Leben | 04.08.2022

„Etwas Eigenes, das ist mir wichtig“

Vor drei Jahren haben Maria und Lorenz Tappeiner angefangen, hofeigene Produkte direkt zu vermarkten. Auf dem Moarhof in Kastelbell stellt Maria Aufstriche, Chutneys und Sirupe her: aus allem, was der Hof hergibt. Und das ist eine ganze Menge … von Renate Anna Rubner

In der Produktecke am Moarhof präsentiert Maria Tappeiner ihre Fruchtaufstriche, Sirupe und Chutneys.

In der Produktecke am Moarhof präsentiert Maria Tappeiner ihre Fruchtaufstriche, Sirupe und Chutneys.

Es ist früh am Morgen, der Hahn kräht, die Traktoren knattern auf dem Weg in die Obstwiesen vorbei. Sonst ist es noch ruhig in Kastelbell. Und am Moarhof: Mama Brigitte werkelt im Garten, ihr Sohn Lorenz am Traktor. Seine Frau Maria macht Frühstück für die Kinder: die zwölfjährige Sophia, Greta und Johannes, acht und vier Jahre alt. Sie schlafen noch, schließlich sind Sommerferien. 

Am Moarhof aber ist Hochsaison: Da sind die Apfelwiesen und der Weinberg, die Beerensträucher und die Obstbäume, die Kräuter. Zwischen Handausdünnen, Auslauben und Spritzen ist auch Erntezeit: Waren es im Frühjahr vor allem Kräuter und der Holunder, der zu sammeln war, so sind es im Laufe der Saison Erdbeeren, Marillen und Himbeeren, später Äpfel und Birnen, die es zu ernten gilt. Denn Maria, die Bäuerin am Hof, macht aus dem Obst und den Kräutern Fruchtaufstriche und Sirupe, die sie direkt vermarktet. Wie es dazu kam? „Irgendwie hat sich das einfach so ergeben“, erzählt Maria. Denn wirklich geplant hat sie den Einstieg in die Direktvermarktung nicht.

Der Moarhof ist ein klassischer Obst- und Weinbaubetrieb mitten in Kastelbell. Lorenz hat den Hof im Jahr 2006 von seinem Großvater übernommen, nachdem sein Vater schon früh gestorben war. Da war er Anfang 20. Maria stammt von einem Obstbaubetrieb in Galsaun, die beiden kennen sich schon von Kindheit an. Sie war Hotelsekretärin, eine Arbeit, die ihr immer gut gefallen hat. Auch nach der Heirat und zwischen den Kindern ist sie arbeiten gegangen. „Ich habe mir nicht wirklich vorstellen können ,nur‘ am Hof zu arbeiten“, gesteht sie. Trotzdem hat sie den Lehrgang für Urlaub auf dem Bauernhof besucht, sich zur Apfelbotschafterin ausbilden lassen und schließlich – im Jahr 2018 – auch noch einen Lehrgang für die Herstellung von Aufstrichen und Sirupen in der Fachschule Haslach besucht. „Von Martina Gögele habe ich nicht nur das fachliche Rüstzeug für die Verarbeitung mitbekommen, sie hat mich vor allem mit ihrer Begeisterung angesteckt“, schwärmt Maria. 

Die Initialzündung

Beinahe zeitgleich trafen Lorenz und Maria am Hof eine Entscheidung, die gemeinsam mit dem Kurs die Initialzündung sein sollte. „Früher standen die Apfelbäume praktisch bis direkt zum Hof“, erzählt Lorenz. Davor stand ein mächtiger Walnussbaum. Von dort aus fielen im Frühjahr die Vögel über die Apfelbäume her und zerpflückten die Blüten. Das ärgerte Lorenz, und er entschied, die ersten Baumreihen zu roden und verschiedene Beeren- und Steinobstarten anzupflanzen: Pfirsich, Zwetschge und Marille, Brombeeren, Erd- und Himbeeren und Johannisbeeren. Maria war zwar eigentlich dagegen, aber Lorenz fand ein gutes Argument: „Wir haben vereinzelt Obstbäume in unseren Anlagen, die sind aber schwer zu händeln.“ Man müsse immer wieder kontrollieren gehen, ob die Früchte reif sind. Den idealen Erntezeitpunkt verpasse man dann doch oft. „Und mir war wichtig, dass die Kinder mitbekommen, wann die Bäume und Sträucher blühen, wie sich die Früchte entwickeln und wann sie reif sind. Und dass sie dann einfach hinausgehen und sich das Obst selber pflücken können.“ Das hat auch Maria überzeugt, also wurde angepflanzt. Von allem zu viel allerdings: „Auch wenn wir eine große Familie sind, wären wir nie imstande gewesen, alles zu essen“, sagt Maria.

Also lag es nahe, die Früchte zu verarbeiten und zum Verkauf anzubieten. Maria machte die entsprechende Meldung, suchte Gläser aus und bat ihren Cousin, der Grafiker ist, darum, für sie Etiketten zu gestalten. Sie setzte sich mit der Abteilung Marketing im Südtiroler Bauernbund in Verbindung und beantragte für ihre Produkte die Marke „Roter Hahn“. Die dafür nötige Produktverkostung durch eine Expertenkommission fand sie sehr hilfreich: „So hatte ich ein objektives Urteil über meine Produkte, das hat mich in meiner Arbeit bestätigt“, erzählt die junge Bäuerin.

