Aus einer Vision wurde Wirklichkeit
Vor 20 Jahren entstand mit der Sozialgenossenschaft „Mit Bäuerinnen lernen wachsen leben“ eine zukunftsweisende Idee. Was mit dem Wunsch begann, Frauen am Hof neue Perspektiven zu eröffnen und Kindern naturnahe Bildung zu ermöglichen, hat sich zu einem erfolgreichen Angebot entwickelt.
Vor zwanzig Jahren ist der Grundstein für die Sozialgenossenschaft „Mit Bäuerinnen lernen wachsen leben“ gelegt worden. Was damals als visionäres Projekt der Südtiroler Bäuerinnenorganisation begann, hat sich zu einem festen Bestandteil der familiennahen Betreuung entwickelt und eröffnet Perspektiven für Frauen im ländlichen Raum. Heute begleiten 150 Tagesmütter Kinder in 96 Südtiroler Gemeinden. Die Verbindung von Naturpädagogik und weiblichem Unternehmertum erwies sich als tragfähiges Konzept. An der Spitze der Genossenschaft steht seit der Gründung Maria Hochgruber Kuenzer. Als damalige Landesbäuerin und Präsidentin hat sie die Entwicklung von Beginn an geprägt. Blickt sie heute auf die zwei Jahrzehnte zurück, spricht sie vor allem von Dankbarkeit und der Gewissheit, dass eine Idee Wirklichkeit geworden ist. Der ursprüngliche Gedanke war mutig und wegweisend: Frauen auf den Höfen sollten die Möglichkeit erhalten, durch die Betreuung von Kleinkindern ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften. Gleichzeitig sollte Kindern ein Umfeld geboten werden, das ihnen die Natur als Lebens- und Lernraum erschließt. Aus diesen beiden Zielsetzungen entstand ein Modell, das soziale, pädagogische und wirtschaftliche Aspekte miteinander verbindet. Dass das Vorhaben trotz anfänglicher Hürden gelungen ist, erfüllt Hochgruber Kuenzer mit Freude. Gleichzeitig betont sie, dass Entwicklung kein Endpunkt ist: „Mit jedem erreichten Meilenstein entstehen neue Chancen, neue Ideen und neue Aufgaben.“
Von Anfang an war klar, dass die Naturpädagogik das Fundament der Arbeit bilden sollte. Sie prägt bis heute das Profil der Sozialgenossenschaft und ist ihr Alleinstellungsmerkmal. Dabei steht ein bewusstes Wahrnehmen der natürlichen Umgebung im Mittelpunkt. Die Natur wird für die Kinder zum Erfahrungsraum, in dem sie lernen, Zusammenhänge zu erkennen, aufmerksam zu beobachten und mit allen Sinnen zu entdecken. So werden die Jahreszeiten ebenso erlebbar wie die kleinen Wunder des Alltags, betont Hochgruber Kuenzer: „Eine Blume, die zu blühen beginnt, ein Schmetterling am Wegesrand oder die Veränderungen, die Wind und Wetter mit sich bringen, bieten Gelegenheiten zum Entdecken und Staunen.“
Naturpädagogik als Basis
Für Maria Hochgruber Kuenzer sind es genau diese einfachen Erlebnisse, die nachhaltige Wirkung entfalten. Während viele Bildungsinhalte im Laufe des Lebens erweitert und vertieft werden, werde der Grundstein bereits in den ersten Lebensjahren gelegt. Die Fähigkeit zu staunen und sich als Teil eines größeren Ganzen zu erleben, begleite Kinder ein Leben lang. Die Entwicklung der Sozialgenossenschaft zeigt, wie attraktiv dieser Ansatz geworden ist. Während in den Anfangsjahren wenige Bäuerinnen als Tagesmutter tätig waren, ist die Zahl der Betreuerinnen kontinuierlich gewachsen. Als Sozialgenossenschaft hat man sich dann dafür entschieden, nicht ausschließlich Bäuerinnen aufzunehmen. Diese Öffnung erwies sich als wichtiger Schritt. Heute stammen die Tagesmütter etwa zur Hälfte aus der Landwirtschaft und zur Hälfte aus anderen beruflichen und familiären Hintergründen. Für Hochgruber Kuenzer liegt darin ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Nicht die Herkunft entscheidet über die Zugehörigkeit zur Genossenschaft, sondern die Identifikation mit ihren Werten. Frauen, die Freude an der Arbeit mit Kindern haben und den naturpädagogischen Ansatz mittragen, finden hier einen Rahmen, in dem sie sich entfalten können.
Lernen wachsen leben
Der Name der Sozialgenossenschaft ist unverändert geblieben. „Mit Bäuerinnen lernen wachsen leben“ beschreibt noch immer den Kern ihrer Tätigkeit. Für Maria Hochgruber Kuenzer haben diese drei Begriffe nichts von ihrer Aussagekraft verloren. Lernen, so betont sie, habe nichts mit Leistungsdruck zu tun, sondern damit, Neues kennenzulernen, Erfahrungen zu sammeln und Zusammenhänge zu verstehen. Ebenso zentral ist das Wachsen. Dabei geht es nicht nur um körperliche Entwicklung, sondern auch um persönliches Reifen und Bewusstseinsbildung. Gerade Kleinkinder vollziehen in den ersten Lebensjahren enorme Entwicklungsschritte. Die Natur bietet einen idealen Erfahrungsraum, in dem sie ihre Fähigkeiten Schritt für Schritt entfalten können. Der dritte Begriff, das Leben, verweist schließlich auf die grundlegende Bedeutung von Lebensqualität und Wohlbefinden. Kuenzer ist überzeugt, dass die Natur eine besondere Kraft besitzt. Sie schenkt Ruhe, Orientierung und Ausgleich. Diese Wirkung sei unabhängig vom Alter spürbar und gewinne in einer zunehmend beschleunigten Gesellschaft an Bedeutung. Die Sozialgenossenschaft versteht sich jedoch nicht nur als Anbieterin von Betreuungsleistungen. Ihre Organisationsform als Sozialgenossenschaft spiegelt auch ein gesellschaftliches Verständnis wider, das auf Mitgestaltung und Verantwortung fußt. Jedes Mitglied bringt sich ein, jede Stimme zählt und jede Frau übernimmt eine Rolle innerhalb der Gemeinschaft.
