Die Bäuerin des Jahres 2025 in den Weinbergen ihres Baumgartnerhofes in Graun oberhalb Kurtatsch.

Landwirtschaft der Zukunft ist weiblich

Petra Weger ist Bäuerin des Jahres 2025. Sie möchte den Bäuerinnen Sichtbarkeit geben und aufzeigen, dass es die Frauen auf den Höfen sind, die die Zukunft der Landwirtschaft gestalten.

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Leben Bäuerinnenorganisation

Zwischen den steilen Rebhängen in Grau bei Kurtatsch hat sich die diesjährige Bäuerin des Jahres ihr Lebensprojekt erfüllt: mit dem Baumgartnerhof – einem Weinbaubetrieb mit Urlaub auf dem Bauernhof. Denn die Weinbäuerin führt nicht nur das traditionsreiche Weingut, sondern öffnet ihren Hof auch für Gäste, die das Authentische suchen – unter dem Leitsatz „hochwertig und regional“. In stilvoll gestalteten Ferienwohnungen, die nach den Rebsorten „Sauvignon“, „Blauburgunder“ und „Müller Thurgau“ benannt sind, verbindet sie architektonische Klarheit mit dem Charme von Holz und Wein. Der Tischlermeisterin war es wichtig, beim Umbau viel Holz zu verwenden, auch Altes neu zu gestalten. So dient eine „Luen“ als Kleiderhaken, alte Holzbalken als Bettgestell. Im Gespräch mit Petra spürt man ihre tiefe Verwurzelung mit Grund und Boden, mit der Erde, mit dem Holz. Ihre Verbundenheit zur Natur ist am Hof sichtbar. 
Mit einem tiefen Verständnis für den Wert landwirtschaftlicher Handarbeit keltert sie eigenen Wein. „Corona hat uns einiges gelehrt: nicht verzagen, kreativ werden. Und so habe ich - anstatt die Weintrauben wegzuwerfen - begonnen, selbst Sekt und Wein herzustellen. Und siehe da: ich hab’s geschafft!“ Mit viel Freude und Genugtuung zeigt sie ihren Weinkeller. Die Bäuerin verarbeitet auch ihr Obst zu Fruchtaufstrichen, Sirupen und Trockenobst: „Etwas wegwerfen oder nicht verwerten, gibt es nicht.“ Ihre Gäste bekommen so nicht nur ihre mit Liebe hergestellten Produkte, sondern erfahren auch die Geschichten dahinter: Bei Hofführungen oder mit dem liebevoll bestückten Frühstückskorb, der den Tagesbeginn mit hofeigenen Spezialitäten bereichert. Was hier sichtbar wird, ist ein Zusammenspiel aus Landwirtschaft, Handwerk und Gastlichkeit – getragen von der Vision einer Frau, die Bodenständigkeit mit Innovationskraft vereint.