Verkauf ab Hof, über Geschäfte und Restaurants

Das alles liegt nun drei Jahre zurück, von Jahr zu Jahr ist es mehr geworden – an Produkten und an Absatz. Richtig in Schwung gekommen ist das Ganze mit diesem Jahr: „Inzwischen haben wir unser Wohnhaus umgebaut und gleichzeitig einen Verarbeitungsraum und eine Produktecke eingerichtet“, berichtet Maria. Ein- bis zweimal pro Woche führt sie als Apfelbotschafterin Gäste durch die Obstwiese, erzählt von der Arbeit am Hof und erklärt ihnen den Apfelanbau. Als Abschluss der Führung gibt es für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Saft, die meisten interessieren sich auch für Marias Produkte und nehmen etwas davon mit. 

Etwas verkauft Maria auch an ein paar Restaurants in der Nähe. Und einen Teil vermarktet sie über den Einzelhandel: zum Beispiel in einem Weinfachgeschäft im Dorf, im Bauernladen in Sinich und in der Genossenschaft Juval, wo ihr Mann Mitglied ist. Gut kommt auch der Wein an, den Lorenz Tap­peiner seit zwei Jahren von einem Önologen vinifizieren und abfüllen lässt. Einen Vernatsch und einen Blauburgunder bietet er zum Verkauf an, künftig möchte er auch noch einen Weißwein mit ins Sortiment nehmen. Denn an neuen Ideen fehlt es Lorenz nie. Und er hat Freude daran, seinen Hof weiterzuentwickeln: „In den letzten Jahren haben wir viel in die Apfelwiesen investiert, haben Neuanlagen gemacht, Clubsorten angepflanzt, Hagelnetze und Tropfberegnung erneuert“, erzählt er. Neben Golden und Red Delicious und Gala setzt er auf die neuen Sorten Envy und Ambrosia.

Jeder hat seinen Schwerpunkt, viele Hände helfen mit

So haben beide ihren Schwerpunkt: Lorenz den Obst- und Weinbau, Maria hilft dort aber überall mit. Schließlich ist sie jetzt fix am Hof, auswärts arbeiten zu gehen ginge jetzt gar nicht mehr. „Ich empfinde es als großes Privileg, Grund und Boden zu besitzen und damit arbeiten zu können“, sagt sie. Früher hätte sie sich das nicht vorstellen können. Jetzt aber verdient sich damit ihr eigenes Geld, das ist ihr wichtig. „Ich habe mir etwas Eigenes und für unseren Hof ein weiteres Standbein aufgebaut.“ 

Und ihr Mann? Der ist stolz auf sie: „Ich finde es toll, dass Maria eigene Produkte herstellt und dafür so viel Anerkennung bekommt“, sagt er. Inzwischen hat er noch mehr Apfelbäume für den Obstgarten geopfert, aber irgendwie ist es schon wieder zu wenig. Dabei macht Maria aus allem, was am Hof wächst, etwas Leckeres. Die Ideen gehen auch ihr nie aus: So möchte sie zum Beispiel einen Waldfrüchteaufstrich versuchen. Oder die Pala­birnen verarbeiten und trocknen, die in diesem Jahr besonders reichlich auf dem mächtigen Baum am Hof wachsen. Dieser Baum liegt Lorenz am Herzen, denn er soll 130 Jahre alt sein. So alt wie der Moarhof selbst. Lorenz verbindet schöne Kindheitserinnerungen damit: wie er auf das Dach der nahen Hütte gestiegen ist und sich von dort die reifen Birnen geholt hat. Das sind Erlebnisse, wie er sie sich auch für seine Kinder wünscht. Und er hofft, dass sie dadurch Freude an der Landwirtschaft bekommen. Auch an den Tieren, die es rund um den Hof gibt: Schweine, Schafe und Katzen, all das macht für ihn die Vielfalt der Landwirtschaft aus. Deshalb kann er sich für die Zukunft auch noch andere Kulturen vorstellen, Spargel zum Beispiel. Die geeigneten Böden hätte er dafür. Aber das hat noch Zeit, Maria muss ihn schon mal bremsen, wenn er sich wieder mal zu viel vornimmt. „Wir ergänzen uns gut“, sagen beide. Mal zieht der eine und sie bremst, manchmal ist es umgekehrt. 

Aber allein zu zweit liefe es am Hof doch nicht: Mama Brigitte ist eine große Hilfe, sie greift den beiden unter die Arme, wo immer es geht. Auch auf Marias Mutter ist Verlass. Und auf einige andere in der Verwandtschaft, die vor allem Maria unterstützen, wenn Not an der Frau ist. Zum Beispiel, wenn sie bei Weihnachts- und Selbergmochts-Märkten oder bei Veranstaltungen mitmacht, wo sie nicht nur ihre Produkte verkauft, sondern auch den eigenen Wein, Säfte und Aperitifs aus ihren Sirupen anbietet.

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 14 des „Südtiroler Landwirt“ vom 5. August ab Seite 21, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.