Der Boden: unsere wertvollste Ressource
Der Weinmarkt schwächelt, die Klimakrise, neue (und bekannte) Schadorganismen sowie Fungizid-Resistenzen machen der Weinwirtschaft zu schaffen. Darum ging es bei der 64. Weinbautagung. Was auch nicht zu kurz kam: ein Blick auf Lösungsstrategien.
Mit einem dichten Programm wartete die diesjährige (64.) Weinbautagung des Absolventenvereins Landwirtschaftlicher Schulen (A.L.S.) auf. Obmann Stefan Pircher unterstrich bei der Eröffnung im gut gefüllten Kultursaal von St. Michael/Eppan, dass die heimische Weinwirtschaft nicht nur wegen der schwierigen Marktsituation unter Druck steh, das Programm trage dem Rechnung. Landesrat Luis Walcher ging ins Detail: „Bei meinem Amtsantritt war der Weinbau innerhalb der Landwirtschaft der Bereich, der am besten lief und am wenigsten Sorgen bereitete. Das hat sich in den letzten Monaten gewandelt.“ Er plädierte für eine engere Zusammenarbeit zwischen Weinwirtschaft und heimischer Hotellerie und Gastronomie. Und für die Erschließung neuer Märkte. Ein von ihm initiierter Weingipfel sei ein erster Schritt zur Stützung des Sektors. Schließlich sprach er den Weinbäuerinnen und -bauern seinen Dank aus: Es habe immer Zeiten gegeben, in denen es besser und leichter ging, und solche, die forderten. „Danke für eure hervorragende Arbeit und dafür, dass ihr den Mut nicht verliert! Wir suchen mit vereinten Kräften nach Lösungen und werden sie finden!“
Klimagase und ihre Auswirkungen
Dann ging es mit dem ersten Vortrag gleich an ein globales Thema, die Klimakrise und was sie für die Landwirtschaft und vor allem den Weinbau bedeutet. Hans Reiner Schultz von der Hochschule Geisenheim und ausgewiesener Experte in diesem Bereich, zeichnete zunächst die aktuelle Situation nach: „Kein Land der Welt schafft die Vorgaben, Treibhausgase und vor allem Kohlendioxid zu reduzieren.“ Das bedeutet, dass die Konzentrationen der schädlichen Klimagase steigen, in der nördlichen Hemisphäre zwar mit einer großen Schwankungsbreite als in der südlichen, aber mit ganz klarem Trend nach oben. Studien belegen, dass sich die Traubenstruktur mit steigender Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre verändert: Bei der Sorte Cabernet Sauvignon hat man beispielsweise festgestellt, dass die Beeren größer und die Trauben kompakter werden. Mit den entsprechenden Problemen, die man von anderen kompakten Sorten kennt, Botrytis beispielsweise. Deutlich wird in den Messungen auch, dass die Temperaturen steigen, schneller als zunächst errechnet: Hatte man beim Pariser Klimaabkommen von 2015 noch von global maximal 1,5 Grad Erhöhung als Ziel gesprochen, so ist inzwischen klar, dass das utopisch ist: „Für Südtirol ist bis 2090 mit einer durchschnittlichen Erwärmung von 2,5 Grad zu rechnen“, zitierte Schultz eine Arbeit von Eurac Research.
Aber damit nicht genug, auch die Ozeane erwärmen sich stark: Seit 2019 ist ihre Oberfläche sprunghaft um einen Grad Celsius wärmer geworden. „Das klingt zunächst harmlos, ist es aber keineswegs“, unterstrich Schultz. Denn darin sind 122 Petajoule (PJ: 1 PJ entspricht 1015, also einer Billiarde Joule) Energie enthalten. Die Folge ist eine enorme Evaporation: 35.000 Kubikkilometer Wasser gelangen dadurch zusätzlich in die Atmosphäre. Und die müssen dann wieder herunter. Das bedeutet konkret, dass es weltweit 235 Liter pro Quadratmeter mehr Niederschlag pro Jahr gibt. Darum sind Flutereignisse das größere Problem der Klimaerwärmung als Dürreereignisse, resümierte Schultz.
