Produktion, Südtiroler Landwirt, Markt | 12.05.2022

Kosten fair auf alle verteilen

Während die Produktionskosten seit zwei Jahren rasant steigen, mussten Südtirols Bergbauern auch 2021 mit einem leicht rückläufigen Milchpreis auskommen. Diese ernüchternde Bilanz zog der Sennereiverband Südtirol bei seiner Vollversammlung.

Die Südtiroler Milchwirtschaft durchlebt aufgrund der Folgen der Pandemie und des Krieges in der Ukraine schwierige Zeiten.  Foto: Sennereiverband Südtirol

Die Südtiroler Milchwirtschaft durchlebt aufgrund der Folgen der Pandemie und des Krieges in der Ukraine schwierige Zeiten. Foto: Sennereiverband Südtirol

Obmann-Stellvertreter Georg Egger zeichnete bei der Versammlung ein wenig verheißungsvolles Bild von der Wertschöpfungskette in der Lebensmittelproduktion: „Die Pandemie hat die Milchwirtschaft noch weiter unter Druck gesetzt, die Wirtschaftlichkeit unserer Betriebe leidet, und es ist fraglich, wie lange sie noch durchhalten können.“ 

Waren andere Sektoren pandemiebedingt in eine Krise gerutscht, greift die Krise der Milchwirtschaft und damit der Berglandwirtschaft sehr viel tiefer und ist im vergangenen Jahr sowie nun auch durch den Krieg in der Ukraine noch zusätzlich verschärft worden.  Egger nannte dafür gleich mehrere Gründe, angefangen mit dem lockdownbedingten Ausfall der Wintersaison 2021. „Noch sehr viel größere Sorgen bereiten uns aber die explodierenden Preise für wichtige Rohstoffe, für Treibstoff und Energie, durch die nicht nur die Kosten in den Verarbeitungsbetrieben, sondern auch die Produktionskosten unserer Bauern in die Höhe schnellen“, sagte Egger.  Leider sei das keine Momentaufnahme, sondern ein Trend, dessen Ende nicht absehbar sei. Egger dankte in diesem Zusammenhang der Landesregierung für die angekündigte Unterstützung der Milchbauern in Form der 300-Euro-Milchkuhprämie: „Dieser Schritt wird die Probleme nicht lösen, er ist aber ein wichtiges Signal an die Milchwirtschaft, dass die Bergbäuerinnen und Bergbauern der Politik wichtig sind.“

Damit die Milchproduktion rentabel bleibt, müsse auf die Steigerung der Produktionskosten aber mit einem Anstieg der Milchpreise reagiert werden. „Da die Kostensteigerungen in der Verarbeitung und Produktion so massiv sind, können diese immer nur schrittweise und zeitversetzt an den Lebensmitte­l­einzelhandel weitergegeben werden“, bedauerte der Obmann-Stellvertreter. Dadurch sei das langfristige Überleben der Südtiroler Berglandwirtschaft in Gefahr und mit ihr die Versorgung der Bevölkerung mit heimischen Qualitätsprodukten. Egger fordert daher, die Leistungen der Produzenten in der Wertschöpfungskette stärker abzugelten und Qualität finanziell zu belohnen.

Stabile Menge, sinkende Preise, weniger Betriebe

Dass den angestiegenen Kosten nicht genügend Steigerungen der Einnahmen gegenüberstehen, zeigt ein Blick auf die Entwicklung von Milchpreis und -menge. Letztere ist in den vergangenen Jahren stabil geblieben, auch 2021 wurden mit 403,9 Millionen Kilogramm nur 0,5 Prozent mehr Milch produziert als im Jahr davor. Zugleich mussten die Bauern mit weiter sinkenden Milchpreisen wirtschaften. 2021 wurde in Südtirol ein durchschnittlicher Auszahlungspreis von 50,17 Cent pro Kilogramm erreicht, das waren 0,66 Cent weniger als noch im Vorjahr und fast ein ganzer Cent weniger als noch 2019. Diese negative wirtschaftliche Entwicklung spiegelt sich auch in der Zahl der Milchbetriebe im Land wider, die 2021 weiter gesunken ist. So haben allein im vergangenen Jahr 62 Betriebe die Milchproduktion eingestellt, in den letzten zwei Jahrzehnten hat Südtirol damit mehr als 1500 Milchbetriebe verloren. Seit 1990 hat fast die Hälfte der damaligen Milchlieferanten die Produktion eingestellt.

Die Grundsatzfrage, die sich viele Milchlieferanten in Südtirol stellen, ist, ob sie auch weiterhin in der Lage sein werden, die Milchwirtschaft im Vollerwerb weiterzuführen. Annemarie Kaser, Direktorin des Sennereiverbandes Südtirol, fasste zusammen: „Wer aus dem Vollerwerb aussteigt und in den Nebenerwerb wechselt, verbindet dies allzu oft auch mit dem Ausstieg aus der Milchproduktion.“

Global gesehen ist das Bild ein anderes: Hier hat sich der Milchmarkt 2021 im Vergleich zum Jahr zuvor deutlich erholt. In vielen Ländern war der Milchpreis daher auch höher als 2020. 

Long-Covid auch in der Milchwirtschaft

Auch wenn sich die Pandemiesituation 2021 im Vergleich zum Jahr davor gebessert hat, haben die Folgen von Covid-19 in der Milchwirtschaft doch angehalten. Vor allem der Ausfall der Wintersaison und der nahezu totale Wegfall des Städtetourismus in Italien im ersten Halbjahr 2021 haben die Milchwirtschaft hart getroffen. „Der Absatz unserer Produkte ist in den ersten Monaten des vergangenen Jahres eingebrochen, der Versandmilchanteil musste angehoben werden“, erklärte Kaser, die zudem auf Engpässe bei Verpackungsmaterialien und Rohstoffen verwies. „Selbst ein gutes zweites Halbjahr hat den Absatzrückgang im ersten nicht wettmachen können“, erinnerte Kaser. 

Die Absatzkrise zeigt sich nicht zuletzt an den Rückgängen, die in der Produktion aller Südtiroler Milchprodukte – Mascarpone und Sahne ausgenommen – feststellbar sind. Der Frischmilchabsatz sank im Vergleich zu 2020 um rund 2,6 Prozent, jener von Joghurt um 1,84 Prozent, jener von Käse gar um 7,3 Prozent. Entsprechend hatten die Südtiroler Milchhöfe 2021 einen Umsatzrückgang zu beklagen, die Beschäftigungssituation ist davon glücklicherweise allerdings nicht betroffen. 

Um sich die unterschiedlichen Kosten für die Milchproduktion in Südtirol und Gunstlagen wie der Poebene vor Augen zu führen, reicht ein einfacher Vergleich: „Die Milchproduktion in Südtirol macht italienweit nur einige wenige Prozent aus. Dennoch haben wir in etwa gleich viele Milchproduzenten wie die Lombardei, die aber fast die Hälfte der italienischen Milch produzieren. Man kann sich ausrechnen, was das für die Produktionskosten für einen Liter Milch bedeutet.“ Italien hat mittlerweile bei Milch- und Milchprodukten einen Selbstversorgungsgrad von 90 Prozent erreicht. Das heißt zum einen, dass die Importrate sinkt, zum anderen aber auch, dass für die Mehrmengen an Milch neue Absatzkanäle gefunden werden müssen.   

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 9 des „Südtiroler Landwirt“ vom 13. Mai ab Seite 51, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.