Die moderne Bäuerin leistet viel: Landwirtschaft, Familie, Zuerwerb oder Berufstätigkeit, die Belastung ist entsprechend groß.

Internationales Jahr: sichtbar und abgesichert

Landesbäuerin Antonia Egger hat zum Internationalen Jahr der Bäuerin eine klare Botschaft: Bäuerinnen tragen die Landwirtschaft – jetzt braucht es strukturelle Reformen! Im Interview spricht sie auch über Altersarmut und echte Wertschätzung für ­Bäuerinnen.

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Bäuerinnenorganisation

Für 2026 haben die Vereinten Nationen das Internationale Jahr der Bäuerin ausgerufen. Weltweit leisten Frauen fast 40 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit, besitzen aber nur einen Bruchteil der Flächen und tragen vielfach die Mehrfachbelastung aus Landwirtschaft, Familie, Pflege und Erwerbsarbeit. Auch in Südtirol ist die Situation der Bäuerinnen komplex: die hohe Arbeitsbelastung bei gleichzeitig unklarer finanzieller Eigenständigkeit und die mangelnde Altersabsicherung prägen den Alltag vieler Bäuerinnen. Landesbäuerin Antonia Egger spricht diese Themen an. Und sie unterstreicht, welche Chancen im Internationalen Jahr der Bäuerinnen liegen, welche politischen Schritte notwendig sind und warum Wertschätzung für die Bäuerinnen allein nicht reicht.

Südtiroler Landwirt: Frau Egger, was bedeutet Ihnen das Internationale Jahr der Bäuerin? Und was soll es weltweit bewirken?
Antonia Egger:
Für mich ist dieses Jahr ein starkes Signal. Die Arbeit der Bäuerinnen findet weltweit im Hintergrund statt. Viele Leistungen werden als selbstverständlich hingenommen: das Versorgen der Familie, die Arbeit am Hof, die Pflege älterer Angehöriger und nicht zuletzt die Lebensmittelproduktion. Die Vereinten Nationen machen jetzt sichtbar, wie groß der Beitrag der Frauen zur Ernährungssicherheit, zur nachhaltigen Landwirtschaft und zur Bewältigung des Klimawandels ist. Das ist eine Wertschätzung unserer Leistungen – gleichzeitig aber auch ein klarer Auftrag, die Situation der Bäuerinnen zu verbessern. Es geht nämlich auch um unsere Rechte, um faire Arbeits- und Rahmenbedingungen.

Wie wird die Südtiroler Bäuerinnenorganisation dieses Jahr gestalten?
Wir möchten in diesem Jahr die große Vielfalt der Bäuerinnen sichtbar machen. Deshalb stellen wir jeden Monat eine Bäuerin mit einem Themenschwerpunkt vor: nachhaltige Landwirtschaft, soziale Landwirtschaft, Erhalt alter Sorten, Zuerwerb, Pflegearbeit, Doppelbelastung und vieles mehr. Damit zeigen wir, wie breit das Aufgabenspektrum der Bäuerinnen ist – und wie unterschiedlich die Herausforderungen je nachdem, wo und wie der Hof liegt, wie er strukturiert ist, wie die Lebenssituation der Bäuerin am Hof ist. Es geht um echte Gesichter und ihre echten Geschichten, nicht um Klischees.

Viele der weltweit beschriebenen Ungleichheiten betreffen auch Europa: wenig Landbesitz, eingeschränkter Ressourcenzugang, Mehrfachbelastung. Spüren das auch die Bäuerinnen in Südtirol?
Ja, natürlich. Auch bei uns gibt es strukturelle Schwächen: Viele Frauen haben beispielsweise keine eigenen finanziellen Mittel, obwohl sie am Hof mitarbeiten. Das nimmt ihnen Eigenständigkeit und erschwert private Entscheidungen. Ein zweiter zentraler Punkt ist die Altersabsicherung. Wenn Frauen nicht zusätzlich außer Haus arbeiten oder Beitragslücken haben, ist Altersarmut vorprogrammiert. Das darf nicht sein! Auch das ist ein Thema, das wir heuer stark in den Mittelpunkt rücken.

