Bauernbund, Politik | 24.06.2022

Wolf: Praxistaugliche Lösung gefragt

Wir brauchen neue Rahmenbedingungen in der Bewirtschaftung der Almen und praxistaugliche Lösungen in Umgang mit dem Wolf. Dies betonten rund 200 Vertreterinnen und Vertreter der Berglandwirtschaft im Rahmen des ersten Alpen.Gipfel.Europa gestern in Bayern.

Eine breite Allianz für die Berglandwirtschaft traf sich auf der Unteren Firstalm in Bayern.

Eine breite Allianz für die Berglandwirtschaft traf sich auf der Unteren Firstalm in Bayern.

Bei der Podiumsveranstaltung zum Alpen.Gipfel.Europa gab es eine lebhafte Diskussion zwischen den Politikern sowie Verbandsvertreter aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol über Lösungsmöglichkeiten für die Zukunft der Berglandwirtschaft.
Südtirol war unter anderem mit Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler und Landesrat Arnold Schuler vertreten. 

Ministerin Kaniber: Bedürfnisse der Bergbauern unterstützen
Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber warb um Verständnis für die Bergbauern. „Unsere wunderschöne Bergwelt steht allen Bürgerinnen und Bürgern offen. Viele Menschen suchen in den Bergen Erholung und Ruhe. Dieser Wunsch muss aber mit den Bedürfnissen der Bergbauern in Einklang gebracht werden. Sie sind es, die sich seit Jahrhunderten tagtäglich mit viel Herzblut um unsere wunderschöne Heimat kümmern. Ihre Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde grasen auf den Bergweiden und pflegen so unsere wunderschöne Kulturlandschaft. Wir müssen daher alles tun, um sie dabei zu unterstützen.“ 

Minister Totschnig: Ohne Beweidung geht Lebensraum verloren
Der österreichische Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig sagte: „Die Almwirtschaft hat eine zentrale ökonomische, ökologische und kulturelle Bedeutung für die österreichische Land- und Forstwirtschaft. Bestmögliche Rahmenbedingungen für unsere Bergbauern, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten und einen wichtigen Beitrag zur Lebensmittelversorgungssicherheit leisten, sind mir persönlich ein großes Anliegen. Wenn die Bäuerinnen und Bauern ihre Tiere nicht mehr auftreiben, hat das massive Folgen für die alpinen Regionen. Ohne eine ausreichende Beweidung gehen diese Flächen für die landwirtschaftliche Produktion bzw. als Kulturlandschaft und als Lebensraum für gefährdete Pflanzen und Tiere verloren. Die Bewirtschaftung der Almen muss weiter möglich sein. Dafür braucht es einen Naturschutz mit Hausverstand. Beispielsweise Wölfe, die wiederholt Nutztiere reißen, die wiederholt in Siedlungsräumen auftauchen, müssen entnommen werden können.“

Landesrat Schuler: Bewusste Entscheidungen für Bergbauernhöfe
Südtirols Landesrat Arnold Schuler machte deutlich, dass es die Berglandwirtschaft ist, die maßgeblich zum Erhalt der bäuerlichen Familienbetriebe in Südtirol beiträgt, hochwertige Lebensmittel produziert und einen unverzichtbaren Beitrag für den Erhalt der Biodiversität und für die Landschaftspflege leisten. „Damit die Bewirtschaftung der Bergbauernhöfe langfristig gesichert werden kann, braucht es Strategien, gute landwirtschaftliche Ausbildung, wertschätzende Anerkennung der erbrachten Leistungen und bewusste Konsumentscheidungen von Einheimischen und Gästen in Südtirol“, sagte Schuler. 

