Bauernbund | 08.07.2022

„Wir können nicht den Wolf über alles stellen“

Alpine Weidegebiete sind ein Hort der Artenvielfalt. Durch die Zunahme der Wölfe geraten diese zunehmend in Gefahr. „Wir können nicht eine Art über tausend andere stellen“, sagte der Schweizer Biologe und Wolfsexperte Marcel Züger bei einem Informationsabend des SBB und sprach sich für die Bejagung aus.

Die Bäuerinnen und Bauern fühlen sich mit der Wolfsproblematik allein gelassen.

Die Bäuerinnen und Bauern fühlen sich mit der Wolfsproblematik allein gelassen.

Als Biologe war er anfangs von der Rückkehr der Wölfe begeistert, erklärte Züger, der ein Ökobüro in Graubünden betreibt. Bei mittlerweile 16 Wolfsrudeln und jährlich über 800 getöteten Nutztieren in der Schweiz habe sich seine Haltung zum Wolf aber diametral geändert: „Die rasante Ausbreitung der Wölfe bringt die extensive Weidehaltung und damit gerade jene Kulturlandschaft in größte Gefahr, die wir aus Sicht der Biodiversität am meisten schützen müssen.“

Artenvielfalt ist in Gefahr
Das alpine Weidegebiet ist in der Schweiz Rückzugsort für über 900 Tier- und Pflanzenarten. 200 davon, wie Wiedehopf, Braunkehlchen oder Alexis-Bläuling, sind durch die Berner Konvention streng geschützt. „Die Almweiden sind extrem wichtig für die Artenvielfalt und für einen Biologen sozusagen die Filetstücke.“ Der Wolf hingegen sei in Europa keine seltene Art mehr. „Wir müssen verhindern, dass durch die Zunahme der Wölfe die Beweidung wegfällt und die geschützten Arten weniger werden oder aussterben. Wir können nicht eine Art über tausend andere stellen. Wir müssen den Schutz der Wölfe zurücknehmen, um den Lebensraum von Hunderten anderen Arten zu erhalten.“

Herdenschutz ist keine Lösung
Auch Herdenschutz sei keine Lösung, um Wolf und Weide zu vereinbaren, betonte Züger. In seinem Referat ging er auf die Schwachstellen von Zäunen, Nachtkoppeln und Herdenschutzhunden ein. „Wölfe lernen schnell und was heute an Herdenschutz funktioniert, kann schon morgen nicht mehr funktionieren“, sagte Züger und verwies auf Zahlen aus der Schweiz: „In Graubünden haben wir heuer 95 von hundert gerissenen Schafen in geschützten Herden.“ Den passiven Herdenschutz sieht der Schweizer Experte deshalb als gescheitert an.

Wolf darf nicht zu Kulturwolf werden
Am meisten Sorgen bereitet Züger die zunehmende Anpassung der Wölfe an die Menschen. „Die Geschichte des scheuen Wolfs ist ein Märchen“, stellte der Experte klar. „Wenn wir den Wölfen keine Grenzen setzen, kommen sie uns immer näher.“ Dagegen helfe nur die Bejagung: „Wir müssen mit Abschüssen beginnen, solange die Wölfe noch nicht gelernt haben, dass ihnen nichts passiert.“ Sonst befürchtet Züger, dass der Wolf „vom Natur- zum Kulturwolf wird“ und Menschen gegenüber immer frecher und aggressiver auftritt. „Diese Habituierung darf nicht passieren und das geht nur durch Bejagung“, kam Züger zum Schluss. 

Brauchen Wolfsmanagement mit Abschüssen
Leo Tiefenthaler, Landesobmann des Südtiroler Bauernbundes, unterstrich die Forderung nach einer Bejagung der Wölfe. „Die Erfahrungen aus der Schweiz bestätigen, dass es ein Wolfsmanagement mit Abschüssen braucht. Weil unsere Landespolitik damit in Rom offenbar nicht weiterkommt, suchen wir die Allianz mit den Alpenländern, um wolfsfreie Weidegebiete im Alpenraum zu ermöglichen.“
Landesobmann-Stellvertreter Daniel Gasser betonte, dass die Schweiz oft als Vorbild für den Herdenschutz genannt wird. „Die tatsächlichen Erfahrungen zeigen aber, dass Zäune und Hunde auch in der Schweiz keine Lösung sind.“

Bei der anschließenden Fragerunde äußerten viele der rund 140 anwesenden Tierhalterinnen und Tierhalter ihren Unmut über die Politik, die die Bauernfamilien im Berggebiet mit dem Wolfsproblem allein lasse. Eine Bäuerin aus Vahrn zeigte ein verstörendes Video von toten und schwer verletzten Schafen ihrer Herde nach einem Wolfsangriff.