Markt, Südtiroler Landwirt | 03.02.2022

Die neuen Märkte in Fernost erobern

Südtirols Weißweine sind in Ostasien sehr beliebt. Deshalb können China, Südkorea und Taiwan künftig wichtige Abnehmer werden, wurde bei der 60. Südtiroler Weinbautagung klar. Die hohe Qualität tut ihres dazu, Nachhaltigkeit ist das Zukunftsthema. von Renate Anna Rubner

Qualität umfasst heute auch das Umfeld der Produktion – vom Boden über die Rebe bis hin zur Flasche. Foto: Südtiroler Weinkonsortium

Qualität umfasst heute auch das Umfeld der Produktion – vom Boden über die Rebe bis hin zur Flasche. Foto: Südtiroler Weinkonsortium

In Asien hat der Weinkonsum in den letzten Jahren deutlich zugenommen, vor allem in China: Mit 1,46 Milliarden Litern steht es in Asien an erster Stelle, weltweit auf Platz drei. Experten erwarten, dass die Chinesen bis 2025 fünf bis zehn Prozent mehr Wein konsumieren werden als heute schon. Einer dieser Experten ist Loïc Brunot, Managing Director Japan, ­South Korea & Australia bei Sopexa, einer internationalen Kommunikationsagentur für Lebensmittel, vor allem Wein. Auch das Konsortium Südtirol Wein arbeitet mit der Agentur zusammen, um die ostasiatischen Märkte für die heimischen Weine zu erschließen und auszubauen. Loïc Brunot war einer der Referenten der diesjährigen 60. Weinbautagung. Sie fand, wie bereits im letzten Jahr, online über die Plattform Zoom statt.

Großes Potenzial am ostasiatischen Markt

Obwohl China selbst Wein anbaut und die Weinbauflächen erweitern will, werden derzeit jährlich 430 Millionen Liter Wein importiert, Tendenz steigend. Auf Platz zwei beim asiatischen Weinkonsum rangiert Japan (weltweit auf Rang sechs) mit einem jährlichen Weinkonsum von 357 Millionen Litern, wovon 226 Millionen Liter importiert werden. In den letzten zehn Jahren ist das Einfuhrvolumen um rund 50 Prozent gestiegen. Dasselbe gilt für Hongkong, das beim Weinkonsum derzeit den dritten Platz in Asien einnimmt: Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt aktuell bei rund fünf Litern pro Jahr, laut Prognosen wird er aber auf 6,5 Liter steigen. Auf Platz vier, fünf und sechs liegen Südkorea, Taiwan und Singapur. Brunot betonte: „Südkorea hat ein starkes Potenzial, wahrscheinlich das höchste nach den USA, ist also sehr interessant!“ 

Das gelte insgesamt für die ostasiatischen Märkte. Zu bedenken sei allerdings, darauf wies der Marketingexperte hin, dass die tendenziell höheren Preise, die dort realisiert werden können, durch mehr Service am Kunden geschmälert werden. Auch sei Ostasien eher Absatzmarkt für Rotweine, besonders Cabernet Sauvignon, Merlot, Blauburgunder, Syrah und Sangiovese sind beliebt. Langsam beginnen die Asiaten aber auch vermehrt, Weißwein zu trinken:  Sorten wie Chardonnay, Sauvignon blanc, Ruländer und Gewürztraminer liegen dabei vorne. 

Italien und Südtirol im Vorteil

Ein Vorteil für Italien, wo praktisch alle diese Weine angebaut werden. Trotzdem liegt Italien bei den Importen für Wein in China etwas abgeschlagen auf Platz sechs. Das liegt laut Loïc Brunot einmal an der immer stärker werdenden chinesischen Eigenproduktion, andererseits aber auch daran, dass die Handelsbeziehungen zwischen Australien und China bisher sehr eng waren. Das habe sich nun aber geändert, es gebe Spannungen. Zum Vorteil für Italien: „Beobachter glauben, dass Italien bei den Weinimporten nach China auf Platz drei vorgerückt wird.“ 

Südkorea importiert laut Brunot vor allem aus Chile, Spanien und dann erst aus Italien und Frankreich, Taiwan sehr stark aus Frankreich (58 %) und Spanien (23 %). 

