Produktion | 03.03.2022

Gänsemast in Südtirol

Gänse sind soziale Wesen, Beziehungen sind wichtig für sie, erklärt Chiara Perissinotto. Im Interview erzählt die Tierärztin und Geflügelexpertin beim BRING über die Besonderheiten der Gänsemast. von Lukas Luggin

Gänse sind ausgesprochen soziale Tiere, das ist in der Haltung zu berücksichtigen.

Gänse sind ausgesprochen soziale Tiere, das ist in der Haltung zu berücksichtigen.

In Südtirol gibt es derzeit kaum Gänsehalter, es liegt aber viel Potenzial in der Gänsemast. Besonders für Direktvermarkterinnen und Direktvermarkter. Ein entsprechendes Beratungsangebot für Interessierte wird durch die Abteilung Innovation & Energie im Südtiroler Bauernbund vermittelt. Beratung gibt es unter anderem von Chiara Perissinotto vom Beratungsring Berglandwirtschaft BRING. 

Südtiroler Landwirt: Frau Perissinotto, was macht die Gänsehaltung so besonders?

Chiara Perissinotto: Gänse sind sehr inte­ressant, sie sind beispielsweise die einzige Geflügelart, die Gras verdauen kann. Weidegänse haben im Weidemanagement Ähnlichkeiten mit Kühen und Rindern, weshalb Viehbäuerinnen und -bauern bereits mit vielen Besonderheiten vertraut sind. So wissen sie beispielsweise über die richtige Einsaat und Koppelung der Weide Bescheid. Im Schnitt fressen Gänse täglich ein Kilogramm Gras, weshalb die Koppelung der Weidefläche wichtig ist. 

Mastgänse werden im Gegensatz zu anderem Mastgeflügel zum Wassergeflügel gezählt. Sie benötigen Zugang zu einer Wasserquelle, dabei muss es sich nicht zwingend um ein Oberflächengewässer handeln. Aufgeschnittene Plastikrohre zur Nasenspülung sind für Gänse bereits ausreichend. Hat die Gans die Möglichkeit, im Auslauf zu baden, steigt die Qualität ihrer Federn. Eine weitere Besonderheit von Gänsen: Im Gegensatz zu anderem Geflügel können Gänsefedern verkauft werden und so ein zusätzliches Einkommen generieren.

Gänse leben in Herden und sind sehr sozial. Merkt man das in der Haltung?

Ja, Gänse sind sehr soziale Tiere. Sie bauen starke Beziehungen auf: Das beschränkt sich nicht auf ihre Artgenossen, sondern betrifft auch die Geflügelbäuerin bzw. den Geflügelbauern, was wiederum Einfluss auf die Haltung hat. Auch beim Schlachten muss ihr Sozialverhalten berücksichtigt werden: Die Herde soll möglichst als Ganzes oder innerhalb kurzer Zeit geschlachtet werden, da die übrig gebliebenen Gänse sonst um ihre Partnerinnen bzw. Partner trauern. Das Herdenverhalten hat aber auch Vorteile, so haben beispielsweise Raubvögel bei einer Gänseherde keine Chance.

Was brauchen Landwirtinnen und Landwirte abgesehen von genügend Auslauf, um in die Gänsemast einzusteigen?

Neben einem großen Auslauf brauchen Gänse einen Stall. Der wird zwar nur in den ersten acht Wochen intensiv genutzt, danach sind die Tiere befiedert und halten sich lieber im Freien auf. Aber die Tiere nutzen ihn dann noch als Unterstand für die Nacht und bei schlechter Witterung. Der Stall muss gut isoliert und leicht zu reinigen bzw. zu desinfizieren sein. Es muss darauf geachtet werden, dass genügend Futter- und Wasserangebot für die gesamte Gänseherde vorhanden ist. 

Was sind die größten Herausforderungen in der Gänsemast?

Die größte Herausforderung ist derzeit die Vermarktung. Gänse werden aktuell nur sehr saisonal zu Martini und Weihnachten angeboten. Liebhaber schätzen Gänsefleisch aber wegen seiner Zartheit. Derzeit ist der Selbstversorgungsgrad in Südtirol noch sehr gering. Die Konsumenten müssen nur noch von der lokalen Alternative überzeugt werden.

Deshalb hat die Gänsemast großes Potenzial in Südtirol und bietet die Möglichkeit, in die Direktvermarktung einzusteigen. Mit hoher Qualität und hohen Tierwohlstandards können sich Südtirols Bäuerinnen und Bauern gut von der Konkurrenz aus dem Ausland absetzten. Ob die Gänsehaltung am Betrieb umgesetzt werden kann, muss jedoch von Fall zu Fall entschieden werden.

Wo können Interessierte weitere Informationen zur Gänsemast finden?

Wer sich für die Gänsehaltung interessiert, kann sich online auf der Webseite des Südtiroler Bauernbunds unter bit.ly/Geflügelbroschüren informieren. Bei Fragen kann man sich auch an die Bauernbund-Abteilung Innovation & Energie unter 0471 999363 oder per E-Mail (innovation-energie@sbb.it) wenden. Weitere Informationen erhalten Interessierte  bei mir unter der Nummer 340 2134079 oder perissinotto.c@bring.bz.it