Die Zukunft der Produktqualität
Ein volatiler Milchmarkt, der Ruf nach mehr Tierwohl und eine Zertifizierung, die Bäuerinnen und Bauern Kopfzerbrechen bereitet – bei der diesjährigen Berglandwirtschaftstagung in der Fachschule Salern ging es um die Zukunft der Viehbetriebe. Klar wurde dabei auch: Südtirol ist gut vorbereitet.
„Südtirol hat immer schon auf Qualität gesetzt und wir haben das am Markt auch gut kommunizieren können“, erklärte Daniel Gasser, Obmann des Beratungsrings Berglandwirtschaft (BRING) bei der Eröffnung der diesjährigen Berglandwirtschaftstagung in der Fachschule Salern. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Die Zukunft der Produktqualität – was kommt auf uns zu?“. Deshalb spannte sich der Bogen der besprochenen Themen von Förderungen für Tierwohl und Tiergesundheit über den komplexen Milchmarkt und dessen Herausforderungen für die heimischen Molkereien bis hin zur Tierwohl-Zertifizierung. Rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren direkt vor Ort oder hatten sich online über die Plattform Zoom zur Tagung dazugeschaltet. Ein gutes Zeichen, wie Daniel Gasser meinte. Er unterstrich: „Nun heißt es, nicht stehenzubleiben, sondern in die Zukunft zu schauen und an einem Strang zu ziehen, um gute Lösungen zu finden und umzusetzen.
Verhandlungen für GAP ab 2028
EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann gab einen Überblick darüber, was in Brüssel ansteht: „Es wird ein entscheidendes Jahr, auch für die Landwirtschaft.“ Denn es fallen die ersten Entscheidungen zur Gemeinsamen Agrarpolitik ab 2028. „Vorschläge sind auf dem Tisch, man wird in etwa mit demselben Budget wie bisher rechnen können.“ Das sei prinzipiell nicht schlecht, aber es bleibe die Frage, wie das Geld künftig verteilt werden soll. Dorfmann plädierte dafür, dass EU-Förderungen noch stärker in Richtung schwierige Lagen und klein strukturierte Betriebe gehen müsse. „Uns steht eine spannende Zeit bevor, wir werden sie in diesem Sinne mitgestalten“, meinte Dorfmann.
Mehr Tierwohl durch Alpung
Über Fördermaßnahmen, die auf ein verbessertes Tierwohl abzielen, sprach Ulrich Höllrigl, Direktor des Ressorts Landwirtschaft: „Wir wollen die klein strukturierte Landwirtschaft unterstützen und bestmöglich erhalten. Denn der Berglandwirtschaft kommt eine Schlüsselrolle zu“, erklärte er. Dabei sei Nachhaltigkeit zentral, neben der ökologischen auch die soziale und vor allem die ökonomische. „Wir glauben an die Milchwirtschaft“, bekräftigte der Ressortdirektor, „und haben bereits viel Geld hineingesteckt: beispielsweise mit Kampagnen, um die Begehrlichkeit der heimischen Produkte zu stärken.“ Tierwohl gehöre auch zum Thema Nachhaltigkeit, meinte Höllrigl. Sowohl von der Europäischen Union als auch vom Land gebe es Prämien für Maßnahmen dazu: Beispielsweise die Öko-Regelung 1 der EU, die eine freiwillige Prämie für die Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes und für Maßnahmen zum Tierwohl vorsieht. Die Classyfarm-Registrierung sei Voraussetzung dafür. Auch die Alm- und Tierwohlprämie des Landes zielt auf die Förderung von Tierwohl durch die Alpung. Ein positiver Nebeneffekt: Die Almen werden durch die Bestoßung offengehalten. Zudem soll mit der Maßnahme die Aufzucht von Jungtieren unterstützt und gefördert werden. Die Gesuchstellung ist nur online möglich, von 1. April bis 30. Juni. „Wir haben dafür ein ansehnliches Budget vorgesehen, Bäuerinnen und Bauern können mit etwa 200 Euro pro Großvieheinheit rechnen“, versprach Ulrich Höllrigl. Er gab einen Überblick über die Zahlen der Alpung über die letzten Jahre hinweg: „Bei Rindern und Großvieheinheiten ist zwischen 2020 und 2024 ein leichter Anstieg festzustellen, das ist sehr positiv“, erklärte der Ressortdirektor. Bei Ziegen sei ein großer Zuwachs zu verzeichnen, bei Schafen seien die Alpungszahlen eher stabil. „Wir erhoffen uns nun einen weiteren Zuwachs, er wird dem Tierwohl und damit der Berglandwirtschaft zugutekommen“, unterstrich Höllrigl.
