Herausforderndes Jahr, gute Qualität
Fruchtbetonte, frische Weißweine und vielversprechende, gehaltvolle Rotweine: Nach Abschluss der Lese fällt das erste Urteil der Experten sehr positiv aus. Das sei auch und vor allem den Weinbäuerinnen und Weinbauern zu verdanken, die ihre Trauben gut durch einen extremen Sommer gebracht haben.
2026 war für Südtirols Weinbäuerinnen und -bauern ein außergewöhnliches Jahr – mit einem sehr frühen Vegetationsstart, einer ebenso frühen Vollblüte und heißen, trockenen Sommermonaten. Erst Ende August gab es genügend Regen und damit ausreichend Wasser für die abschließende Reifephase.
Viel Know-how im Weinberg
Auf die Herausforderungen angesprochen, die sich aus einem so extremen Vegetationsjahr einstellen, sagt Ivan Giovanett vom Weingut Castelfeder: „Die Südtiroler Weinbauern und Winzerinnen haben in den letzten beiden Jahrzehnten bereits einige sehr frühe und heiße Jahrgänge erlebt und viel gelernt. Wir wissen inzwischen, wie wir die Trauben durch zurückhaltendes Entblättern vor zu starker Sonneneinstrahlung schützen, wann Wasser gezielt eingesetzt werden muss und vor allem wann in einem extremen Jahr der richtige Lesetermin ist, um Überreife zu vermeiden.“ Auch Stefan Kapfinger, Kellermeister der Kellerei Meran, verweist auf die Möglichkeiten, die man hat, um auf extreme meteorologische Situationen zu reagieren. Eine Herausforderung ganz anderer Art hatte man im Eisacktal zu meistern: einen massiven Hagelschlag wenige Tage vor der Ernte. „Der Hagelschlag hat zwar nur eine relativ kleine Fläche betroffen, die betroffenen Bäuerinnen und Bauern hatten aber sehr große Ernteeinbußen zu beklagen“, erklärt Hannes Baumgartner vom Weingut Strasserhof in Neustift.
Frühe Ernte, gute Qualität
Warmer Frühling und heißer Sommer sorgten dafür, dass in diesem Jahr in Südtirol früher geerntet wurde als je zuvor. Im Burggrafenamt wurde schon um den 10. August mit der Traubenernte begonnen, in Überetsch und Unterland Mitte August, in und um Bozen Anfang September und selbst im ansonsten kühleren Eisacktal begann die Ernte bereits am 1. September. „Während bei uns die Ernte normalerweise zwischen 15. und 20. September beginnt, hatten wir sie heuer am 22. September bereits abgeschlossen“, berichtet Hannes Baumgartner. Bei der Wahl des optimalen Lesezeitpunkts ist viel Know-how gefragt – und mehr Flexibilität als früher: „Früher wurde bei der Festlegung der Lesezeitpunkte stärker nach Gebieten und Höhenlagen unterschieden, heute betrachten wir immer häufiger den einzelnen Weinberg und seine spezifischen Bedingungen“, erklärt Stefan Kapfinger, „kühleres Wetter und größere Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht können genutzt werden, um den optimalen Erntezeitpunkt abzuwarten und ein ausgewogenes Verhältnis von Zucker, Säure und aromatischer Reife zu erreichen.“ Fleiß, Know-how und Flexibilität sind auch Grund dafür, dass man in ganz Südtirol mit der Qualität der eingebrachten Trauben mehr als zufrieden ist. „Wir hatten bei der Ernte durchwegs sehr gesunde Trauben. Geschmacklich hatten die Beeren die heißen Temperaturen sehr gut weggesteckt“, erklärt Lukas Mumelter vom Griesbauerhof in Rentsch. Auch Ivan Giovanett spricht von einem „ausgesprochen erfreulichen Bild“: „Das Lesegut hat sich von Weiß bis Rot und von den tiefen bis zu den hohen Lagen traumhaft gesund präsentiert. Besonders positiv überrascht hat mich die erhalten gebliebene Frische und Säurestruktur.“
Weißweine: fruchtig und erstaunlich frisch
Mit gesunden, optimal reifen Trauben ist das Fundament für einen guten Jahrgang gelegt, auch wenn es noch zu früh ist, detaillierte Aussagen zu treffen. Einig ist man sich in allen Südtiroler Anbaugebieten, dass der Jahrgang 2026 viel erwarten lässt. „Die ersten Weißweine im Keller sind äußerst vielversprechend“, freut sich Hannes Baumgartner. Lukas Mumelter erwartet sich kräftige, runde, sehr fruchtbetonte Weißweine. Zum selben Fazit kommt auch Ivan Giovanett: „Die ersten Weißweine präsentieren sich mit moderaten Alkoholwerten und einer erstaunlich frischen Säurestruktur. Durch das zurückhaltende Entblättern konnte viel Frische und Kühle erhalten werden.“ In Meran und Umgebung erwartet sich Stefan Kapfinger einen Weißweinjahrgang, der etwas breiter und fülliger als in den vergangenen Jahren ausfallen werde. „Er wird von einer guten Langlebigkeit profitieren“, so Kapfinger. Interessant ist auch ein Blick auf die Erwartungen für die einzelnen Sorten. So zeichnet sich für den Chardonnay ein großer Jahrgang ab. Ein sehr klassischer Jahrgang mit vollen, aber eleganten Weinen ist für den Weißburgunder zu erwarten, während sich der heiße Sommer beim Sauvignon stärker in der Aromatik zeigt, die eher in eine tropische bzw. exotische Richtung geht. Geduld hat es schließlich für den Gewürztraminer gebraucht. Aber: „Die Jungweine zeigen bereits jetzt eine gute Würze und ausgeprägte Aromatik“, sagt Ivan Giovanett.
Große, komplexe Rotweine
Ähnlich positiv wie beim weißen Jahrgang fällt auch der erste Eindruck vom roten Jahrgang 2026 aus, es ist durchgängig von einem „sehr guten Jahrgang“ die Rede. „Bei den Rotweinen hatten wir bisher wohl selten so gute Voraussetzungen, um große, komplexe und langlebige Weine hervorzubringen“, erklärt Stefan Kapfinger, „die Rotweine werden voraussichtlich farbintensiver, breiter, voller und kräftiger ausfallen und ein hohes Lagerungspotenzial mitbringen.“ Auch Lukas Mumelter erwartet sich „sehr gehaltvolle, kräftige Weine mit einem reifen, angenehmen Tannin. Ich denke, dass sich die Weine als sehr schnell zugänglich präsentieren werden“, meint er. Ivan Giovanett wirft einen besonderen Blick auf den Blauburgunder 2026, der sich „mit tiefer Farbe, viel Struktur und Kraft“ präsentiere. Auch der Lagrein sei bereits jetzt sehr vielversprechend. Als Rentscher Winzer richtet Lukas Mumelter einen besonderen Fokus auf den St. Magdalener, für den sehr runde Weine mit einer angenehmen Säure zu erwarten sind. Er wagt auch einen Ausblick auf den 2026er-Lagrein: „Wir werden wohl sehr dunkle, extraktreiche Weine erhalten, mit einer animierenden Säure und feinen, reifen Tanninen“, erklärt Mumelter. Vor allem die später reifenden Sorten konnten schließlich von den kühleren Temperaturen und den größeren Temperaturunterschieden gegen Ende der Reife profitieren. Stefan Kapfinger nennt hier besonders Merlot und Cabernet. Allerdings ist man sich quer durch alle Sorten einig, dass man sich an das Vegetationsjahr und auch an den Jahrgang 2026 noch lange erinnern wird.