Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 23.06.2022

Ein Abschluss als Startschuss

Drei Bäuerinnen, ein Bauer, vier Höfe: jede/-r eigen und besonders. Was sie aber alle gemeinsam haben: konkrete Entwicklungspläne für die nähere Zukunft. Das wurde beim ersten Vormittag der Abschlussgespräche für die zweite Auflage der Direktvermarkter-Akademie deutlich. von Renate Anna Rubner

Helga Laimer Lobis stellt ihre Betriebe, den Mitterer- und den Runsthof, der Kommission vor.

Helga Laimer Lobis stellt ihre Betriebe, den Mitterer- und den Runsthof, der Kommission vor.

Der Mitterer- und der Runsthof oberhalb von Lana werden von Helga Laimer Lobis und ihrem Mann Günther bewirtschaftet: Vorwiegend werden hier Obstbau und Weinbau betrieben, Äpfel und Trauben werden an die Genossenschaft geliefert. Daneben gibt es eine Blaubeer-Anlage, Marillen und Pfirsiche, Kirschen, Zwetschgen, Birnen und Kastanien. Seit 2020 arbeiten Helga und Günther Vollzeit am Hof, er hat seinen Nebenberuf als landwirtschaftlicher Betriebsleiter und sie ihren als Tagesmutter aufgegeben. 

Die beiden Töchter sind aus dem Haus, ob sie die Höfe übernehmen werden, steht noch in den Sternen. Was Helga und Günther aber möchten: in 15 bis 20 Jahren einen schuldenfreien Betrieb übergeben, der auf festen Beinen steht. Deshalb haben sie noch große Pläne. Und das ist der Grund, wieso Helga Laimer Lobis in den letzten Monaten die Direktvermarkter-Akademie der  Bauernbund-Weiterbildung besucht hat. Es war die zweite Auflage dieser Ausbildung, wegen Corona und krankheitsbedingter Ausfälle hat sich der Start verzögert, erst am 10. Dezember ist sie gestartet. 

In 180 Stunden wurde den Teilnehmerinnen und dem Teilnehmer in Modulen von Bodenkunde über Ernährungstrends bis hin zu Steuerrecht, Hygiene und Marketing das gesamte Spektrum der Direktvermarktung vermittelt. Insgesamt nahmen 19 Bäuerinnen und Bauern an der Akademie teil. Am 10. und 17. Juni fanden die Abschlussgespräche statt. 

In einer Dreiviertelstunde stellten die Bäuerinnen und Bauern ihre Betriebe und Zukunftspläne vor. Die Kommission, bestehend aus Hans J. Kienzl und Janine Gamper von der Abteilung Marketing und Matthias Bertagnolli von der Bauernbund-Weiterbildung, stellte Fragen dazu und wollte vor allem eines wissen: Was war wertvoll in der Ausbildung, was weniger? Welche Module fanden besonders Anklang? Hat man noch einen Wunsch an den Südtiroler Bauernbund? Bei vier Gesprächen war auch der „Südtiroler Landwirt“ als Zaungast dabei. Mit dem Einverständnis der Teilnehmerinnen und des Teilnehmers, ihre Geschichte und Pläne zu erzählen. Dafür sei ihnen an dieser Stelle gedankt!

Eines vorweg: Alle vier Kandidaten des ersten Vormittags haben konkrete Ideen für ihre Höfe und haben sie teilweise auch schon umgesetzt oder sind gerade dabei. Sie haben dafür viel Lob bekommen und das Versprechen, dass der Südtiroler Bauernbund und auch alle Referentinnen und Referenten des Lehrgangs für sie Ansprechpartner bleiben und bei jeglichem Problem kontaktiert werden können. 