Genossenschaften als Anker der Sicherheit
Einen Einblick in die komplexen Zusammenhänge und Herausforderungen im internationalen und nationalen Milchmarkt gab Matthias Baumgartner, Geschäftsführer von Bergmilch Südtirol: Als Stichwort für das Marktumfeld gab er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern „VUCA“ mit auf den Weg: Das Akronym steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität (complexity) und Ambiguität. Die Volatilität betreffe Preise (Kakao beispielsweise) ebenso wie Trends, die sich ständig verändern. Daraus ergeben sich Unsicherheiten, befeuert auch durch die angespannte makropolitische Situation (Zölle, Krisen u. dgl.) oder durch Nachhaltigkeitsansprüche und Tierwohlanforderungen, weil niemand wisse, wo die Reise hingeht. Komplexität entstehe durch Gesetze, zunehmende Bürokratie und Digitalisierung, und Ambiguität durch Spannungsfelder wie Bio oder Konventionell, Standardisierung oder Individualisierung, Gesundheit oder Geschmack (beim Thema Zucker beispielsweise).
Auch auf Angebotsseite zeichnete Baumgartner das Bild weltweit: Insgesamt werden jährlich 800 Millionen Tonnen Milch produziert, vor allem in Indien mit einem Viertel der weltweiten Menge, aber auch einem großen Markt, gefolgt von der EU (146 Mio. t) und den USA (103 Mio. t). Auch Neuseeland ist ein großer Produzent und spielt vor allem als Exporteur eine nicht zu vernachlässigende Rolle auf dem Weltmarkt. In Italien sind vor allem die Lombardei, die Emilia-Romagna, Venetien oder das Piemont große Milchproduzenten, Südtirol hat eine Jahresproduktion von 500 Millionen Kilogramm. Zwar ist die Anzahl der Milchviehbetriebe weltweit, national und auch im Land rückläufig, teils sogar stark, die Milchmenge ist aber in den letzten Jahren stetig gestiegen, weil die Milchleistung der Kühe deutlich zugenommen hat. „Also ist mehr Milch da. Der Milchpreis schwankt seit 2026 stark, allerdings auf insgesamt höherem Niveau als vorher“, erklärte Baumgartner. Derzeit sei viel Milch auf dem Markt, während der Konsum stagniert. Also sinkt der Preis. Der Spotmilchpreis sei sogar auf sehr niedrigem Niveau, meinte Baumgartner, deshalb sei die Situation aktuell kritisch. „Das werden wir in den nächsten Monaten zu spüren bekommen“, meinte er und versicherte, „wir werden versuchen, das die Mitglieder nicht spüren zu lassen.“ In der Verarbeitung gibt Europa den Ton an: Auch hier nimmt die Konzentration zu, die großen Betriebe wachsen stark. Das gelte auch für Italien, wo auch einige Genossenschaften ganz vorne mitmischen, erklärte der Bergmilch-Direktor, der dann die Nachfrage unter die Lupe nahm: Während sich der Handel in Deutschland auf fast ausschließlich vier Handelsketten und der in Österreich sich sogar nur auf drei konzentriert hat, zeigt er sich in Italien vergleichsweise fragmentiert. Das sei ein Vorteil, meinte Baumgartner. Er prognostizierte aber, dass es auch hier in den nächsten Jahren zu Zusammenschlüssen und Übernahmen kommen wird. Insgesamt werde der Anteil an Discountern weiter steigen und auch die Eigenmarken der Handelsketten werden weiter ausgebaut werden, wie es in Deutschland und Österreich bereits gang und gäbe ist.
Der Konsum von Milch und Molkereiprodukten ist weltweit gut, denn der Trend geht allgemein in Richtung gesunde, proteinreiche Nahrungsmittel. Die Themen Nachhaltigkeit, Tierwohl und Ethik, Genuss und traditionelle Werte oder auch Regionalität werden für Konsumentinnen und Konsumenten immer wichtiger, aber auch alternative Produkte (beispielsweise Soja- und Haferdrink oder Kokosjoghurt) und nicht zuletzt Preis- und Wirtschaftsdynamiken nehmen einen wichtigen Stellenwert bei Kaufentscheidungen der Verbraucherinnen und Verbraucher ein. Baumgartner resümierte: „Der Milchmarkt ist im Wandel. Wir als Genossenschaft sind ein Anker der Stabilität. Wir garantieren stabile Abnahmemengen für unsere Mitglieder und setzen unseren Fokus auf Qualität und Innovation. Dadurch erreichen wir eine bessere Wertschöpfung und Markenstärke. Das bedeutet konkret: Die Milchwirtschaft bleibt zwar herausfordernd, aber für qualitätsorientierte Bergbauern ist und bleibt sie sicher eine Chance.“ Anschließend stellten sich die Referenten den Fragen aus dem Publikum im Saal und zu Hause vor den Bildschirmen. Dabei ging es den Bäuerinnen und Bauern vor allem um Präzisierungen zu den verschiedenen Förderungen, zu Einschätzungen zum Handelsabkommen Mercosur und seine Auswirkungen für Südtirol, zur Betriebsabsicherung durch den Mutualitätsfonds und – natürlich – zum im Raum stehenden Zusammenschluss von Bergmilch Südtirol und Milchhof Brixen Brimi.