Die Böden: der Schlüssel zur Nachhaltigkeit
Andererseits steigen auch die jährlichen Verdunstungsraten. Weinbau ohne Bewässerungsstrukturen wird über kurz oder lang kaum überleben können, unterstrich der Wissenschaftler. Dann ging Schultz auf die Bedeutung des Bodens insgesamt ein. „Er ist der Schlüssel zur Nachhaltigkeit, unsere wertvollste Ressource“, mahnte er. Böden speichern nämlich Unmengen an Kohlenstoff, nämlich 1.500 bis 2.500 Milliarden Tonnen – mehr als die Atmosphäre (780 Mrd. t) und die Pflanzen (560 Mrd. t) zusammen. Aber: „Jedes Jahr verlieren wir etwa 43 Milliarden Tonnen Boden durch Erosion“, rechnete der Wissenschaftler vor. Ein enormer Verlust, auch an Kohlenstoff. Böden sind also alles andere als stabile Systeme, zumal auch die Bodentemperatur stark steigt: „In den Monaten Juni, Juli und August haben Temperaturmessungen in verschiedenen Bodentiefen bei uns in Geisenheim einen Anstieg von sieben Grad ergeben“, erklärte der Professor, und zwar unabhängig davon, ob der Boden begrünt war oder offen. Festgestellt habe man auch, dass Reben auf biologisch und biodynamisch bewirtschafteten Flächen eine bessere Hitze- und Trockenheitstoleranz haben als die in konventionell bewirtschafteten Anlagen.
Schultz plädierte für ein ausgeklügeltes Begrünungsmanagement (mit bestimmten Begrünungsmischungen und gezielter Züchtung in diesem Bereich), um die Verdunstung zu reduzieren. Und für den Anbau von Rebsorten, die gut an das wärmere Klima angepasst sind, wie Merlot, Blauburgunder, Cabernet Sauvignon Cabernet Franc, Chardonnay. „Südtirol hat diesbezüglich vorerst die richtige Wahl getroffen, meinte Schultz. Er unterstrich, dass es für die europäische Weinwirtschaft Marktstabilisierungsmaßnahmen brauche. Letztendlich seien Markt und Konsum derzeit nämlich doch die größte Herausforderung für die Branche. Der großflächigen Rodung von Weinbauflächen, wie sie in Frankreich vorangetrieben wird, steht er aber skeptisch gegenüber. Denn das bedeutet eine starke CO2-Freisetzung, „die wir ja nicht wollen“.
Mögliche Lösungsstrategien
Letztendlich gab Schultz einen Überblick über Möglichkeiten, mit denen man das komplexe Problem der klimatischen Veränderungen und den Einfluss auf den Weinbau angehen solle: Um nachhaltig zu produzieren, müsse man nicht nur den Kohlenstoff-, sondern auch den Wasser-Fußabdruck reduzieren sowie die Verwendung von Pestiziden und Düngern. Das könne nur erreicht werden, wenn Pflanzmaterial und Management an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden. Er plädierte für Anpassungsmöglichkeiten mit neuen Technologien (von Neuer Gentechnik bis zu synthetischer Biologie) unter Berücksichtigung der jeweiligen regionalen Erfordernisse. Für Südtirol seien beispielsweise Wasserverfügbarkeit und -verteilung künftig besonders wichtig.
Forschungsprojekt BioViso: Biodiversität in Böden
Das komplexe Thema Boden war anschließend Thema eines Vortrages von Tanja Mimmo von der Freien Universität Bozen und Paul Illmer von der Universität Innsbruck. Sie stellten ein gemeinsames Forschungsprojekt mit dem Namen BioViso vor: Da ein gesunder Boden der Schlüssel für eine nachhaltige Trauben- und Weinproduktion ist, wollte man mit dem Projekt zunächst untersuchen, welche Faktoren die Bodengesundheit bestimmen. Also wurde in drei Südtiroler Weinbaugebieten (im unteren Vinschgau, in Eppan im Überetsch und im Unterlandler Gebiet Montan-Neumarkt) der Boden von Blauburgunder-Anlagen (jeweils biologisch und konventionell bewirtschaftet) auf ihre chemischen Eigenschaften und auf die Menge und Zusammensetzung der enthaltenen Mikroorganismen untersucht. Tanja Mimmo fasste die Ergebnisse der chemischen Analysen zusammen: Beim pH-Wert gebe es kaum Unterschiede zwischen bio und konventionell, die lösliche organische Bodensubstanz schwanke im Jahresverlauf stark, auch hier sei zwischen den beiden Bewirtschaftungsformen praktisch kein Unterschied festzustellen gewesen.