Ein großer Pluspunkt für italienische Weine sei, das unterstrich Loïc Brunot mehrmals, dass Italien in Ostasien und vor allem in China ein sehr gutes Image genießt. „Und zwar in allen Bereichen, von der Mode über das Essen und die Autos bis hin zu den Weinen“, meinte er. 

Davon profitiere natürlich auch Südtirol, das sich steigender Beliebtheit erfreut. „Südtirol rangiert in China unter den Top 15 der beliebtesten Weißweinproduzenten weltweit“, stellte Brunot klar. Die gepflegten Kulturlandschaften, die Berge und vor allem die Dolomiten tragen Ihres dazu bei, Südtirols positives Image bei den Chinesen zu untermauern. „Südtirol hat in Asien sehr, sehr viel Potenzial!“, sagte der Marketingexperte mit Blick auf die Zukunft.

Verantwortung im Mittelpunkt

Einen Blick in die Kristallkugel wagte auch Andreas Kofler, Präsident des Konsortiums Südtirol Wein, als er die Nachhaltigkeitsstrategie­ des Südtiroler Weinsektors vorstellte. „Die Zukunft wird oft klarer, wenn man sie vom Ende her denkt“, meinte er und stellte das Thema Verantwortung in den Mittelpunkt. „Was müssen wir leisten, welche ist unsere Rolle?“, fragte er und nahm mit dem „uns“ nicht nur Bäuerinnen und Bauern in die Pflicht, sondern vor allem die Genossenschaften, die Beratung und alle, die im Südtiroler Weinbau beschäftigt sind, denn nachhaltig bedeute „sozial, ökologisch und ökonomisch gerecht, lebensfähig und tragbar“. 

Zertifizierung notwendig

Die Südtirol Wein Agenda 2030 ist geboren durch einen Prozess, der im Jahr 2017 angestoßen wurde: Der Impuls dafür sei von einigen Weinproduzenten und Genossenschaften selbst gekommen, die sich schon in Richtung nachhaltige Produktion entwickelt hatten. Ohne eine gemeinsame Basis allerdings. 

Im Laufe der Ausarbeitung wurden – zu­geschnitten auf die Realitäten, die Südtirols Weinbau ausmachen – fünf Handlungsfelder abgegrenzt und Meilensteine definiert. Dazu gekommen ist seit 2020 eine nationale Zertifizierung laut SQNPI (Sistema di Qualità Nazionale­ Produzione Integrata). Diese Zertifizierung sei notwendig geworden, weil es eine gesetzliche Basis braucht und Förderungen künftig an bestimmte Leistungen geknüpft sein werden, erklärte Kofler.

Handlungsfelder und konkrete Meilensteine

Der Präsident des Konsortiums kündigte an, dass die Wein Agenda 2030 „zwei Geschwindigkeiten fahren wird: Manche Betriebe sind schon weiter und möchten sich ambitioniertere Ziele setzen – auch gemeinsam. Für diese Pilotbetriebe gibt es ,Agenda Plus‘. Alle anderen werden sich nach und nach an diese höheren Anforderungen anpassen, während sich die Ersten wieder höhere Ziele stecken werden“. Das Ganze ist also ein Prozess, der sich ständig weiterentwickelt, erklärte Kofler. Dann ging er auf die fünf Aktionsfelder Boden, Rebe, Wein, Menschen und Land ein, für die er jeweils konkrete Meilensteine vorstellte: So sei im Aktionsfeld Mensch das digitale Betriebsheft für Pilotbetriebe bereits 2022 vorgesehen, ab 2023 wird es für alle zur Voraussetzung. „Das ist für manche Betriebe eine Herausforderung, deshalb wird es Hilfestellung geben“, kündigte er an.  

Beim Aktionsfeld Wein werde an einer klimaneutralen Weinflasche gearbeitet, mehrere Lösungsansätze werden abgewogen: Dabei geht es nicht nur um ein geringeres Flaschengewicht, sondern besonders um den Herstellungsprozess. Beim Handlungsfeld Boden soll die mineralische Stickstoffdüngung durch organische und Gründüngung ersetzt, auf Herbizideinsatz so weit wie möglich verzichtet, Plastik vermieden und Wasser sparsam genutzt werden. 

Die Wirtschaftskreisläufe intelligenter nutzen ist Hauptthema im Handlungsfeld Land, und im Aktionsfeld Rebe gehe es darum, die Vielfalt in den Weingärten zu erhalten, weiter zu fördern und Pflanzenschutzmittel weiter zu reduzieren. 

