edelweiß“ seit vielen Jahren selbst Arbeitseinsätze auf Bergbauernhöfen im ganzen Land. Natürlich könne es zu Beginn etwas dauern, bis „die Chemie stimmt“. Persönlich habe er jedoch noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Gerade darin liege eine Stärke des Projekts: Menschen, die sich vorher nicht gekannt haben, arbeiten gemeinsam, leben für eine bestimmte Zeit unter einem Dach und müssen sich aufeinander einlassen.
„Man nimmt mehr mit, als man gibt“
Was diese Begegnungen auf Seiten der Freiwilligen bewirken können, machte Ruth Berg deutlich. Sie kam 2006 erstmals für einen Einsatz auf einen Hof im Passeiertal. Schon die Entscheidung, für einige Zeit weit weg von zu Hause zu sein und sich auf einen völlig anderen Alltag einzulassen, sei für sie ein wichtiger Schritt gewesen. „Man nimmt immer mehr mit, als man gibt“, lautet ihre Erfahrung. Auf dem Hof lerne man nicht nur praktische Tätigkeiten kennen, sondern auch Dinge neu zu schätzen, die im eigenen Alltag leicht selbstverständlich werden. Gerade jungen Menschen müsse man deshalb zeigen, was ihnen ein solcher Einsatz bringen könne. Ihre Empfehlung ist einfach: nicht lange erklären, sondern Jugendliche einmal zu einem Einsatz mitnehmen und sie selbst erleben lassen, was dahintersteckt.
VFA hat „aus der Not eine Tugend gemacht“
Auch Alberich Hofer – Bergbauernvertreter im Landesbauernrat – stellte bei der Gesprächsrunde diesen persönlichen Mehrwert in den Mittelpunkt. Im Alpenraum sei es seit jeher notwendig gewesen, „aus der Not eine Tugend“ zu machen: Wer sich zusammenschließe, komme besser weiter. Der Arbeitsalltag auf den Bergbauernhöfen werde zugleich immer schnelllebiger, die verfügbaren Arbeitskräfte reichten vielerorts kaum aus, um alles zu bewältigen. Die freiwilligen Arbeitseinsätze seien deshalb ein gelungenes Projekt, nicht nur für die Höfe. Auch für die Helferinnen und Helfer könne ein Einsatz eine wichtige persönliche Weiterentwicklung sein. „Es gibt eigentlich nur Sieger“, brachte Hofer seine Einschätzung auf den Punkt.
Solidarität als Südtiroler Stärke
Landesrätin Rosmarie Pamer stellte die freiwilligen Arbeitseinsätze in einen größeren Zusammenhang. Solidarität werde in Südtirol traditionell großgeschrieben. Über 200.000 Menschen seien ehrenamtlich tätig. Öffentliche Verwaltung und Ehrenamt könnten sich dabei nicht ersetzen, sehr wohl aber ergänzen. Positiv stimmt Pamer auch die Bereitschaft vieler junger Menschen, landwirtschaftliche Betriebe weiterzuführen. Entscheidend sei, jungen Menschen früh Einblicke zu ermöglichen und ihnen einen Bezug zur Landwirtschaft zu vermitteln. Auch hier könnten Erfahrungen auf Bauernhöfen einen wichtigen Beitrag leisten. Die freiwilligen Arbeitseinsätze erfüllen damit eine Funktion, die über die Unterstützung eines einzelnen Hofes hinausreicht. Menschen aus Städten lernen den bäuerlichen Alltag kennen, Generationen begegnen sich, Gäste aus anderen Regionen und Ländern erleben Südtirol aus einer Perspektive, die ihnen als Urlauber meist verborgen bleibt. Der Verein schafft damit seit 30 Jahren Brücken zwischen Stadt und Land, zwischen Generationen und über Ländergrenzen hinweg.
Landschaft braucht Menschen
Für VFA-Obmann Georg Mayr steht fest, dass diese Form der Unterstützung auch künftig gebraucht wird. Denn die Landwirtschaft im Berggebiet verändert sich weiter. „Die Mechanisierung hat viele Arbeiten erleichtert, kann menschliche Arbeitskraft aber nicht überall ersetzen. Hinzu kommt die Bedeutung der Höfe für die Pflege der Kulturlandschaft“, unterstrich Mayr. Die Bäuerinnen und Bauern würden diese Aufgabe vielfach aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus erfüllen. Davon profitiere letztlich ganz Südtirol – nicht zuletzt der Tourismus. Mayr sieht deshalb auch dort noch Luft nach oben: Wer von einer gepflegten Landschaft und bewirtschafteten Almen profitiert, müsse sich stärker bewusst machen, welche Arbeit dahintersteckt. Auch die Freiwilligen leisteten ihren Beitrag dazu, dass diese Landschaft erhalten bleibt. Gleichzeitig dürfe sich der Verein nicht auf den Erfolgen der vergangenen drei Jahrzehnte ausruhen. Höfe müssten weiterhin ermutigt werden, sich zu melden, wenn sie Unterstützung benötigen. Ebenso gilt es, neue Gruppen von Freiwilligen anzusprechen. Dabei bleibt der Kern der Arbeit klar definiert: Menschen zusammenzubringen, die gemeinsam anpacken wollen. Dass daraus mitunter langjährige Freundschaften entstehen, sei eine schöne Begleiterscheinung.
Besondere Menschen vor den Vorhang holen
Wie viel hinter den nüchternen Zahlen steckt, zeigte sich besonders am Ende der Jubiläumsfeier. Stellvertretend für die vielen Menschen, die in den vergangenen Jahren ihre Zeit und Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben, wurden einige Freiwillige geehrt. VFA-Koordinatorin Monika Thaler stellte sie persönlich vor. Es gehe darum, Menschen „vor den Vorhang zu holen“, die Besonderes geleistet hätten und dies weiterhin tun. Ihre Botschaft galt zugleich allen Helferinnen und Helfern: „Jede Stunde ist sehr wertvoll.“ Die Ehrungen wurden zum emotionalen Höhepunkt der Feier. Applaus gab es auch für drei Menschen, die den Verein seit vielen Jahren prägen: Manuel Kröss ist seit zehn Jahren Mitarbeiter, Monika Thaler seit 20 Jahren Koordinatorin und Georg Mayr seit 30 Jahren Obmann. Zudem dankte der Verein seinen Trägerorganisationen, Förderern und Unterstützern, die die freiwilligen Arbeitseinsätze über viele Jahre mitgetragen haben.
Danke für tatkräftige finanzielle Hilfe
Worte des Dankes gab es auch für die Institutionen und Sponsoren, die den Verein Freiwillige Arbeitseinsätze seit vielen Jahren tatkräftig unterstützen. „Ein besonderer Dank gilt der Südtiroler Landesregierung bzw. dem Amt für Senioren und Soziales sowie dem Amt für Deutsche Kultur, der Firma ASPIAG/Despar und der Stiftung Südtiroler Sparkasse“, unterstrich Obmann Mayr. Drei Jahrzehnte nach den ersten Testeinsätzen hat sich vieles verändert. Geblieben ist eine einfache Idee: Wer Zeit, Kraft und Bereitschaft mitbringt, kann einer Bergbauernfamilie ganz konkret helfen. Und wer mithilft, nimmt häufig selbst etwas mit – Erfahrungen, Begegnungen und einen neuen Blick auf Landwirtschaft und Alltag.
Georg Mayr blickte auf die wechselhafte Geschichte des Vereins zurück.