Gerti Heiss: „Wir haben unser eigenes Fleisch, einen Garten und können viele Lebensmittel selbst erzeugen. Für mich ist das Lebensqualität.“

Leben, was einem Freude macht

Naturverbunden, engagiert und voller Leidenschaft für ihren Beruf: Gerti Heiss vom Gstraffhof in St. Valentin/Kastelruth lebt Landwirtschaft als Ganzes. Darum wurde die junge Frau beim diesjährigen Landesbäuerinnentag zur „Bäuerin des Jahres“ gekürt.

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Leben Bäuerinnenorganisation

Im Sommergespräch mit dem „Südtiroler Landwirt“ erzählt Gertraud „Gerti“ Heiss, Bäuerin des Jahres 2026, warum Vielfalt, Selbstversorgung und Freude an der Arbeit am Hof für sie zentrale Werte sind. Die Bäuerin vom Gstraffhof in St. Valentin/Kastelruth erklärt im Interview auch, welche Rolle Frauen heute auf den Höfen spielen und weshalb sie selbst mit Zuversicht in die Zukunft blickt.

Südtiroler Landwirt: Frau Heiss, Naturverbundenheit und Werte prägen Ihr Leben. Woher kommt das?
Gerti Heiss:
Das habe ich von meinen Eltern und Großeltern mitbekommen. Beide waren bäuerlich geprägt und sehr naturverbunden. Wir Kinder waren von klein auf im Stall, im Garten und auf den Feldern dabei. Wenn man so aufwächst, lernt man die Natur bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen. Heute empfinde ich es als großen Luxus, hier am Hof leben und arbeiten zu können. Mein Zuhause, meine Familie und meine Arbeit sind an einem Ort. Wir haben unser eigenes Fleisch, einen Garten und können viele Lebensmittel selbst erzeugen. Für mich ist das Lebensqualität.

Welche Werte haben Sie geprägt? Welche sind Ihnen wichtig?
Wichtige Werte sind für mich Ehrlichkeit, Dankbarkeit, Zufriedenheit und Naturverbundenheit. Besonders geprägt hat mich mein Großvater. Er ist mit wenig aufgewachsen und war ein zufriedener Mensch. Mit dieser Haltung ist er für mich ein Vorbild. Auch meinen Kindern möchte ich diese Werte weitergeben. Mir ist wichtig, dass sie lernen, dankbar zu sein, und einen Bezug zur Natur entwickeln. Kinder entdecken von selbst Würmer, Käfer oder Schmetterlinge. Man muss sie nur mitnehmen und ihnen die Möglichkeit geben, viel draußen in der Natur zu sein.

Was bedeutet Landwirtschaft für Sie?
Landwirtschaft bedeutet für mich weit mehr als Lebensmittelproduktion. Sie bedeutet Verantwortung für den Betrieb, für die Flächen und für die Landschaft. Gerade in Südtirol prägen viele kleine Betriebe das Landschaftsbild. Ich sehe, wie viel Idealismus dahintersteckt. Viele bewirtschaften ihre Höfe neben einem anderen Beruf, investieren Zeit und Geld und machen oft Urlaub am eigenen Hof, weil die Arbeit weitergeht. Solange man die Freiheit dazu hat und die Arbeit gerne macht, funktioniert das gut. Schwierig wird es dort, wo die Anerkennung fehlt. Oft habe ich das Gefühl, dass kleine Betriebe gesellschaftlich unterschätzt werden. Dabei leisten sie einen wichtigen Beitrag für die Kulturlandschaft und den Erhalt der ländlichen Räume. Deshalb wünsche ich mir mehr Wertschätzung für die Menschen, die diese Höfe bewirtschaften. Wenn Kritik an der Landwirtschaft kommt, frage ich oft zurück: Was wäre, wenn es keine Bauern mehr gäbe? Unsere Lebensmittel kommen schließlich von den Höfen. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie Lebensmittel entstehen oder was dahintersteckt.

Das ist mit viel Arbeit verbunden ...
Natürlich gibt es Tage, an denen ich sehe, dass andere um fünf Uhr Feierabend haben, während bei uns erst das Melken beginnt. Aber trotz aller Arbeit würde ich nicht tauschen. Ich bin gerne Bäuerin.

Seit März sind Sie Bäuerin des Jahres und Menschen kommen zu Ihnen auf den Hof. Was möchten sie wissen?
Die häufigste Frage lautet: „Wie schaffst du das alles?“ Mit Hof, Ferienwohnungen, Garten, Bienen und zwei Kindern fragen sich viele, wie das zeitlich möglich ist. Vieles ergibt sich durch Erfahrung. Man lernt, was man laufen lassen kann und wo man eingreifen muss. Außerdem ist nicht alles Arbeit. Die Bienen zum Beispiel sind für mich auch ein Hobby und eine Leidenschaft. Oft merke ich, wie wenig Bezug viele Menschen heute zur Landwirtschaft haben. Wenn man ihnen erklärt, wie ein Hof funktioniert und warum bestimmte Arbeiten notwendig sind, entsteht meist schnell Verständnis.

Was lehrt die Arbeit mit Pflanzen?
Vor allem Geduld. Manche Kulturen brauchen einfach Zeit. Da sieht man oft wochenlang kaum Veränderung, bis plötzlich etwas wächst. Mich freut es, wenn im Garten unerwartet etwas aufgeht. Wenn ich nicht weiß, was da wächst, lasse ich es oft stehen und schaue, was daraus wird. Diese Entwicklung zu beobachten, macht mir Freude. Der Garten ist für mich aber noch mehr. Dort finde ich Ruhe, Ausgleich und Energie. Es ist schön zu sehen, wie sich Pflanzen entwickeln und wie vielfältig das Leben auf kleinem Raum sein kann. Der Wald spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Dort finde ich Ruhe und Kraft. Wenn ich mit dem Hund oder mit meinem Pferd unterwegs bin oder einfach im Wald sitze, komme ich mit neuer Energie zurück. Hier kann ich auftanken.

