„Säge schärfen nicht vergessen“
Stress, Überforderung, ständiges Funktionieren: Die Psychologin Lisa Gamper aus Ulten spricht im Interview über typische Warnsignale im bäuerlichen Alltag – und darüber, wie Perspektivwechsel, Selbstfürsorge und mehr Offenheit helfen können.
Lisa Gamper ist neben ihrer Tätigkeit als Psychologin in St. Gertraud/Ulten auch als Referentin tätig und immer wieder bei Orts- und Bezirksversammlungen bäuerlicher Organisationen zu Gast. 2022 hat sie das Buch „Die Kunst, es leichtzunehmen“ veröffentlicht. Das folgende Interview ist eine Zusammenfassung der aktuellen Folge des Podcasts „Zuaglost“.
Südtiroler Landwirt: Lisa, du bist Psychologin und kommst selbst aus der Landwirtschaft. Was bringst du aus deinem Hintergrund mit in deine Arbeit?
Lisa Gamper: Ich komme aus Ulten und bin auf einem kleinen Bergbauernhof aufgewachsen. Ich wohne heute nicht mehr am Hof, bin aber noch sehr viel daheim und sehe, wie die Abläufe sind. Dieses „Mitdenkenmüssen“ und das Gefühl, dass Arbeit nie ganz fertig ist, kennen viele. In meiner Arbeit als freiberufliche Psychologin hilft mir das, weil ich die Lebenswelt nicht nur aus Büchern kenne, sondern auch aus der Praxis.
Du hörst in Gesprächen oft ähnliche Sätze. Woran merkst du, dass jemand am Anschlag ist?
Häufig beginnt es mit Fragen oder Aussagen, die sehr grundsätzlich werden: „Zahlt sich das alles schon noch aus?“, „Für was tue ich das?“, „Niemand sieht, wie viel Arbeit das ist“. Viele beschreiben auch dieses Gefühl, wie „ein Hund an der Kette“ zu sein – gebunden an Aufgaben, an Verantwortung, an einen Rhythmus, der wenig Luft lässt. Wenn solche Sätze in einem Gespräch mit nahestehenden Menschen häufiger kommen, ist das ein Warnsignal: Da geht es nicht nur um eine stressige Woche oder eine vorübergehende Situation, sondern um eine dauerhafte Belastung.
Manche sagen: „Stress hat halt jeder.“ Warum ist dieser Satz so heikel?
Weil er wie ein Deckel wirkt. Wenn ich mir einrede, das sei eben normal und unveränderbar, dann bleibe ich im Aushalten hängen. Das wird schnell zu einem Glaubenssatz, der Hilflosigkeit erzeugt: Man versucht nur noch, irgendwie durchzukommen, statt an den eigentlichen Ursachen zu arbeiten. Natürlich gibt es Stress in jedem Beruf – aber die Frage ist, ob ich ein Leben lang nur bewältige oder ob ich auch Lebensqualität und Spielraum zurückhole.
Du sprichst auch darüber, was das mit der Hofnachfolge macht. Was beobachtest du da?
Viele junge Leute schauen sehr genau hin: Wie geht es den Eltern? Wie ist die Stimmung am Hof? Wenn sie erleben, dass die Erwachsenen dauernd am Limit sind, wenig Freude spürbar ist und alles nur Pflicht ist, dann sinkt die Motivation, den Hof eines Tages zu übernehmen. Das ist kein Vorwurf, sondern nachvollziehbar. Für die Zukunft eines Betriebes ist es aber entscheidend, dass Arbeit nicht nur Belastung ist, sondern auch Sinn und Perspektive hat.
Ein Schlüsselwort bei dir ist der Perspektivwechsel. Was meinst du damit konkret – gerade im bäuerlichen Alltag?
Unter Stress haben wir oft einen Tunnelblick. Dann wirkt alles gleichzeitig dringend, groß und schwer. Ein Perspektivwechsel heißt nicht, dass man Probleme kleinredet, sondern dass man innerlich einen Schritt zurücktritt. Plötzlich sehe ich wieder: Was liegt in meinem Einflussbereich? Wo kann ich Entscheidungen treffen? Wo ist vielleicht mehr möglich, als ich gerade glaube? Oft verändert sich die Situation nicht sofort – aber die Sicht darauf, und damit auch die Handlungsfähigkeit. Es kann hilfreich sein, eine außenstehende, neutrale Person in diesen Prozess miteinzubeziehen.
In der Landwirtschaft ist es noch immer ein Tabu, Hilfe zu holen, erst recht von einer Psychologin. Wie erlebst du das?
Es gibt stark dieses Bild vom Durchbeißen. Hilfe zu holen, wird schnell als Schwäche gelesen, und nach außen darüber zu reden, fällt vielen noch schwerer. Und auch ich als Psychologin, die ihre Praxis in einem kleinen Dorf wie St. Gertraud/Ulten hat, kenne diese Hemmschwelle aus meinem Alltag sehr gut. Im Grunde geht es nicht um „nicht belastbar sein“, sondern um Gesundheit. Wenn jemand ständig unter Druck steht, leidet nicht nur die Person, sondern auch Familie, Betrieb und Beziehungen. Offenheit ist nicht immer leicht, aber sie ist oft der erste Schritt, damit man überhaupt etwas verändern kann.
Ein häufiges Gefühl ist: „Ich kann an meiner Situation eh nichts ändern.“ Was sagst du dazu?