SBB-Obmann Tiefenthaler: Gefährliche Tiere entnehmen
Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler untermauerte die Forderung der Südtiroler Bäuerinnen und Bauern nach einer möglichen Entnahme gefährlicher Tiere: „Aus Rom, das in unserem Fall eigentlich für den Managementplan zuständig wäre, ist leider keine Hilfe zu erwarten. Auch in Brüssel ist es schwer, Mehrheiten für eine Senkung des Schutzstatus zu finden. Wir haben nur eine Chance, wenn wir uns im gesamten Alpenraum zusammentun und unsere Stimme erheben!“

Weitere Stimmen zum Alpengipfel
Der Präsident des Bayerischen Bauernverbandes, Walter Heidl, beschrieb die große Bedeutung der Bergbauern für den Alpenraum. Es gehe darum, dass die Alpen bewirtschaftet bleiben. Dies sei für die ökologische Wertigkeit genauso wichtig wie für den Tourismus in die Region. „Wir brauchen klare Regelungen, wenn es um das Ausbreiten der Wolfspopulation geht“, erklärte Heidl. Gebraucht werden nun Lösungen und nicht nur Diskussionen. 
Nach Aussage von Joachim Rukwied, Präsident des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg, „hat der Alpenraum nur mit den Bauern eine Zukunft. Ohne die geht es nicht“. Er appellierte an die Politik in Brüssel, dass die Mittel in der zweiten Säule der EU-Agrarpolitik aufgestockt werden und die Bürokratie abgebaut werden, „wenn weiterhin genügend regionale Lebensmittel produziert werden sollen“. 
Josef Moosbrugger von der Landwirtschaftskammer Österreich wies in seinem Statement auf die Herausforderungen hin, die die Bergbauern tagtäglich spüren. Die Rinderhaltung auf den Bergen müsse auch in Zukunft aufrechterhalten bleiben. „Ohne die Rinder wachsen die Almen zu“, betonte er. Nur die Kuh als Wiederkäuer könne das Gras verwerten. Thomas Roffler, Vertreter vom Bündner Bauernverband, thematisierte in seinem Statement den Umgang mit großen Beutegreifern. Die Situation mit den Wölfen in der Schweiz sei schwierig. „Das kann man nicht mit Weideschutzzäunen lösen. Herdenschutzzäune helfen nicht langfristig, weil die Wölfe lernen, sie zu überwinden“. 

Positionspapier verabschiedet
Die Allianz für die Berglandwirtschaft verabschiedete beim Alpen.Gipfel.Europa ein Positionspapier, in dem sie ihre Anliegen an die Politik formulierte. Für viele Touristen seien die Alpen ein Stück unberührte Natur. In Wirklichkeit seien es aber die bäuerlichen Familienbetriebe in den Alpen, die durch ihr generationenübergreifendes Denken und nachhaltiges Wirtschaften diese vielfältigen Kulturlandschaften im Herzen Europas geschaffen haben und nun erhalten würden. Doch die Lebensperspektiven für die Bergbauern würden durch den Klimawandel, der Rückkehr großer Raubtiere und auf Grund zahlreicher gesetzlicher Verschärfungen schwieriger werden. Außerdem sei die Alm- und Alpwirtschaft aktuell einer Zerreißprobe ausgesetzt mit Nutzungskonflikten zwischen einer aktiven Landwirtschaft, dem Tourismus und dem Naturschutz.
"Als Vertreter der berufsständischen Organisationen der Land- und Forstwirtschaft fordern wir dringend, die Rahmenbedingungen zu verbessern für eine zukunftsfähige Berglandwirtschaft als gesellschaftlichen Auftrag mit dem Erhalt der Weide- und Freilandwirtschaft, der touristischen Attraktivität und der Produktion hochwertiger regionaler Nahrungsmittel – für Wertschöpfung und Wertschätzung der in den Alpenregionen lebenden Menschen“, betonen die Bergbauern in ihrem Positionspapier. 

Das Positionspapier ist hier online abrufbar.

Die Allianz für die Berglandwirtschaft
Die Allianz für die Berglandwirtschaft ist ein Zusammenschluss von Bauernverbände aus dem deutschsprachigen Alpenraum: Mitglieder sind der Österreichische Bauernbund, die Landwirtschaftskammer Österreich, der Verein Almwirtschaft Österreich, der Schweizer Bauernverband, der Bayerische Bauernverband, der Landesbauernverband Baden-Württemberg, der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband, der Südtiroler Bauernbund, der Tiroler Bauernbund, der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern und der Alpwirtschaftliche Verein im Allgäu.