Auf historisch-mystischen Spuren
Von Seelenloch-, Kalender- oder Schalensteinen: Das Buch „Mystische Orte in Südtirol“ lädt zum Erwandern und Entdecken von Kultsteinen im Land ein. Die Autorin Astrid Amico und der Fotograf Martin Ruepp erzählen darin auch die jeweiligen Hintergründe und die Deutungen, die sich um die mystischen Steine ranken.
Im neuen (dritten) Band ihrer Reihe führen die Autorin Astrid Amico und der Fotograf Martin Ruepp zu ausgewählten mystischen Orten mit rätselhaften Kultsteinen in ganz Südtirol. Der reich bebilderte Band beinhaltet auch eine Übersichtskarte und beschreibt 14 Wanderungen zu diesen Kraftplätzen. Um einen Vorgeschmack auf das Buch „Mystische Orte in Südtirol“ (erschienen im Raetia-Verlag) zu geben, gibt es das Kapitel „Der rätselhafte Spiralstein bei der Klammalm“ abgedruckt: „Es war im Dezember 2020, als uns eine spannende E-Mail des Wanderführers Andreas Brunner aus Ratschings erreichte. Er berichtete von einer aufregenden Entdeckung nahe der Klammalm im Ratschinger Talschluss auf rund 1.930 Meter Meereshöhe. Hier hatte er einen Steinblock aus Ratschinger Marmor entdeckt, der eine äußerst rätselhafte Felsgravur aufwies. Obwohl nur wenige Meter abseits des Weges und ganz in der Nähe der beliebten Klammalm gelegen, war dieser Stein aus bislang unerklärlichen Gründen unentdeckt geblieben. Brunner bot uns an, uns zu dem Fund mit der seltsamen Gravur zu führen – ein Angebot, das wir gerne annahmen.
Vom Talschluss aus machten wir uns im Herbst 2021 gemeinsam auf den Weg in die abgeschiedene Bergwelt des hinteren Ratschinger Tales. Nach dem abwechslungsreichen Aufstieg durch satte Wiesenmatten, schattigen Nadelwald und vorbei an zahlreichen Marmorfelsen erreichten wir bald die Waldgrenze. Unsere Überraschung war groß, als wir am Ende des Aufstiegs ein weites, ebenes Becken erreichten und sich die grüne, nahezu steinlose Fläche der sogenannten Böden vor uns auftat. Vom rund 40 Meter höher gelegenen und sehr lohnenden Aussichtspunkt Hochegg aus konnten wir das gesamte Gebiet einsehen und uns einen Überblick verschaffen. Die Klammalm, gelegen an der Südseite des Hocheckbaches, sowie die Felsengruppe entlang des Fahrweges – das Ziel unserer Wanderung – waren von hier aus bereits deutlich erkennbar. Westlich davon steigen die spärlich bewachsenen Hänge der Stubaier Alpen steil auf über 2.800 Meter an. Im Süden folgt der Lauf des Hocheckbaches den Flanken des Hohen Kreuzes, während im Osten die grün bewachsenen Berghänge des Gleckspitzes emporragen, an dessen Fuß der Ratschinger Bach einen kleinen Wasserfall bildet, ehe er weiter ins Tal fließt – eine idyllische Almlandschaft wie aus dem Bilderbuch, die durch ihre Unberührtheit und Natürlichkeit zum Verweilen einlädt. Bald darauf querten wir den Bach und näherten uns dem steinübersäten Gelände links des Weges, wo friedlich die Kälber, Rinder und Pferde der nahe gelegenen Almhütte weideten. Andreas führte uns schnurstracks zu einem Felsen inmitten zahlreicher weißlich-grauer Marmorblöcke. Als wir diesen nach wenigen Schritten erreichten, sahen wir auf seiner leicht geneigten, der Sonne zugewandten Ostseite zwei Spiralen, die im September-Mittagslicht deutlich hervortraten. Das regelmäßige Muster der kreisförmigen Linien verlieh der Oberfläche eine nahezu ornamentale Zeichnung. Die Schönheit dieses Steines ergriff uns zutiefst – sogleich war uns bewusst, etwas Einzigartiges vor uns zu haben.