Die Bäuerinnenumfrage von 2022 zeigt, dass sowohl körperliche als auch psychische Belastung in der Landwirtschaft nach wie vor hoch sind. Wie bewerten Sie das?
Die Zahlen der Umfrage decken sich ganz klar mit dem, was wir seit Jahren hören. Die körperliche Belastung ist zwar weniger geworden, doch im Berggebiet, wo die Mechanisierung Grenzen hat, bleibt sie trotz allem hoch. Die psychische Belastung ist vor allem eine Folge der Mehrfachrollen: Landwirtschaft, Familie, Pflege, Zweitberuf. Trotzdem sagen fast alle Bäuerinnen, dass sie ihren Beruf mögen. Der Hof bietet ihnen gewisse Freiheiten, Kreativität und wird als sinnstiftend empfunden. Aber die Herausforderungen müssen ernst genommen werden.

Ein Schwerpunkt, den Sie immer wieder betonen, betrifft Frauen mit Zweitberuf. Warum ist diese Gruppe so wichtig?
Weil sie stellvertretend für viele Probleme steht: wirtschaftliche Unsicherheit, Überbelastung, fehlende soziale Absicherung. Ein Zweitberuf entsteht selten „aus Spaß am Arbeiten“, sondern oft aus einer wirtschaftlichen Notwendigkeit heraus. Denn diese Frauen leisten einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt der Höfe. Gleichzeitig müssen wir über Entlastung sprechen – sowohl gesellschaftlich als auch politisch.

Junge Bäuerinnen sind bereit, auf den Höfen neue Wege zu gehen, suchen nach Innovationen. Doch immer wieder sehen sie sich mit finanziellen und bürokratischen Hürden konfrontiert. Was muss geschehen, um diese motivierten Frauen besser zu unterstützen?
Wir brauchen einen leichteren Zugang zu Investitionen und insgesamt weniger Bürokratie. Viele junge Frauen haben gute Ideen – von Direktvermarktung über Agrotourismus bis hin zu neuen Produktionszweigen – aber sie scheitern oft am Startkapital oder an komplexen Antragsverfahren. Deshalb braucht es gezielte Förderprogramme für Frauen, die Innovationen am Hof umsetzen wollen, und zwar niederschwellig und schnell. Außerdem muss die Beratung ausgebaut werden, damit Frauen nicht allein durch den Förderdschungel müssen. Ein weiterer Punkt ist die Anerkennung ihrer Rolle in Übergabeprozessen: Wenn junge Frauen Verantwortung übernehmen wollen, brauchen sie klare rechtliche Rahmenbedingungen und echte Gestaltungsspielräume. Nur dann können sie ihre Ideen auf den Höfen verwirklichen.

Auch die Sichtbarkeit der Bäuerinnen ist ein Ziel dieses Jahres. Reicht das aus, um etwas zu verändern?
Sichtbarkeit ist wichtig, aber sie ersetzt keine strukturellen Reformen. Wir reden von einer besseren Altersabsicherung, von mehr finanzieller Eigenständigkeit, von stärkeren Rechten in Betrieben und Genossenschaften, von gerechter Bewertung der Arbeit von Frauen. Das Sichtbarmachen ist der erste Schritt. Und dann müssen wir dranbleiben und hartnäckig unsere Ziele einfordern.

Sie arbeiten 2026 auch mit externen Institutionen zusammen. Was versprechen Sie sich davon?
Das Frauenmuseum widmet seine Vitrine dem Internationalen Jahr der Bäuerin. In Zusammenarbeit mit dem Landesbeirat für Chancengleichheit und dem Versuchszentrum Laimburg entwickeln wir begleitende Veranstaltungen. Damit erreichen wir vermehrt auch Menschen, die nicht aus der Landwirtschaft kommen – und genau das brauchen wir. Deshalb sind auch unsere Schulprojekte wichtig. Es muss uns gelingen, dass die Landwirtschaft wieder besser verstanden wird. Ansonsten wird es schwierig, in Zukunft Menschen für die Landwirtschaft und auch für unsere Produkte zu begeistern. 