In der Psychologie spricht man von Selbstwirksamkeit. Wenn ich überzeugt bin, dass ich keinen Einfluss habe, gebe ich Verantwortung ab und ergebe mich. Natürlich gibt es Dinge, die man nicht ändern kann – Wetter, Märkte, politische Rahmenbedingungen zum Beispiel. Aber fast immer gibt es zumindest kleine Stellschrauben: in der Organisation, in der Kommunikation, im Umgang mit Erwartungen. Entscheidend ist, ob ich den Blick dafür wieder öffne. Dieser Schritt macht oft den Unterschied zwischen Ohnmacht und Handlungsfähigkeit aus.
Am Hof gibt es Spitzenzeiten und ruhigere Phasen. Wo liegen aus deiner Sicht Chancen – und Fallen?
Die Spitzen kann man nicht wegreden, die gehören dazu. Gleichzeitig gibt es in vielen Betrieben Phasen, wo weniger Druck ist. Dann zeigt sich: Gelingt es mir wirklich, runterzufahren – oder fülle ich jede Lücke sofort wieder mit Aufgaben? Viele sind so im Funktionsmodus, dass Entlastung gar nicht mehr „erlaubt“ wirkt. Aber genau dort liegt Potenzial: Wenn ich bewusst Pausen setze und Erholung einplane, komme ich stabiler durch die intensiven Zeiten.
Ein Satz, den man oft hört – und vielleicht auch selber sagt, ist: „Ich habe keine Zeit.“ Wie gehst du damit um?
Häufig fehlt eine klare Übersicht, was am Tag tatsächlich alles passiert. Dann hilft eine Bestandsaufnahme: einen Tag oder eine Woche ehrlich durchgehen – Schritt für Schritt. Dadurch wird sichtbar, wo Zeit hingeht, welche Dinge fix sind und wo vielleicht doch Spielraum ist. Wichtig ist: Hilfe darf nicht zum nächsten Druckpunkt werden. Es braucht Struktur und kleine, spürbare Erfolge, sonst fühlt es sich an, als hätte man sich noch eine Aufgabe aufgeladen.
Selbstfürsorge ist am Hof oft schwierig, weil sofort ein schlechtes Gewissen kommt. Niemand will als Egoist gelten, der nur an sich selbst denkt. Wie löst man das?
Das höre ich oft: „Das ist egoistisch.“ Dabei ist es genau umgekehrt. Niemand kann dauerhaft Energie geben, wenn die Batterie leer ist. Es ist wie bei den Sicherheitsvorkehrungen im Flugzeug: Zuerst muss ich die eigene Maske aufsetzen, dann kann ich den anderen helfen. Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern Voraussetzung, dass ich meine Verantwortung überhaupt gesund tragen kann – am Hof, in der Familie, im Alltag.
Du erzählst gern die Geschichte vom Holzfäller (siehe unten). Warum passt sie aus deiner Sicht so gut in die bäuerliche Welt?
Weil viele im Arbeitsmodus vergessen, dass es leichter gehen darf. Wer nur sägt und nie die Säge schärft, strengt sich immer mehr an und kommt trotzdem schlechter voran. Genau so ist es mit Erholung, innerer Ordnung und mentaler Stabilität: Wenn ich mir dafür Raum nehme, wird die Arbeit nicht weniger – aber sie wird wieder machbarer. Darum sage ich so gern: „Säge schärfen nicht vergessen. Danach geht es wieder leichter.“
Und wenn jemand „Milchpreis, Politik, Wetter – das macht alles kaputt, da helfen keine Tipps von der Psychologin Lisa Gamper“ sagt?
Ich verstehe das. Vieles kann man nicht direkt verändern. Aber man kann beeinflussen, wie man reagiert. In der Reaktion steckt mehr Macht, als man glaubt: Wenn ich nur Probleme wälze, verliere ich oft den Blick auf Lösungen und auf das, was trotzdem gut läuft. Dieses „Sowohl-als-auch“ ist wichtig: Es darf schwierig sein – und gleichzeitig darf ich anerkennen, was gelingt. Das ist kein Schönreden, sondern ein realistischeres Gesamtbild.
Wenn du zum Schluss einen Satz an die Stalltür hängen dürftest – welcher wäre das?
Ich bleibe beim Holzfäller: „Säge schärfen nicht vergessen.“ Das ist für mich die Erinnerung, dass Durchhalten allein nicht reicht. Wer sich gut um sich kümmert, bleibt handlungsfähig – und kann den Hof und das Leben langfristig tragen.
Ein Mann geht im Wald spazieren. Nach einer Weile sieht er einen Holzfäller, der hastig und sehr angestrengt dabei ist, einen auf dem Boden liegenden Baumstamm zu zerteilen. Er stöhnt und schwitzt und scheint, viel Mühe mit seiner Arbeit zu haben. Der Spaziergänger geht etwas näher heran, um zu sehen, warum die Arbeit so schwer ist. Schnell erkennt er den Grund und sagt zum Holzfäller: „Guten Tag! Ich sehe, dass Sie sich Ihre Arbeit unnötig schwer machen. Ihre Säge ist ja ganz stumpf. Warum schärfen Sie sie denn nicht?“ Der Holzfäller schaut nicht einmal hoch, sondern zischt durch die Zähne: „Dazu habe ich keine Zeit. Ich muss doch sägen.“