Auch nicht bei den Makro- und Mikronährstoffen, die in den untersuchten Böden enthalten sind. Paul Illmer beschäftigt sich in dem Projekt mit den Mikroorganismen, also Bakterien und Pilzen: Er resümierte, dass in den Böden im Herbst mehr Individuen einer Art bezogen auf eine bestimmte Fläche (Abundanz) vorhanden sind und auch mehr Aktivität (also Stoffwechselleistung und Wachstum) beobachtet wurde als im Frühling, im Überetsch und in Montan-Neumarkt mehr als im Vinschgau.
In Eppan wurde in Abundanz und Aktivität kaum ein Unterschied zwischen konventionell und biologisch bewirtschafteten Böden festgestellt, in Montan wenig, im Vinschgau jedoch deutlich. Darum haben die Böden im Vinschgau großes Potential, durch eine Umstellung auf biologische Bewirtschaftung das Bodenleben zu fördern. Bei der Diversität der Pilze zeichne sich ein ähnliches Bild wie bei Abundanz und Aktivität. Bei Bakterien stellt sich die Situation aber anders dar: Hier wurden in konventionell bewirtschafteten Flächen mehr verschiedene Bakterienarten festgestellt als in biologisch bewirtschafteten. Das sage aber nichts über die Bodengesundheit aus, erklärten die beiden Wissenschaftler, das Ganze sei nämlich viel komplexer. Nun gehe es darum, den Einfluss anderer Faktoren zu beleuchten, Möglichkeiten zur gezielten Verbesserung zu eruieren, die biotischen Netzwerke in den Böden zu untersuchen und Schlüsselorganismen zur Bestimmung der Bodengesundheit zu identifizieren. Dazu brauche es weitere Untersuchungen.
Fungizid-Resistenzen: Behandlungsstrategie neu denken
Schließlich ging es bei der Weinbautagung um Fungizid-Resistenzen gegen den Echten Mehltau: René Fuchs vom Staatlichen Weinbauinstitut WBI Freiburg umriss die Beobachtungen, die in Deutschland gemacht wurden: So habe man gegenüber einer ganzen Reihe von Fungiziden teils starke Resistenzen feststellen können, egal ob die Proben aus konventionell oder biologisch bewirtschafteten Rebanlagen stammten. Ein großes Problem für Weinbäuerinnen und Weinbauern, da Behandlungen deutlich weniger bis gar keine Wirkung zeigen können – teils droht Totalausfall. René Fuchs plädierte für eine angepasste Antiresistenzstrategie. Das bedeutet konkret: richtig dosierte Aufwandmengen, optimale Applikationsqualität und Kulturführung, die Nutzung von Prognosemodellen, Resistenzmonitoring, den Anbau pilzwiderstandsfähiger (PIWI-)Sorten und Prävention: „Wer nicht früh- bzw. rechtzeitig eingreift, läuft – oder fährt – der Krankheit hinterher!“, mahnte Fuchs. Die Beobachtungen aus Freiburg decken sich mit jenen, die man in Südtirol gemacht hat, wie Hansjörg Hafner vom Beratungsring für Obst- und Weinbau in seinem Vortrag bestätigte. Resistenzen gegen synthetische Fungizide breiten sich auch hier aus: Da Fungizide der neuen Generation sehr spezifisch wirken, entwickeln die Schadorganismen leichter Mechanismen dagegen, weil sie sich an widrige Verhältnisse anpassen. Die ältere Generation von Pflanzenschutzmitteln ist dagegen breitenwirksamer, eine Resistenzentwicklung also viel schwieriger. Darum hat sich die Empfehlung zur Behandlung der Pilzkrankheit gewandelt: Flüssige Schwefelprodukte gelten nun als Grundlage, flankiert durch die gelegentliche, aber gut überlegte Zugabe synthetischer Mehltaumittel. „Dadurch versuchen wir, den Prozess zu verlangsamen“, erklärte Hafner. „Nicht das einzelne Mittel entscheidet, sondern die beste Strategie.“