Der Bärlauch (im Bild) lässt sich – vor allem vor der Blüte – leicht mit dem Maiglöckchen verwechseln. Das aber ist giftig.

Klarheit im Kräuterchaos

Um ähnliche Pflanzen gut voneinander unterscheiden zu können, gibt Tami von Seyr in ihrem neuen Buch „Kräuter-Zwillinge“ eine Anleitung dazu. Und wertvolle Tipps und Informationen zusätzlich.

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Leben

Meisterwurz oder Wiesen-Bärenklau? Acker- oder Sumpf-Schachtelhalm? Zirbe oder Föhre? Im Buch „Kräuter-Zwillinge“ erklärt Tami von Seyr, wie man ähnliche Pflanzen unterscheiden kann. Zudem erfährt man Wissenswertes über die Wildpflanzen und ihre Verwendung in Küche und Hausapotheke. Als Beispiel Bärlauch und Maiglöckchen: „Der Bärlauch (Allium ursinum L.) und das Maiglöckchen (Convallaria majalis L.) gehören zur Familie der Spargelgewächse (Asparagaceae), wobei der Bärlauch zur Unterfamilie der Lauchgewächse (Allioideae) zählt. Beide wachsen in feuchten Laubwäldern oft nebeneinander und können leicht verwechselt werden. Besonders im Frühling, wenn noch keine Blüten ausgebildet sind, ist das Risiko einer Verwechslung groß – mit gefährlichen Folgen. Denn während der Bärlauch eine geschätzte Wildpflanze mit aromatischem Geschmack und heilender Wirkung ist, zählt das Maiglöckchen zu den giftigen Frühblühern.

Volks- und Naturheilkunde
Traditionell wird der Bärlauch zur Reinigung und Stärkung des Kreislaufs eingesetzt. Er wirkt harntreibend, fördert die Verdauung und kann bei Bluthochdruck und Arteriosklerose hilfreich sein. Die schwefelhaltigen Verbindungen, die auch für den typischen Knoblauchgeruch verantwortlich sind, wirken antibakteriell und antioxidativ. Diese Verbindungen, vor allem Allicin, entstehen erst durch das Zerreißen oder Zerkleinern der Blätter und sind für viele der gesundheitsfördernden Wirkungen des Bärlauchs verantwortlich. Allicin hilft aber auch, die Gefäßwände zu entspannen und dadurch den Blutdruck zu senken. Deshalb wird Bärlauch in der Naturheilkunde oft bei Bluthochdruck (Hypertonie) und zur Unterstützung der Gefäßgesundheit empfohlen. Eine wichtige Rolle spielen auch die antioxidativen Eigenschaften des Bärlauchs. Sie schützen die Zellen vor schädlichen freien Radikalen, die im Körper durch Umweltgifte, Stress oder Entzündungen entstehen können, und tragen so zum Schutz vor frühzeitiger Zellalterung und degenerativen Erkrankungen bei. Durch die harntreibende Wirkung kann er auch bei Blasenentzündungen oder Nierenleiden unterstützend eingesetzt werden. Studien weisen darauf hin, dass die regelmäßige Einnahme von Bärlauchextrakten das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringert, da es die Blutfettwerte senkt. Auch die Volksmedizin empfiehlt Bärlauch als sanftes natürliches Mittel zur Senkung des Cholesterinspiegels. Dies trägt zur Vorbeugung von Arteriosklerose und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei. Frisch ist der Bärlauch als Wildkraut eine beliebte Zutat in Salaten, Pesto oder Kräuterquark. Ein Tee aus frischen oder getrockneten Bärlauchblättern fördert die Verdauung und Entwässerung. In der klassischen Phytotherapie wird das Maiglöckchen kaum noch verwendet – zu groß ist die Vergiftungsgefahr durch die enthaltenen Cardenolide (herzwirksame Glykoside). Diese können den Herzrhythmus beeinflussen und werden nur noch in homöopathischen Dosierungen genutzt. Früher setzte man das Maiglöckchen bei Herzinsuffizienz und Kreislaufschwäche ein – heute wird dies nur noch durch ärztlich kontrollierte Präparate gemacht.

Maiglöckchen – giftige Schönheit
Das Maiglöckchen enthält eine Vielzahl an herzwirksamen Glykosiden, vor allem sogenannte Cardenolide. Diese Substanzen greifen direkt in den Ionenhaushalt des Herzens ein – und das nicht zu knapp. Klingt dramatisch? Ist es auch. Denn schon in kleinsten Mengen kann das Maiglöckchen aufgrund der enthaltenen Glykoside starke Vergiftungserscheinungen hervorrufen. Diese Stoffe sind in allen Pflanzenteilen enthalten: In Blättern, Blüten, Beeren und sogar im Wasser eines Straußes sind diese toxischen Stoffe nachweisbar. Besonders hoch ist die Konzentration in den Blättern und Blüten während der Blütezeit im Mai. Die herzwirksamen Glykoside des Maiglöckchens wirken Digitalis-ähnlich – also vergleichbar mit Medikamenten wie Digoxin, die bei Herzinsuffizienz oder Herzrhythmusstörungen eingesetzt werden. Sie beeinflussen die Natrium-Kalium-Pumpe in den Herzmuskelzellen und erhöhen so die Kontraktionskraft des Herzens. Allerdings ist die therapeutische Breite extrem gering – das heißt: Zwischen „hilft dem Herzen“ und „lässt es stillstehen“ liegt nur ein hauchdünner Unterschied in der Dosierung. Tatsächlich wurde das Maiglöckchen früher in der Phytotherapie verwendet – vor allem zur Behandlung von Herzschwäche und zur Förderung der Harnausscheidung. In der modernen Medizin hat es allerdings kaum noch eine Bedeutung, da es durch genauer dosierbare Herzglykoside (z. B. aus dem Fingerhut) ersetzt wurde. Heute wird das Maiglöckchen gelegentlich noch in der Homöopathie verwendet – dort allerdings stark verdünnt (potenziert), sodass keine Wirkstoffe mehr messbar sind. Vergiftungserscheinungen durch Maiglöckchen beim Menschen sind Übelkeit, ­Erbrechen, Durchfall, Herzrhythmusstörungen (Extrasystolen, AV-Block, Kammerflimmern usw.) Sehstörungen (Farbsinnstörungen usw.), Krämpfe, Schwindel und im Extremfall Herzstillstand. Fazit: Maiglöckchen nicht essen, nicht trinken, nicht experimentieren. 

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