Unsichtbare Zäune für Weiden
Im Forschungsprojekt „SAGE“ testet das Versuchszentrum Laimburg neue Wege für Südtirols Weiden: Dabei geht es um digitale Weidetechnologien ebenso wie um Agri-Photovoltaik. Diese Kombination soll die Weidehaltung nachhaltiger und flexibler machen.
Wer heute durch Südtirol fährt, sieht eine Kulturlandschaft, die seit Jahrhunderten von Weiden und Nutztierhaltung geprägt ist. Doch die Viehwirtschaft steht vor großen Herausforderungen, weshalb man auf der Suche nach Alternativen zur traditionellen Weidehaltung ist. Ein Ansatz liegt darin, Kühe auf Weideflächen zu halten, die von Zäunen umgeben sind, die nur auf dem Smartphone sichtbar sind: Das klingt nach Zukunftsmusik, wird in Südtirol nun aber erstmals wissenschaftlich getestet. Im europäischen Forschungsprojekt „SAGE“ (Sustainable Agrivoltaic Grazing Ecosystem) untersucht das Versuchszentrum Laimburg gemeinsam mit zehn internationalen Partnern, wie digitale Weidetechnologien in Kombination mit Agri-Photovoltaik die Weidehaltung nachhaltiger und flexibler machen können. In dem Projekt wird in den kommenden drei Jahren untersucht, wie sich digitale Weidetechnologien, Photovoltaik und Weidetierhaltung in einem gemeinsamen Nutzungssystem sinnvoll verbinden lassen. Im Mittelpunkt der Südtiroler Versuche steht dabei das sogenannte „Virtual Fencing“. Dabei werden Weideflächen nicht mehr mit physischen Zäunen abgegrenzt, sondern digital umzäunt. Die Tiere tragen GPS-Halsbänder: Nähert sich ein Tier einer virtuellen Grenze, erhält es zunächst ein akustisches Signal. Nur wenn ein Tier den virtuellen Zaun überschreitet, folgt ein kurzer elektrischer Impuls, der niedriger ist als bei herkömmlichen Elektrozäunen. So lernen die Tiere, sich innerhalb der vorgesehenen Weidefläche zu bewegen.
Erste Versuche in Dietenheim und Deutschland
Besonders aussagekräftig ist der nun startende Test des Versuchszentrums Laimburg am Betrieb Mair am Hof in Dietenheim, der vom Agrarbetrieb der Agentur Landesdomäne betrieben wird: Der Versuch läuft über die gesamte Weideperiode und wird über mehrere Jahre hinweg fortgeführt. Damit können nicht nur erste Reaktionen der Tiere, sondern auch mögliche Langzeiteffekte erfasst werden. Getestet wird ein Virtual-Fencing-System an rund 15 Milchkühen der Rasse Tiroler Grauvieh. Durch die Sensoren an den Halsbändern haben die Forscherinnen und Forscher dabei ein genaues Auge auf das Verhalten der Kühe. Zusätzlich untersuchen sie auch Batterieleistung, GPS-Genauigkeit und die praktische Umsetzbarkeit im landwirtschaftlichen Alltag. Auch am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf bei Rostock im Nordosten Deutschlands, welches das Projekt SAGE koordiniert, soll Virtual Fencing erprobt werden. In den kommenden Jahren soll die Technologie dort auch an Schafen erprobt werden. Dabei kommen GPS-Halsbänder zum Einsatz, die derzeit noch als Prototypen entwickelt werden.
Weidehaltung trifft auf erneuerbare Energie
Virtual Fencing ist jedoch nur ein Teil des Projekts. SAGE untersucht an anderen europäischen Standorten außerdem, wie sich Weidehaltung und die Erzeugung von erneuerbarer Energie miteinander verbinden lassen. Im Fokus stehen dabei Agri-Photovoltaikanlagen – also Photovoltaik-Module auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Sie können nicht nur Strom produzieren, sondern auch das Mikroklima auf Weiden verändern und Weidetieren während Hitzeperioden Schutz und Schatten bieten. Gerade in solchen Photovoltaik-Parks könnte auch Virtual Fencing künftig ein hilfreiches Management-Tool sein: Es ermöglicht etwa eine flexible Einteilung der Weide und kann dazu beitragen, sensible Bereiche wie geschützte Pflanzenbestände, Gebäude, Baumgruppen gezielt von der Beweidung auszunehmen. Erste Versuche zur Kombination von Agri-Photovoltaik mit Weidehaltung wurden bereits in Norddeutschland gestartet: „Wir möchten verstehen, wie sich die Erzeugung von erneuerbarer Energie und Nutztierhaltung so kombinieren lassen, dass sowohl Umwelt als auch Landwirtschaft davon profitieren. Dafür betrachten wir das gesamte System, vom Tierwohl über die Biodiversität bis hin zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit“, erklärt Franziska Koch, Projektkoordinatorin am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf.
Was bedeutet Agri-Photovoltaik für Weiden und Betriebe?
Die technischen und landwirtschaftlichen Untersuchungen zu Agri-Photovoltaik selbst finden nicht in Südtirol statt. Das Versuchszentrum Laimburg bringt jedoch seine Expertise in der Grünlandforschung ein, indem es Futterproben von Versuchsflächen aus mehreren europäischen Ländern analysiert. So können die Auswirkungen der Photovoltaik-Anlagen auf den Ertrag und die Futterqualität in den verschiedenen europäischen Weideflächen bewertet werden. Darüber hinaus untersucht das Forschungsteam des Versuchszentrums die Einstellungen und Erwartungen verschiedener Interessengruppen gegenüber solchen Systemen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sammeln dafür zunächst zentrale Einschätzungen, Fragen und Bedenken aus der Praxis und vertiefen diese anschließend durch eine strukturierte Umfrage. Auch diese Umfragen werden europaweit durchgeführt und schaffen eine fundierte Grundlage für künftige Diskussionen zu Wirtschaftlichkeit, Akzeptanz und die nötigen Voraussetzungen für die Umsetzung. Das Forschungsprojekt SAGE (Sustainable Agrivoltaic Grazing Ecosystem) wird im Rahmen der von der Europäischen Kommission kofinanzierten Partnerschaft AGROECOLOGY durchgeführt und durch die Autonome Provinz Bozen gefördert. Ziel des Projekts ist es, die ökologischen, tiergesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Agri-Photovoltaiksystemen mit Weidetierhaltung zu untersuchen.
Ein Bild aus Norddeutschland: weidende Schafe mit Agri-Photovoltaik im Hintergrund