Kofler unterstrich: „Nachhaltigkeit ist Ausdruck der Positionierung unserer Weine auf den internationalen Märkten.“ Denn Premiumqualität habe künftig auch Nachhaltigkeit als Beurteilungsfaktor. „Die gefühlte Qualität zählt immer mehr: Die Menschen wollen genießen und das mit ruhigem Gewissen. Die Südtirol Wein Agenda sichert deshalb unsere Zukunft!“

Qualitätsstrategie weiterverfolgen

Landesrat Arnold Schuler nahm die Gelegenheit seiner Grußworte wahr, um auf 2021 zurückzublicken und einen Ausblick zu wagen: Insgesamt könne man zufrieden sein mit der Ernte, auch wenn die Vegetationsperiode für Weinbäuerinnen und -bauern so manche Herausforderung im Ärmel hatte. „Mengenmäßig können wir zufrieden sein, auch die Qualität lässt kaum zu wünschen übrig“, meinte der Landesrat. Auch im Absatz habe sich dank der sehr guten Tourismussaison 2021 wieder viel aufholen lassen, was zunächst verloren schien: Zudem habe die Landesregierung 2,1 Mio. Euro zusätzlich zur Absatzförderung und zur Stärkung der Lagerkapazitäten genehmigt.

Der Landesrat appellierte an Weinbäuerinnen, -bauern und Verantwortliche im Weinsektor, weiterhin auf Qualität zu setzen. Dafür sei Nachhaltigkeit eine wichtige Voraussetzung: „Die Südtirol Wein Agenda 2030 ist Teil unserer Qualitätsstrategie: Wir müssen sie konsequent umsetzen!“, sagte er.

Meldepflicht bei Verdacht auf Goldgelbe Vergilbung

Gleichzeitig mahnte er Achtsamkeit und Sorgfalt an, vor allem was gefährliche Quarantänekrankheiten wie die Goldgelbe Vergilbung anlangt. Diese Krankheit sei sehr gefährlich. Er rief alle auf, sie ernst zu nehmen.

Dieser Aufruf wurde untermauert durch die Ausführungen von Fabian Pernter und Andrea Simoncelli vom Amt für Obst- und Weinbau, die gemeinsam einen Überblick über die derzeitige Situation in Südtirol gaben: Nicht nur was die Ausbreitung der Krankheit anlangt, sondern auch ihres Vektors, der Amerikanischen Rebzikade (Scaphoideus titanus).

„Die Symptome der Goldgelben Vergilbung sind optisch nicht von denen der Schwarzholzkrankheit zu unterscheiden“, erklärte Pernter, dazu seien Laboruntersuchungen nötig. Im letzten Jahr (2021) habe es 77 bestätigte Fälle gegeben. 

Trotzdem werde noch nicht genug getan: „Verdachtsfälle von Goldgelber Vergilbung müssen umgehend dem Pflanzenschutzdienst gemeldet werden“, mahnten die Beamten an. Erkrankte Stöcke seien vollständig zu roden und zu vernichten. Auch Insektizide können gegen den Vektor eingesetzt werden, aber Kontrolle, Beobachtung und rigoroses Vorgehen gegen erkrankte Stöcke seien die wirksamste Methode gegen diese Rebkrankheit, die den heimischen Weinbau bedroht.

Am Nachmittag die Fachvorträge

Nach einer längeren Pause ging die Weinbautagung nachmittags ab 17 Uhr mit Fachvorträgen weiter: Zunächst stellten Florian Haas, Ulrich Pedri und Peter Robatscher vom Versuchszentrum Laimburg das EFRE-Projekt PinotBlanc und dessen Ergebnisse aus den Bereichen Weinbau, Önologie und Labor für Aromen und Metaboliten vor. Thomas Weitgruber vom Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau sprach über Kosten und Erlöse im Südtiroler Weinbau. 


75 Jahre Südtiroler Landwirt

Ein Weinskandal mit Folgen

Im Jahr 1985 erschütterte der sogenannte Glykolwein-Skandal vor allem die österreichische Weinwirtschaft. Auf die möglichen Folgen für Südtirol ging am 29. September 1985 der damalige Landwirtschafts-Landesrat Luis Durnwalder im „Südtiroler Landwirt“ ein.


Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 2 des „Südtiroler Landwirt“ vom 4. Februarab Seite 55 oder online auf „meinSBB“.