Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 04.08.2022

Erhalt von Gebäuden im Mittelpunkt

Wie können Leerstände wiederbelebt, Dörfer aufgewertet und für junge Menschen lebenswert gemacht werden? Dieser Frage ging man am Auftaktabend der diesjährigen Woche der Innenentwicklung nach. Er wurde von der Plattform Land organisiert und fand in Neumarkt statt. von Renate Anna Rubner

Ioana Cires erklärt bei der Auftaktveranstaltung der Woche der Innenentwicklung das Konzept des Streuhotels (Albergo diffuso) in Neumarkt.

Ioana Cires erklärt bei der Auftaktveranstaltung der Woche der Innenentwicklung das Konzept des Streuhotels (Albergo diffuso) in Neumarkt.

„Neumarkt hat rund 5400 Einwohner, einen attraktiven historischen Ortskern und ist der Hauptort des Südtiroler Unterlandes. Trotzdem sind wir mit knapp 30.000 Nächtigungen ein touristisch unterentwickelter Ort“, stellte Bürgermeisterin Karin Jost ihr Dorf bei der Auftaktveranstaltung der diesjährigen Woche der Innenentwicklung vor. Sie wurde von der Plattform Land organisiert und fand am 1. August statt. Dieser erste Abend befasste sich mit dem Schwerpunkt „Vom Leerstand zum Wohlstand“, während es am Tag danach in Tisens um „Sanierungsberatungen konkret“ ging. Abgeschlossen wurde die diesjährige Woche der Innenentwicklung wieder mit einer Lehrfahrt am 4. August, die Interessierte nach Klausen, Welsch- und Deutschnofen sowie nach Truden führt und „Gemeindeentwicklung & Leerstandsmanagement“ zum Thema hat.

Das Streuhotel als touristisches Angebot

Der Abend in Neumarkt begann mit einem Rundgang durch das historische Zentrum. Dort betreibt Ioana Cires das Streuhotel (Albergo diffuso) und die Bar Schwarzer Adler: „Wir sind im Jahr 2019 gestartet und bespielen heute 19 Wohnungen in vier verschiedenen Strukturen. Alle Wohneinheiten sind mit einer Küche ausgestattet, die meisten Gäste aber frühstücken bei uns im Café oder in den Bars im Zentrum“, erklärte die Geschäftsführerin. Wer wolle, könne auch Halbpension buchen, mit den Restaurants im Dorf gibt es entsprechende Vereinbarungen. „Wir bieten den Standard eines 3-Sterne-Hotels“, erklärte Ioana Cires, die Hotelhalle sei der Dorfplatz.

Das Streuhotel verfolgt mehrere Ziele: Es geht einerseits darum, (historische) Leerstände wiederzubeleben, Kooperationen zwischen den verschiedenen Gewerben zu fördern und mehr Bewegung in das Dorf zu bringen. Zudem bietet die Struktur Arbeitsplätze, mittlerweile sind es fünf Vollzeitstellen. Das Projekt läuft gut, derzeit sind alle Wohnungen ausgebucht. 

Neumarkt war in Südtirol Pilotgemeinde für das Streuhotel,  der frühere Bürgermeister, Horst Pichler, hat das Projekt angestoßen. Nun wollen andere Dörfer nachziehen, der Nachbarort Salurn zum Beispiel. 

Anreize schaffen

Andreas Schatzer, Präsident der Plattform Land, unterstrich die Wichtigkeit der touristischen Entwicklungsmöglichkeit für Dörfer wie Neumarkt. Das habe er auch während der Diskussionen zum Bettenstopp im Auge behalten. Er begrüßte, dass mit dem neuen Gesetz Raum und Landschaft nun Leerstände erhoben und in der Folge wiedergewonnen werden – nicht nur für touristische Zwecke, sondern auch als Wohnmöglichkeiten für Einheimische. In diesem Zusammenhang verwies er darauf, dass die öffentliche Hand verstärkt Anreize schaffen müsse, damit Leerstände vor allem in den Ortskernen künftig wieder belebt werden. Die Gemeinde Neumarkt hat bereits einen Schritt in diese Richtung getan. Karin Jost berichtete: „Geschäfte und handwerkliche Betriebe, die es im Ortskern bisher noch nicht gibt und sich dort ansiedeln möchten, bekommen von uns einen Beitrag von 5000 Euro als Startkapital.“

Erhalt steht im Mittelpunkt

Über „Junges Wohnen im leistbaren Leerstand“ sprach Cornelia Haas von Sutter³, einem Unternehmen, das Projekte für alte und historische Bauwerke entwickelt, plant und in ihrer Abwicklung begleitet. Das Büro befindet sich am Fuße des Schwarzwalds in Freiburg, Baden-Württemberg, und befasst sich mit ähnlichen Herausforderungen, wie sie sich in Neumarkt und in vielen anderen kleinen Kommunen stellen. 

„Wir schließen den Neubau zwar nicht grundsätzlich aus, der Erhalt von Gebäuden steht aber im Mittelpunkt“, erklärte Haas. Zudem gehe es nicht nur darum, Leerstände zu sanieren und einer neuen Nutzung zuzuführen, sondern ganzheitliche Konzepte für die Innenentwicklung strukturschwacher Dörfer und Städtchen zu erarbeiten. Vor allem, um junge Leute und Familien in den dörflichen Gemeinden zu halten. Dafür reichen zwar neue Strukturen für das Wohnen nicht aus, sie können aber positive Impulse schaffen und damit die Abwärtsspirale durchbrechen, die zu Abwanderung führt. „Wir müssen dabei die Zielgruppe aktiv mit einbinden, weil wir ja nicht wissen können, welche Bedürfnisse und Wünsche die jungen leute heute haben“, meinte Haas.

Das Interreg-Projekt SHELTER

Das Interreg-Projekt SHELTER (Smart rural Heritage along the Tourism Routes) wurde von Luca Lodatti vorgestellt. Es handelt sich dabei um eine Kooperation zwischen Italien (Venetien und Südtirol) und Österreich (Tirol), das von sechs Partnern getragen wird: den vier Gemeinden Val di Zoldo, Valbrenta, Anras und Rasen-Antholz, Eurac Research und der Plattform Land. Vier Bauprojekte wurden bzw. werden über dieses Interreg-Projekt renoviert und sollen wiederbelebt werden: der Mas del Sabe in Val di Zoldo, „Col 22 ore“ in Valbrenta, das Mesnerhaus in Anras und die alte Schule Niedertal in Rasen-Antholz. 

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 14 des „Südtiroler Landwirt“ vom 5. August ab Seite 4, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.