Mitterer- und Runsthof in Lana

Helga und Günther beispielsweise vermarkten Beeren und verschiedenes Obst ab Hof, für Verwandte und Bekannte kocht Helga Säfte, Sirupe und Kompotte ein. Künftig möchten sie das Produktsortiment erweitern und Dörrobst, Kräutersalz, Pesti, Apfelsaft oder passierte Tomaten herstellen. Vielleicht sogar einen eigenen Wein keltern, für den Eigengebrauch machen sie und ihr Mann das schon. Um das professionell aufzuzäumen, bräuchte es aber einen Weinkeller. Und damit eine große Investition. Deshalb will das gut überlegt sein. 

Auch ein Hofladen ist angedacht, dazu muss aber zunächst die Wertschöpfung am Hof gesteigert werden. „Durch den Lehrgang ist mir klar geworden, dass ich unsere Produkte zu günstig hergebe“, erklärt die Bäuerin. Ihr sei klar geworden, dass sie ihre Arbeitskraft in die Kosten- und Preiskalkulation mit einrechnen müsse, auch wenn sie dafür ihre „Freizeit“ verwende. Deshalb wolle sie in diesem Jahr genau darüber Buch führen, wie viel Zeit welche Arbeit in Anspruch nimmt, um dann eine gute Kostenkalkulation zu machen.

Der Wölflhof in Oberradein

Constanze Liebl stellte den Wölflhof (des Elmar Darocca) in Oberradein vor: einen kleinen Nebenerwerbsbetrieb in 1500 Meter Meereshöhe. Heute steht dort Milchvieh im Stall, Constanze und ihr Mann möchten auf Mutterkuhhaltung umstellen. Zusätzlich sollen Schweine angeschafft werden, am liebsten das Schwarze Alpenschwein oder eine andere an die Gegend angepasste Rasse. Das Fleisch wird derzeit an eine Metzgerei in Auer geliefert, der Verkauf direkt an Kundinnen und Kunden wäre eine Option für die Zukunft.

Am Wölflhof werden nun verschiedene Beeren angepflanzt, um zu verstehen, welche in dieser Höhe passen könnten. Aus den Früchten sollen Fruchtaufstriche gefertigt werden und dann im eigenen kleinen Hofladen und auf Bauernmärkten angeboten werden. So vermarktet Constanze nämlich auch den Honig und die Honigprodukte Likör, Propolis, Salben, Kerzen und noch mehr, die sie selbst herstellt. 

Ein Hotel in der Nähe nimmt das Gemüse an, das am Wölflhof angebaut wird: Blattsalate, Kartoffeln und verschiedene Wurzelgemüse. Alles samenfeste Sorten, von Constanze selbst gezogen. 

Was sie aus dem Kurs mitnimmt? „Die Direktvermarkter-Akademie hat meinen Horizont erweitert, nicht nur fachlich“, sagt die Bäuerin. Für das Steuerrecht könne etwas mehr Zeit anberaumt werden, für Ernährungstrends habe ein Tag gereicht, meint die Bäuerin. Die drei vom Bauernbund nicken, diese Überlegung hatten sie auch schon angestellt. Denn der Kurs soll Schritt für Schritt optimiert werden.

Gut Kaltenburg in St. Josef am See

Juliana Daum kommt aus dem Zillertal und hat gemeinsam mit ihrem Freund einen Plan in Umsetzung: Auf dem acht Hektar umfassenden Gut Kaltenburg in St. Josef am See bauen sie vorwiegend Weintrauben an sowie verschiedene Obstarten: Kirschen, Quitten, Zwetschgen und Mirabellen. Aus den Trestern, die von der Weinproduktion übrig bleiben, stellen sie Weinbrand (Grappa) und aus den Früchten Destillate her. 

Im Juli wird der Hofladen eröffnet, er soll die einzige Verkaufsstelle bleiben. Zudem sollen Führungen und Verkostungen ange­boten werden. Und als Event- und Hochzeitslocation wird das Gut Kaltenburg auch genutzt. „Wir haben eine Toplage, produzieren hohe Qualität, veranstalten Events und setzen voll auf Nachhaltigkeit, das sind unsere Stärken“, unterstreicht die junge Frau. Seit zwei Wochen sei auch die eigene Webseite online, auf ­Instagram und Facebook sei das Gut präsent und nun solle auch ein Flyer gedruckt und in der Umgebung des Kalterer Sees verteilt werden.

