Ulrike Laimer ist überzeugt: Wenn Sichtweisen von Männern und Frauen zusammentreffen, können alle davon profitieren.

„Lebensmittel sind nicht einfach da“

Ulrike Laimer ist Bäuerin auf dem Goldbichlhof in Lana und seit vielen Jahren ehrenamtlich und politisch aktiv. Im Gespräch mit dem „Südtiroler Landwirt“ erzählt sie, warum Bäuerinnen in öffentlichen Gremien wichtig sind – und was sie dort bewegen können.

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Wirtschaft

Südtiroler Landwirt: Frau Laimer, Sie sind Bäuerin auf dem Goldbichlhof in Lana, aber auch in mehreren Gremien aktiv. Wie kam es dazu, dass Sie sich über den Hof hinaus eingebracht haben?
Ulrike Laimer:
Ich bin schon seit meiner Jugend ehrenamtlich aktiv. Angefangen hat es bei der Bauernjugend im Ausschuss. Später bin ich zu den Bäuerinnen gekommen, wo ich aktuell Ortsbäuerin-Stellvertreterin bin. Auch im Bauernbund in Lana bin ich schon lange dabei und ebenfalls Obmann-Stellvertreterin. Dazu kam über die Jahre die Arbeit bei den Imkern, im Verwaltungsrat des Bonifizierungskonsortiums Passer-Eisackmündung und in der Gemeinde Lana. Das war nicht alles von Anfang an geplant. Vieles hat sich ergeben, weil mich Menschen gefragt haben, ob ich mich einbringen möchte. Am Anfang zweifelt man schon oft an sich selbst und an seinen Fähigkeiten. Aber mit der Zeit merkt man: Man wächst in solche Aufgaben hinein.

Sie sitzen heute im Gemeindeausschuss von Lana. War der Schritt in die Gemeindepolitik für Sie selbstverständlich?
Nein, überhaupt nicht. Von mir allein wäre das wahrscheinlich nicht gekommen. Ich wurde vorgeschlagen, auch von Seiten des Bauernbundes. Ich habe schon früh auf dem Hof mitgeholfen und auch sämtliche Arbeiten mit Maschinen durchgeführt. Ich habe auch an Traktorwettbewerben teilgenommen und einige gewonnen, deshalb war ich im Dorf kein unbekanntes Gesicht. Trotzdem habe ich mir zuerst gedacht: Gemeinderat, das ist schwierig, das kann ich sicher nicht. Für mich war das alles weit oben. Dann habe ich mir aber gesagt: Warum eigentlich nicht? Ich kann es ja probieren. Ich wurde gut gewählt, war neun Jahre im Gemeinderat und bin seit den letzten Wahlen im Gemeindeausschuss. Dort merkt man, dass man wirklich etwas greifen und mitgestalten kann.

Welche Zuständigkeiten haben Sie im Gemeindeausschuss? Und wie passen diese zu Ihrer Arbeit als Bäuerin?
Ich bin zuständig für die Landwirtschaft, den Tourismus, die Gemeindegärtnerei, die Märkte, die Schulmensa und die Partnerstädte. Das sind sehr unterschiedliche Bereiche, aber viele davon haben einen direkten Bezug zur bäuerlichen Welt. Gerade bei den Bauernmärkten sehe ich, mit welcher Begeisterung Bäuerinnen und Bauern ihre Produkte verkaufen. Da steckt sehr viel Arbeit dahinter. Wenn jemand Brot verkauft, steht diese Person oft spätestens um vier Uhr in der Früh auf. Oft wird sogar eigenes Getreide verarbeitet. Solche Dinge möchte ich stärker sichtbar machen. Auch in der Schulmensa ist mir wichtig, dass wir dort, wo es möglich ist, auf bäuerliche und Südtiroler Produkte zurückgreifen. 

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass Bäuerinnen – und im weiteren Sinne Frauen – in solchen politischen Gremien vertreten sind?
Es ist wichtig, dass Gremien ausgewogen besetzt sind. Frauen bringen oft eine andere Sichtweise mit. Das heißt nicht, dass Männer es schlechter machen. Aber Frauen schauen auf manche Dinge anders hin. Als Bäuerin bringt man zusätzlich die Erfahrung vom Hof mit. Man weiß, wie viel Arbeit hinter einem Produkt steckt, welche Belastungen Familienbetriebe haben und wie wichtig praktische Lösungen sind. In der Gemeinde kann ich genau diese Sicht einbringen. Wenn über Landwirtschaft, Märkte, Tourismus oder Schulmensa gesprochen wird, dann ist es wertvoll, wenn jemand am Tisch sitzt, der diese Welt aus dem Alltag kennt. Man kann erklären, was möglich ist, aber auch, wo Grenzen sind.