Angesichts der Vielfältigkeit der Bäuerinnen, wofür setzt sich die Bäuerinnenorganisation ein? Und wo möchten Sie Fortschritte erzielen?
Unsere Arbeit konzentriert sich auf drei zentrale Bereiche: die soziale Absicherung und die wirtschaftliche Eigenständigkeit der Bäuerinnen sowie ihre Entlastung im Alltag. Ein großes Anliegen ist auf jeden Fall die Verbesserung der Altersvorsorge für Bäuerinnen. Wie bereits gesagt: Viele Frauen arbeiten jahrzehntelang mit, ohne dass sich das später in ihrer Rente widerspiegelt. Das muss sich ändern! Gleichzeitig setzen wir uns für finanzielle Eigenständigkeit ein, etwa durch klare arbeitsrechtliche Modelle am Hof und bessere Absicherung im Krankheits- oder Pflegefall. Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Vereinbarkeit von Landwirtschaft, Familie und Pflege. Hier brauchen wir Unterstützungsangebote, flexible Kinderbetreuung und funktionierende Entlastungsdienste. Und nicht zuletzt arbeiten wir daran, dass Frauen in Entscheidungsgremien stärker vertreten sind – in Genossenschaften, Verbänden und politischen Gremien. Denn nur wenn Frauen aktiv mitgestalten, können sich Strukturen langfristig verändern. Und noch etwas ist uns wichtig: Bäuerinnen müssen gut auf sich achten, sich Zeit für Erholung nehmen und ihre eigenen Grenzen wahrnehmen. Auch dafür möchten wir sensibilisieren.

Die geringe weibliche Präsenz in den Gremien der Genossenschaften haben Sie gerade angesprochen. Warum ist das problematisch?
Weil Frauen wichtige Perspektiven einbringen, brauchen wir mehr weibliche Präsenz in Entscheidungsgremien. Frauen wären bereit, Verantwortung zu übernehmen, scheitern jedoch oft am Zeitfaktor. Deshalb ist die Unterstützung in der Familie – und ganz besonders der Männer – entscheidend. Männer müssen bereit sein, Aufgaben in der Familie zu übernehmen, damit Frauen überhaupt Freiräume für Gremienarbeit und Entscheidungen gewinnen können. Gleichzeitig braucht es die Bereitschaft, Frauen den nötigen Raum zu lassen, ihre Ideen einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Nur wenn beide – Frauen und Männer – an einem Strang ziehen, können wir echte Beteiligung und Gleichberechtigung erreichen.

Viele EU-Strategien setzen stark auf Nachhaltigkeit und Klimaanpassung. Wie sehr betreffen diese Vorgaben die Bäuerinnen?
Bäuerinnen sind oft die treibende Kraft hinter nachhaltigen Maßnahmen: Sortenerhalt, Direktvermarktung, kurze Kreisläufe, Bodenpflege. Aber politische Vorgaben dürfen nicht zu bürokratisch oder unrealistisch sein. Nachhaltigkeit gelingt nur, wenn sie in der Praxis machbar bleibt. Dafür müssen wir sorgen.

Förderprogramme berücksichtigen häufig nicht die tatsächliche Arbeitsleistung der Frauen. Teilen Sie diese Kritik?
Ja. In vielen Förderlogiken zählt vor allem der Betriebsinhaber – meist ein Mann. Frauen arbeiten mit, übernehmen Verantwortung, pflegen Angehörige, diversifizieren Betriebe – aber ihre Leistungen werden selten erfasst. Wir brauchen mehr Gender-Sensibilität in agrarpolitischen Programmen. Das Internationale Jahr der Bäuerin ist die ideale Gelegenheit, diese Ungleichheiten sichtbar zu machen und zu korrigieren.

Die Zukunft kleiner und mittlerer Betriebe steht europaweit zur Debatte. Was brauchen diese Höfe – und damit viele Bäuerinnen – am dringendsten?
Sie brauchen faire Preise, verlässliche Rahmenbedingungen und starke soziale Sicherungssysteme. Viele Bäuerinnen arbeiten auf entlegenen Höfen, die strukturell benachteiligt sind. Dort braucht es auch bessere Infrastruktur: Kinderbetreuung, Mobilität, digitale Versorgung. Wenn wir wollen, dass Berg- und Familienbetriebe eine Zukunft haben, muss die Politik langfristig in diese Regionen investieren und sich auch überlegen, was wir Frauen brauchen.

Zum Abschluss noch eine Frage Ihrer Einschätzung: Wie sieht für Sie die Bäuerin der Zukunft aus?
Sie ist aufgeschlossen, innovativ, engagiert – genau wie heute. Viele junge Frauen bringen viel Wissen und Mut mit auf die Höfe. Ein Hof ist ein besonderer Ort, und wenn die Rahmenbedingungen stimmen, wird die Bäuerin der Zukunft selbstbewusst, gut abgesichert und voller Gestaltungskraft sein. Ein Vorteil für die Landwirtschaft, denn das sichert die Zukunft der Höfe. 

Antonia Egger: „Sichtbarkeit ist wichtig, aber sie ersetzt keine strukturellen Reformen.“

Ulrike Tonner

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