Juliana erzählt, dass einige Produkte noch mehr Zeit benötigen, bevor sie verkauft würden. „Viele Destillate sind bereits jetzt sehr gut, manche andere kommen noch für einige Jahre in den hofeigenen Reifekeller“, erwähnt sie. Janine Gamper weist auf die Verkostungen der Marke „Roter Hahn" hin, sie könnten interessant sein, denn schließlich säßen in der Kommission Fachleute, die wertvolle Tipps geben könnten, was verbessert werden könne. Juliana könne sich melden, wenn Interesse da sei. Noch könne man sich anmelden.

Juliana ist dankbar für dieses Angebot. Sie beurteilt den Kurs als sehr interessant, besonders spannend fand sie die steuerlichen Themen. Mühsam fand sie, dass das erste Modul so oft verschoben werden musste. Das habe es bisher auch noch nie gegeben, erklärt Matthias Bertagnolli, es habe ihm und allen sehr leidgetan, sei aber krankheitsbedingt nötig gewesen.

Philipp Franceschini aus Salurn 

In Salurn bewirtschaftet Philipp Franceschini einen Obst- und Weinhof, den er vor fünf Jahren übernommen hat. Äpfel und Trauben liefert er an die Genossenschaft, wirklich Spaß macht ihm aber das Verarbeiten und Vermarkten von Apfelsaft. Den bietet er in Flaschen und als Bag-in-Box an, und zwar zum kleinen Teil ab Hof, den Großteil ab Auto, wie er erzählt. Weil er zwei Nebenjobs hat, beim Weißen Kreuz und als Feuerwehrmann beim Brandschutzdienst des Notfallhubschraubers, kennt er viele Leute. „Wenn ich zur Arbeit nach Bozen fahre, poste ich das auf Facebook und meine Kundinnen und Kunden kommen dann und holen sich ab, was sie möchten.“ 

Neben einem normalen Apfelsaft bietet er auch einen mit Ingwer an. Den lässt er die Kommission auch verkosten. Er schmeckt, die Flasche ist schnell leer. Den Ingwer baut er zwar nicht selbst an, er stellt aber das Extrakt selber her. 

Auf einem 700-Quadratmeter-Grundstück hat er in diesem Jahr Tomaten angepflanzt
und will sie einkochen. Mit den Sorten hat er schon in den letzten Jahren experimentiert, auch weiß er, wie er mit einer Kupferspritzung in der Vorblüte und ohne Bewässerung auskommt. Ein paar Leuten hat er seine ersten Einkoch-Versuche weitergegeben, sie sind gut angekommen. „Nur Obst- und Weinbau allein sind mir zu wenig, ich will mich weiterentwickeln und meinen Hof auch“, sagt der junge Bauer. Überschaubar müsse die Arbeit aber bleiben. Und sich rechnen, auch das sei ihm wichtig.

Sein Ziel für die Zukunft? Philipp will am Sortiment feilen, Essig würde ihn interessieren, auch Fruchtaufstriche. „Wenn ich mit meinen Kundinnen und Kunden rede, merke ich, was gut ankommen würde“, sagt er selbstbewusst. Kürzlich habe ein Kunde angerufen und reklamiert: Der Saft habe gegoren. Phillipp hat sich entschuldigt und ihn gebeten, die Flasche vorbeizubringen. Es hat sich herausgestellt, dass ein Fehler im Schraubverschluss die Ursache war. Der Kunde hat einen Karton Saft mitbekommen, als Wiedergutmachung, und war zufrieden. Vorbildliches Reklamationsmanagement, lautet das Urteil der Kommission. Philipp hat aus dem Kurs viel mitgenommen. „Ich habe alles detailliert mitgeschrieben“, sagt er, „im nächsten Winter werde ich mir das nochmal zu Gemüte führen und dann richtig verarbeiten.“