„Ich bin lernfähig“
Die tägliche Arbeit als Bäuerin war nicht Petras erste Option, obwohl sie auf dem Hof aufwuchs. Nach dem Unfalltod ihres Vaters Leonhard im Jahre 2014 stand die Hofnachfolge an. Petra war damals schwanger. Ihre zwei anderen Geschwister hatten kein Interesse an der Landwirtschaft. JPetra nahm die Herausforderung an und übernahm. Sie lernte, probierte und entwickelte weiter. „Nicht stehenbleiben,“ sagt Petra. Sie und ihre Mutter Viktoria waren ein gutes Gespann. „Wir pockn des,“ sagte Petras Mutter immer. Sie haben sich die Aufgaben gut aufgeteilt, nur so gelang es ihnen, voranzukommen. „Eigentlich bin i koane Bäuerin, i bin der Bauer und meine Mama isch die Bäuerin.“ Petra kümmert sich um alles, was am Hof anfällt – egal ob draußen im Weinberg, im Haus, im Garten oder im Büro. Ihre Mutter hilft ihr dabei und ist immer an ihrer Seite. Ihre Stärke liegt darin, dass sie das, was sie nicht kann oder nicht weiß, lernen will. Das war auch die treibende Kraft, den Baumgartnerhof zu dem zu machen, was er heute ist. „Eine Hofübernahmen ist nie einfach und eine nach einem Todesfall erst recht nicht, das ist noch schwieriger,“ sagt Petra. Sie wohnte mit ihrem Lebenspartner Peter in Penon, dort hatten sie sich damals gerade ein Haus gebaut. Petra übernahm 2016 den Hof trotzdem. „Das war nicht einfach, als Frau mit einem Kleinkind.“ Petra wollte aber Nägel mit Köpfen machen und den Baumgartnerhof weiterentwickeln. Wo er stand, war es gebäudetechnisch nicht möglich und so entschied sie, den Hof auszusiedeln. Die Auszahlung der Geschwister, der Neubau 2017 – die finanzielle Last sehr groß. Dann, im Jahre 2019, ein Erdrutsch direkt vor dem neuerbauten Hof, der erheblichen Sachschaden anrichtete. Es folgte die Pandemie, doch Petra hat alles ausgestanden. Heute blickt sie mit einem Lächeln zurück und sagt: „Es ist mein Hof, meine Huemet!“ Man spürt die Dankbarkeit, die Petra beseelt - trotz des hohen Schuldenberges, den sie zu stemmen hat. „Huemet bedeutet eine schöne Bleibe, wohin man gerne zurückkommt, dort, wo man ein feines Zuhause hat. Wenn du eine Huemat hast, dann hast du ein Platzl, wo du immer hingehen kannst, wo du sein kannst, wie du bist und wer du bist!“

Zukunftsfähige Landwirtschaft
Petra möchte gestalten. Sie weiß sich zu helfen, hat sich Hilfsmittel zugelegt, die es ihr ermöglichen, als Frau die körperliche Arbeit zu bewältigen: „Das meiste schaffe ich alleine!“, sagt sie mit Stolz, trotz der steilen Rebanlagen. Die maschinelle Arbeit bleibt eine Herausforderung. „Die größte bleibt für mich aber immer die Ernte. Die Trauben sind mein Hab und Gut, das ist mein Geld. Ein ganzes Jahr harte Arbeit, die mit dem Traktor gut in die Genossenschaft zu bringen ist. Das ist immer ein emotionales Erlebnis für mich!“, erzählt Petra und wird nachdenklich. „Man weiß nicht, wohin die Entwicklung geht, die Auszahlungspreise gehen zurück. Gleichzeitig steigen die Betriebskosten und am Ende des Jahres ist der Gewinn nicht mehr so hoch. Die kleinen Betriebe können keine Stundenkalkulation machen wie die großen,“ sagt Petra. Sie macht den Vergleich mit der Kostenkalkulaltion eines Handwerkbetriebes. „Du kannst nicht jede Stunde verrechnen, das geht sich nicht aus.“ Mit den Risiken, sprich Unwetterschäden, müsse man auch zurechtkommen. Und doch denkt Petra positiv und sagt: „Die Landwirtschaft bietet den Frauen Zukunft, weil man Familie mit der Landwirtschaft gut kombinieren kann.“ Das sei das große Potential. Die Flexibilität der Arbeitszeiten, die freie Arbeitseinteilung – dadurch wird vieles möglich, ist Petra überzeugt. Frauen/Mütter können sich das zunutze machen und ihre Kreativität am Hof freien Lauf lassen. Das sei es dann, was Sinn macht.