Die beiden Spiralen mit einem Durchmesser von über 50 Zentimetern bedecken fast die gesamte Oberfläche des glatten, etwa 1,30 Meter hohen und 1,20 Meter breiten Felsens. Sie berühren sich, bilden aber keine verbundene Doppelspirale und drehen sich jeweils rechtsläufig vom Zentrum nach außen. Dabei zeigt die untere Spirale sieben Umdrehungen, während die obere, besser erhaltene acht aufweist. Am Rand des Steines scheinen einst weitere Zeichen eingraviert gewesen zu sein – sie sind jedoch dermaßen verwittert, dass sie nicht mehr identifizierbar sind. Das als Hochrelief gearbeitete Felsbild zeugt von erheblichem handwerklichen Aufwand und schließt eine spontane Entstehung aus. Vermutlich wurde die Oberflache zunächst geglättet, bevor die Zwischenräume der Windungen in präziser Picktechnik entfernt wurden, sodass nur die markanten erhabenen Außenlinien erhalten blieben. Dadurch treten die Symbole plastisch aus dem Stein hervor – es ist dieselbe Technik, die einst auch bei kupferzeitlichen Figurenmenhiren Anwendung fand. Das Ergebnis sind dreidimensional wirkende Formen, die bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen – etwa bei Sonnenschein, im silbrigen Mondlicht und besonders im flackernden Schein eines Feuers – eine eindrucksvolle Wirkung entfalten, ja beinahe zum Leben erwachen. Die präzise, kunstfertige Ausführung deutet auf eine klare Intention hin und unterstreicht die symbolische Bedeutung, was insgesamt auf ein beträchtliches Alter schließen lässt.
Auf den ersten Blick ähnelt die Doppelspirale von Ratschings anderen Zeichensteinen aus Frankreich, Schottland, Irland oder der Schweiz; deren Bildsprache basiert jedoch auf konzentrischen Kreisen oder labyrinthartigen Motiven. Richtige Spiralformen finden sich hingegen vor allem im Umkreis jungsteinzeitlicher Megalithanlagen, etwa auf Malta, Gozo, Kreta, Gavrinis in der Bretagne. Auch in bronzezeitlichen Monumenten Irlands wie Newgrange, Dowth treten sie auf – dort meist als spiegelbildlich verbundene Doppelform mit gegenläufiger Drehrichtung. In südalpinen Felsbildzentren wie im Valcamonica, am Monte Bego sind Spiralzeichen ebenfalls belegt, wenn auch zumeist als Einzelstücke. Trotz ihrer weiten Verbreitung und mannigfaltigen Erscheinungsformen in ganz Europa konnten wir aber bislang kein Felsbild finden, das jenem der Klammalm gleicht. Gerade diese Einzigartigkeit erschwert seine Einordnung und Deutung, hebt aber zugleich seine außergewöhnliche Bedeutung hervor, ja lässt diese bislang unbekannte Felszeichnung als einen in mehrfacher Hinsicht sensationellen Fund erscheinen. Dass es sich hier um zwei übereinander angeordnete Spiralen handelt, welche in dieselbe Richtung drehen, wirft Fragen auf und eröffnet weitere Deutungsebenen. Diese Besonderheit lädt umso mehr dazu ein, die tiefe Symbolik der Spirale zu betrachten. Zumeist wird die Spirale als Sonnensymbol interpretiert. Konkret spiegelt sie aber die zyklischen Bewegungen der Himmelskörper wider, deren Auf- und Untergangspunkte sich fortlaufend entlang des Horizonts verschieben. Von einem fixen Beobachtungspunkt aus betrachtet, offenbart sich ein stetes Oszillieren zwischen den Wendepunkten ihrer Bahnen – die rhythmische Abfolge von Expansion und Rückkehr der Sonnen- und Mondwenden. Dieser Interpretation nach könnten zwei übereinanderliegende Spiralen für Sonne und Mond stehen oder für den Weg dieser Himmelskörper während der beiden Tageshälften, womit sie Tag und Nacht symbolisieren würden. Doch ihre Bedeutung reicht weit über astronomische Beobachtungen hinaus. Die Spirale verweist auf die kosmischen Gesetzmäßigkeiten von Werden, Sein und Vergehen und symbolisiert den zyklischen Weg des Lebens – die Bewegung aus der Mitte in die Entfaltung und hin zur Rückkehr in den Ursprung. So spiegelt sie eine universelle Ordnung wider, welche sich im Kleinsten, etwa dem Entfalten eines jungen Farnblattes, und im Größten, der Erscheinung einer Spiralgalaxie, zeigt.