Classyfarm und SQNBA: keine Sorge!
In einem zweiten Themenblock drehte sich alles um Classyfarm und die nationale Tierwohlzertifizierung SQNBA. Dazu sprachen Angelika Oberkofler, Leiterin Tierwohl und Nachhaltigkeit im Sennereiverband Südtirol, und Christian Plitzner, Geschäftsführer des Beratungsrings Berglandwirtschaft (BRING): Plitzner erklärte, welche Pflichten die Tierhalterinnen und Tierhalter in diesem Zusammenhang haben. Classyfarm fragt in verschiedenen Themenbereichen ab, wie die Tiere am Hof gehalten werden, wie oft und womit sie getränkt und gefüttert werden und wie es mit der Biosicherheit am Betrieb ausschaut. Plitzner erklärte: „Man muss nicht überall Klassenbester sein, letztendlich müssen 60 Prozent erreicht werden. Das schaffen sogar Betriebe mit älteren Anbindeställen anhand kleiner Anpassungen. Die meisten Punkte sind sowieso gesetzlich vorgeschrieben.“ Wie die Zertifizierungskontrolle für das Tierwohllabel SQNBA abläuft, erläuterte Angelika Oberkofler. Das Label soll künftig das einzige in Italien gültige Tierwohllabel sein, um die Konsumentinnen und Konsumenten möglichst klar und eindeutig beim Einkauf zu unterstützen. Wie diese das neue Label annehmen bzw. inwiefern sich Verarbeitungsbetriebe dafür öffnen, bleibt noch abzuwarten.
Ein Betrieb erzählt von seinen Erfahrungen
Wie man den Betrieb mit einfachen baulichen Maßnahmen tierwohlgerecht gestalten kann, erklärte schließlich der BRING-Berater Michael Kuppelwieser, während der Viehbauer Christoph Lageder vom Tatscherhof in Kastelruth von seinen Erfahrungen bei der Classyfarm- und SQNBA-Zertifizierung erzählte: Lageder war einer der Pilotbetriebe, die sich im letzten Jahr freiwillig zertifizieren ließen. Der Classyfarm-Teil wurde im August kontrolliert. Von einer italienischsprachigen Zertifiziererin, die dabei vor allem auf Biosicherheit eingegangen ist. Das Ganze habe etwa eine Stunde gedauert, mit positivem Ergebnis, wie Lageder erzählte. Die SQNBA-Kontrolle sei im November erfolgt. Lageder hatte vom Sennereiverband die Liste aller Dokumente, die man dazu braucht. Die Kontrolle hat 2,5 Stunden gedauert, wobei vorwiegend die Dokumente kontrolliert wurden, also Almregister, Medikamentenregister, Stallregister, Wasserproben, Milchproben, Kontrollheft usw. Zum Schluss ging es in den Stall, dort wurden die Liegeflächen gemessen, der Insektenplan, der Zustand der Kühe und die Ohrmarken kontrolliert. Lageder ist zuversichtlich, dass die Kontrolle in Ordnung war. Er zog ein positives Resümee: „Das Ganze hat mir mehr Angst gemacht als nötig. Wenn man die Dokumentation in Ordnung hat und den Stall auf die wichtigsten Punkte durchkontrolliert, ist die Zertifizierung kein Problem“, ist er sich sicher. Trotzdem gab es aus dem Publikum noch viele Fragen zum Thema Zertifizierung, die Kontrollen flößen Respekt ein. Nicht zuletzt, weil sie in italienischer Sprache durchgeführt werden und weil auf Punkte wie Biosicherheit und dergleichen großer Wert gelegt wird. Christian Plitzner bat, Ruhe zu bewahren: „Wir stehen bei Fragen und Unsicherheiten gerne zur Seite und beraten. Der Großteil unserer Betriebe schafft die Zertifizierung ohne Schwierigkeiten.“