Botschafterin sein
Als Bäuerin des Jahres möchte Petra ein Zeichen setzen für mehr Sichtbarkeit der Frauen in der Landwirtschaft. Bäuerin sein ist zukunftsfähig, ist Petra überzeugt. Ihr Leben zeigt, dass Rückschläge sie nicht aufhalten. Sie hinterlassen zwar Spuren, aber können zu Neuem anregen. Und wenn eine Schiene nicht geht, dann muss man etwas anderes ausprobieren, nicht stehenbleiben sondern weiterdenken – das rät Petra den Bäuerinnen. Und: Frauen haben mehr Feingefühl, meist auch den nötigen Weitblick und eine realistische Einschätzung.
Finanzielle Last zu tragen, ist nicht immer einfach. Da darf man nicht zu viel nachdenken und muss positiv sein, sonst wird es schwierig. Und bei den Krediten das Beste herausholen, auch das hat Petra zum Glück inzwischen gelernt. „Wenn eine Frau Bäuerin werden will, dann hat sie schon mal Courage und diese Courage trägt dich in allem,“ sagt Petra. Große Sprünge kann man zwar nicht machen, aber man kann sich Zeiten freischaufeln, um mal schwimmen oder auf den Berg zu gehen. Das müsse auch sein, immer nur arbeiten, geht nicht.

Verantwortung über den eigenen Hof hinaus 
Für Petra ist es wichtig, sich nicht nur am Hof zu engagieren, sondern sie bringt sich auch in verschiedenen ehrenamtlichen Projekten ein: bei der Südtiroler Bäuerinnenorganisation, dem Südtiroler Bauernbund und im Chor. Sie bringt nicht nur neue Impulse in die bäuerliche Gemeinschaft, sondern eben auch Wertschätzung für die Rolle der Frau in der Landwirtschaft. Sie steht für Authentizität, Lebensfreude und Verantwortung – auch für die Dorfgemeinschaft. Und diese Werte möchte sie weitergeben. „Mein Arbeitstag ist lang und nur immer alleine in den Rebanlagen zu sein, macht auch keinen Spaß, deshalb braucht es auch den Kontakt mit der Dorfgemeinschaft, sozusagen als Ausgleich für die Arbeit am Hof.“ 

mutig und innovativ
Petra möchte den Frauen Mut machen: „Es geht, als Frau Landwirtschaft zu betreiben, einen Betrieb zu führen und ihn weiterzuentwickeln. Du musst nicht alles allein schaffen, du musst mutig und innovativ sein, du darfst nicht stehen und musst flexibel bleiben – Tag für Tag! Dann ergeben sich neue Möglichkeiten.“ Der Beruf Bäuerin ist wunderschön, man ist seine eigene Chefin. Geschlechtergleichheit ist für sie kein Thema. Petra hat zwei Männerberufe eingeschlagen: Tischlerin und Bäuerin. Beide Berufe gaben ihr die Möglichkeit sich zu entfalten. Sie hat selten gehört, „das kannst du nicht als Frau“. „Ich bin immer mit Respekt behandelt worden. Sicher, man muss sich behaupten, selbstsicher auftreten, dann wir man auch gehört.“ Petra wird ihre Kreativität am Baumgartnerhof weiter ausleben und hat noch Pläne: eins nach dem anderen. Und sie freut sich, dass ihr Lebenspartner Peter sich mit ihr über den Titel „Bäuerin des Jahres“ freut. Nun entdeckt er langsam sogar sein Interesse am Weinbau. Ihr Sohn Leonhard hilft manchmal auch begeistert mit. Vielleicht hat er später Lust, den Hof zu übernehmen – wer weiß. Natürlich würde sich Petra darüber freuen.
Petra lebt vor, wie Hofleben, Familie und Ferienbetrieb miteinander vereinbar sein können und wirkt dabei nicht überfordert, sondern kraftvoll, auch wenn sie zugibt, dass es Tage gibt, an denen es nicht einfach ist. In einer Zeit, in der viele den Kontakt zur Landwirtschaft verlieren, ist Petra Weger eine Brückenbauerin: zwischen Tradition und Moderne, zwischen Hofalltag und Gesellschaft, zwischen Herkunft und Zukunft. 

Ulrike Tonner

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