Biodiversität und Saatgut sind Themen, die Ihnen besonders wichtig sind. Warum?
Biodiversität bedeutet für mich Vielfalt. Im Garten versuche ich, viele verschiedene Kulturen anzubauen. Mich fasziniert, wie Pflanzen, Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten zusammenspielen. Biodiversität beschränkt sich aber nicht nur auf Pflanzen. Sie bedeutet auch Vielfalt am Hof, unterschiedliche Lebensräume und mehrere Standbeine, die sich gegenseitig ergänzen. Gerade dieses Zusammenspiel macht ein lebendiges System aus. Jede/-r kann dazu beitragen. Jeder Balkon, jede Terrasse und jeder Garten kann Lebensraum sein, auch öffentliche Flächen.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für Saatgutvermehrung?
Schon meine Mutter und Großmutter haben Saatgut vermehrt. Meine Mutter nahm mich als Jugendliche auf ein Saatgutfest mit, die Bohnenvielfalt hat mich begeistert. Von da an habe ich verschiedenste Sorten ausprobiert. Dabei habe ich festgestellt, wie groß die Unterschiede sind. Besonders alte Sorten überzeugen oft durch Geschmack, Robustheit und Vielfalt. Ich merke auch, dass das Interesse daran wächst. Vor allem jüngere Menschen suchen samenfeste Sorten und möchten Saatgut selbst vermehren. Viele kommen inzwischen zu mir, um Pflanzen oder Saatgut zu holen und mehr darüber zu erfahren. Das zeigt, dass das Bewusstsein für Vielfalt zunimmt.

Wie gelingt der Spagat zwischen Tradition und Zukunft?
Ich empfinde das nicht als schwierig. Wenn man von etwas überzeugt ist, lebt man es auch. Tradition entsteht aus Überzeugung. Gleichzeitig muss man offen für Neues bleiben. Entscheidend ist die Freude an dem, was man tut. Wenn ich sehe, dass aus meiner Arbeit etwas entsteht und Sinn macht, dann motiviert mich das. Ohne Freude wird jede Arbeit schwer. Deshalb ist es wichtig, dass jede Bäuerin herausfindet, was ihr besonders liegt. Nicht jeder Hof muss gleich geführt werden. Die eine arbeitet gerne im Garten, die andere mit Gästen oder Tieren. Man sollte den Bereich stärken, der einem Freude macht und Kraft gibt.

Was bedeutet Frausein auf dem Hof?
Es bedeutet, viele Aufgaben zu bewältigen. Kinder, Haushalt, Betrieb und oft auch Gäste laufen parallel. Da sehe ich schon noch traditionelle Rollenbilder verankert. Das kann herausfordernd sein. Gleichzeitig sehe ich einen großen Vorteil darin, dass ich meine Kinder bei mir haben kann. Sie erleben den Hofalltag mit und wachsen in dieser Umgebung auf. Für mich überwiegt das Positive, auch wenn es manchmal anstrengend ist.

Was möchten Sie jungen Frauen auf den Höfen mitgeben?
Sie sollen sich fragen, was ihnen Freude macht, und dort ihre Stärken einbringen. Wichtig ist, den eigenen Weg zu finden. Ich glaube, Frauen dürfen sich trauen, Veränderungen anzustoßen und eigene Ideen umzusetzen. Man heiratet nicht nur auf einen Hof, sondern wird Teil davon und kann ihn mitgestalten. Deshalb sollte jede Frau ihre Interessen ernst nehmen und dafür einstehen. Denn wenn man etwas mit Freude macht, bekommt man auch die Energie für die vielen anderen Aufgaben, die das Leben am Hof mit sich bringt. Das ist für mich eine der wichtigsten Voraussetzungen, um langfristig zufrieden zu sein.

Manche Frauen tun sich schwer damit, sich als Bäuerin zu bezeichnen. Wie sehen Sie das?
Ich bin gerne Bäuerin. Für mich ist das kein Makel, sondern etwas, worauf ich stolz bin. Viele Menschen sehen nur einen kleinen Teil dessen, was hinter diesem Beruf steckt. Wer einmal sieht, was auf einem Hof alles organisiert, gepflegt und entschieden werden muss, versteht schnell, wie vielfältig diese Aufgabe ist. Deshalb sage ich ganz bewusst: Ich bin Bäuerin und ich bin es gerne!

Was gibt Ihnen Hoffnung für die Zukunft?
Mir gibt Hoffnung, dass immer mehr Menschen Interesse daran zeigen, wie Landwirtschaft funktioniert. Viele Vorurteile entstehen aus Unwissenheit. Wenn wir erklären, was wir tun und warum wir es tun, entsteht Verständnis. Wichtig ist, dass Bäue­rinnen und Bauern selbstbewusst zu ihrem Beruf stehen. Wir müssen zeigen, was hinter unserer Arbeit steckt, und Menschen Einblicke geben. Ich erlebe oft, dass Gäste Zusammenhänge verstehen, sobald man sie erklärt. Meine Zeit als Bäuerin des Jahres hat mir viele neue Kontakte und wertvolle Gespräche ermöglicht. Das zeigt mir, wie wichtig der Austausch zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft ist. Genau darin sehe ich auch eine Chance für die Zukunft. 

Interview: Ulrike Tonner

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