Auch spirituelle Aspekte können mit der Spirale zum Ausdruck gebracht werden. In Trancezuständen – etwa bei schamanischen Praktiken, während ritueller oder meditativer Erfahrungen – berichten Menschen weltweit von spiralförmigen Visionen. Diese wiederkehrenden Bilder deuten auf eine innere Reise hin, wobei die Spirale als Ausdruck geistiger Bewegung und Wandlung erscheint oder als eine Art Landkarte – z. B. als Modell für die verschiedenen Schichten des Seins. Sie beginnt bei der greifbaren, körperlichen Erfahrung und führt über die Ebenen der Gedanken, Gefühle und inneren Prägungen hin zu jenen Sphären, in denen Klarheit, Licht und Einheit spürbar werden. Jede Windung markiert einen Übergang, ein Loslassen, ein Weiterwachsen. Die Spirale ist damit nicht nur Ausdruck zyklischer Bewegungen der äußeren Welt und Sinnbild für Evolution, sondern auch Symbol für die innere Entwicklung des Menschen – für die Entfaltung des Bewusstseins selbst. Die genaue Datierung der Klammalm-Felszeichnung bleibt vorerst ungeklärt und wird von zukünftigen Funden und Untersuchungen abhängen. Die gewählte Form der Felszeichnung spricht jedoch für eine frühe prähistorische Herkunft und einen bislang unbekannten Kultplatz – ein Höhenheiligtum aus längst vergangenen Zeiten. Diese Ansicht teilt auch das Amt für Bodendenkmäler und interessiert sich für den Spiralenstein und seine Umgebung.
Ein weiterer Hinweis auf die mögliche kultische Bedeutung des Spiralensteines ergibt sich aus einer Beobachtung des Gadertaler Forschers Mario Clara: Etwa 40 Meter weiter nordwestlich, direkt am Wegesrand, stieß er auf eine dritte Felszeichnung – so stark verwittert, dass sie mit bloßem Auge kaum noch erkennbar war. Erst durch eine behutsame Nachzeichnung mit Kreide offenbarte sich uns ihre Form: eine Spirale mit fünf Windungen, 23 mal 25 Zentimeter groß. Dieser Fund fügt sich nahtlos in ein größeres Bild, das die Umgebung des Spiralensteines als Gebiet mit tiefer historischer Resonanz erscheinen lässt. Die Landschaft selbst scheint Spuren einer längst vergangenen Zeit zu bewahren: urzeitlich anmutende Rastplatze an mächtigen Felsen mit Mauerresten, auffällig gruppierte Steinformationen – Hinweise auf frühe Bodenbearbeitung – und einzelne Schalensteine in der weiteren Umgebung. All diese Elemente deuten darauf hin, dass dieser Ort einst eine besondere Rolle im Leben und Glauben prähistorischer Gemeinschaften gespielt haben dürfte. Man darf gespannt sein, welche Erkenntnisse die Zukunft über diesen Ort und das Ratschinger Tal noch offenbaren wird, denn frühgeschichtlich betrachtet ist es bislang ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Der Spiralenstein stellt den ersten archäologischen Fund in diesem Tal dar und eröffnet damit einen neuen Zugang zur bislang hier noch kaum erforschten Frühgeschichte. Als einzigartiges kulturgeschichtliches Zeugnis ist er nicht nur wissenschaftlich bedeutsam, sondern kann wie eine stille Brücke zwischen den Zeiten wirken – eine Brücke, die uns den inneren Bildern und Vorstellungen der frühen Menschen näherbringt.“
Der Entdecker Andreas Brunner und der Spiralenstein nahe der Klammalm in Ratschings.
Das Buch „Mystische Orte in Südtirol – Steinkult & Kultsteine“ aus dem Raetia-Verlag