Sie sind auch im Verwaltungsrat des Bonifizierungskonsortiums Passer-Eisackmündung tätig. Welche Erfahrung haben Sie dort gemacht?
Dort habe ich sehr deutlich erlebt, warum Frauen in Gremien wichtig sind. Vor einiger Zeit ging es darum, die Direktion neu zu besetzen. Es gab mehrere Bewerbungen, darunter eine Frau, die wir kannten und die fachlich sehr gut geeignet war. In der Diskussion sagten einige Kollegen sinngemäß: Vom Wissen her müsste man eigentlich diese Frau nehmen, aber sie hat vier Kinder, noch dazu relativ kleine. Ob sie das wohl schafft? Da habe ich gesagt: Eine Frau, die sich für so einen Posten bewirbt, gibt 150 Prozent und nicht nur 100 Prozent. Wenn sie sich das zutraut, dann wird sie sich das sehr gut überlegt haben. Am Ende haben wir uns für die genannte Kandidatin entschieden. Heute arbeiten wir sehr gut zusammen, und sie ist eine sehr gute Direktorin. Für mich war das ein Beispiel dafür, dass es etwas bewirkt, wenn eine Frau mitentscheidet.

Was braucht es, damit sich mehr Bäuerinnen solche Aufgaben zutrauen?
Es braucht Vorbilder. Frauen und Bäuerinnen, die zeigen, dass man trotz Familie, Hof und vielen Verpflichtungen Verantwortung übernehmen kann. Viele Frauen sagen zuerst: Das kann ich nicht. So war es bei mir am Anfang auch. Aber wenn man erst einmal in dem Gremium drinsitzt, lernt man laufend dazu. Man muss nicht vom ersten Tag an alles wissen. Wichtig ist, dass man den Mut hat, sich aufstellen zu lassen oder eine Aufgabe anzunehmen. Und es braucht Menschen, die Bäuerinnen ermutigen. Wenn jemand sagt: Du kannst das, du hast etwas zu sagen, dann hilft das. 

Sie führen auch selbst den Goldbichlhof. Welche Rolle spielt diese Erfahrung für Ihre Arbeit in öffentlichen Gremien?
Die Erfahrung vom Hof prägt einen stark. Ich arbeite seit meinem 16. Lebensjahr in der Landwirtschaft und habe den Hof meiner Eltern 2010 übernommen. Der Goldbichlhof ist steil, die Arbeit ist körperlich fordernd. Ich weiß also, was es heißt, wenn man draußen arbeiten muss, wenn viel händisch zu tun ist und wenn jede Entscheidung im Betrieb Auswirkungen hat. Diese Praxisnähe nehme ich in die Gremien mit. Gleichzeitig habe ich gesehen, dass sich die Arbeit verändert. Mein Sohn ist seit einem Jahr auf dem Hof, und er sagt klar: „So schinden wie du will ich mich nicht.“ Das verstehe ich. Deshalb schauen wir bei Neuanlagen, dass wir Terrassen machen und Arbeiten erleichtern. Auch solche Erfahrungen sind wichtig, wenn man über Zukunft, Förderung oder Entwicklung in der Landwirtschaft spricht.

Sie sprechen oft davon, dass die Arbeit der Bäuerinnen sichtbarer werden muss. Was meinen Sie damit?
Viele Leistungen der Bäuerinnen sind selbstverständlich geworden. Familie, Haushalt, Arbeit draußen, Gäste betreuen, Produkte herstellen, Direktvermarktung – das alles läuft oft nebeneinander. Bei Urlaub auf dem Bauernhof kommen noch die Gäste dazu, bei hofeigenen Produkten die Verarbeitung und der Verkauf. Diese Arbeit sieht man nicht immer. Daher ist es wichtig, darüber zu reden. Wenn Menschen auf dem Bauernmarkt einkaufen, sollen sie wissen, wie viele Stunden Arbeit in einem Produkt stecken. Es geht nicht darum, sich zu beklagen. Es geht um Wertschätzung. Lebensmittel sind nicht einfach da. Sie entstehen durch Arbeit, Erfahrung und Verantwortung.

Was wünschen Sie sich für die junge Generation von Bäuerinnen?
Ich wünsche mir, dass junge Bäuerinnen sich nicht verstecken. Sie sollen stolz darauf sein, Bäuerin zu sein. Und sie sollen sich auch außerhalb des Hofes etwas zutrauen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich einzubringen: bei den Bäuerinnen, im Bauernbund, in der Gemeinde oder in anderen Gremien. Natürlich ist das neben Hof, Familie und Beruf nicht immer leicht. Aber man kann dabei auch viel für sich selbst gewinnen. Man merkt: Ich habe etwas erreicht, ich konnte etwas beitragen, ich kann mitreden. Dieses Selbstbewusstsein ist wichtig. Wenn Bäuerinnen ihre Erfahrungen einbringen, profitieren nicht nur sie selbst, sondern auch die Landwirtschaft und die Gesellschaft. 

Von ihren Erfahrungen in den verschiedenen Gremien erzählt Ulrike Laimer auch in der aktuellen Folge des Podcasts „Zuaglost“. 

Interview: Bernhard Christanell

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