Gerade für Bäuerinnen bietet die Sozialgenossenschaft verlässliche Rahmenbedingungen. Verwaltung, Versicherung, Abrechnungen oder organisatorische Fragen werden zentral koordiniert. Dadurch können sich die Betreuerinnen auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren: die Arbeit mit Menschen. Diese Unterstützung war von Beginn an wesentlich. Sie erleichtert Frauen den Einstieg in eine sinnstiftende Arbeit, die wirtschaftlich unabhängig macht. Damit leistet man einen Beitrag zur Stärkung des weiblichen Unternehmertums und zur wirtschaftlichen Absicherung der Frauen auf den Höfen. Dass dieser Ansatz bis heute erfolgreich ist, hängt nicht zuletzt mit den gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre zusammen. Die Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung ist gestiegen, gleichzeitig wächst das Bewusstsein für die Bedeutung früher Bildung und naturnaher Erfahrungen. Die Sozialgenossenschaft verbindet beide Aspekte auf eine Weise, die den Bedürfnissen von Familien ebenso gerecht wird wie jenen der Betreuerinnen. Für die Präsidentin bleibt die Arbeit mit Menschen auch in Zukunft unverzichtbar. Technologische Entwicklungen mögen viele Bereiche des Alltags verändern, doch die persönliche Begleitung von Kindern, Seniorinnen, Senioren und Menschen mit Unterstützungsbedarf werde weiterhin menschliche Nähe, Empathie und Verantwortung erfordern. Genau darin sieht sie eine der großen Stärken der Sozialgenossenschaft.
Blick in die Zukunft
Wenn Maria Hochgruber Kuenzer anlässlich des Jubiläums auf die letzten Jahre zurückblickt, denkt sie nicht zuerst an Zahlen oder Meilensteine. Im Mittelpunkt stehen für sie die Menschen, die sie begleitet haben: die Unterstützung des damaligen Landesbäuerinnenrates, die Loyalität vieler Wegbegleiterinnen und das Vertrauen der Frauen, die sich auf das neue Betreuungsmodell eingelassen haben. Die Wertschätzung für dieses gemeinsame Engagement stand auch bei der Jubiläumsfeier auf der Villanderer Alm im Mittelpunkt. Mehr als 60 Tagesmütter und viele Ehrengäste kamen zusammen, um zu feiern. Zu den Gratulantinnen zählte auch Landesbäuerin Antonia Egger, die den Tagesmüttern und Verantwortlichen für ihren Einsatz dankte und ihre Anerkennung aussprach. Unter den Ehrengästen war auch Landesrätin Rosmarie Pamer. Sie würdigte den Mut der Initiatorinnen, ihre Weitsicht und die große Vision, die von Beginn an hinter dem Projekt stand. Besonders hob sie hervor, dass die Naturpädagogik schon damals als tragende Grundlage gewählt wurde. „Die Kleinkinderbetreuung ist von enormer Bedeutung. Entscheidend sind die hohe Qualität und das Miteinander auf Augenhöhe. Dafür möchte ich herzlich danken“, betonte Landesrätin Pamer. Großes Potential sieht sie auch in der Seniorenbetreuung. Sie zeigte sich offen für neue Ideen und Entwicklungen und unterstrich die Bedeutung einer offenen Diskussionskultur, die sie in der Sozialgenossenschaft stets erlebt habe. Das Jubiläum auf der Villanderer Alm war damit weit mehr als ein Rückblick auf zwanzig Jahre. Denn man richtete den Blick auch nach vorne: Die Geschichte von „Mit Bäuerinnen lernen wachsen leben“ ist nämlich noch lange nicht zu Ende erzählt. Die Werte, auf die die Sozialgenossenschaft aufgebaut ist, sind heute aktueller denn je: die Verbundenheit mit der Natur, die Förderung von Frauen im ländlichen Raum, die Qualität in der Betreuung und die Wertschätzung menschlicher Beziehungen. So steht das Jubiläum nicht nur für zwei erfolgreiche Jahrzehnte, sondern auch für die Überzeugung, dass Entwicklung ein fortlaufender Prozess ist. Oder wie Maria Hochgruber Kuenzer es ausdrückt: „Mit jedem erreichten Meilenstein entstehen neue Wege und Aufgaben.“ Genau darin liegt die Stärke der Idee hinter der Sozialgenossenschaft „Mit Bäuerinnen lernen wachsen leben“, die vor zwanzig Jahren auf den Höfen Südtirols ihren Anfang nahm und heute weit darüber hinaus wirkt.
Maria Hochgruber Kuenzer, Präsidentin der Sozialgenossenschaft „Mir Bäuerinnen lernen wachsen leben“, (r.) mit Landesrätin Rosmarie Pamer bei der Jubiläumsfeier.