Das Wichtigste: im Gespräch bleiben
Für alle, die als Eltern nicht vergessen wollen, auch ein Liebespaar zu sein, hat Toni Fiung das Buch „Und wir mittendrin“ geschrieben. Der Paar- und Familienberater erklärt darin, wie man Herausforderungen gemeinsam meistert, sich weiterentwickeln und trotzdem eins bleiben kann.
Ein Kind verändert alles – nicht nur den Alltag eines Paares, sondern auch die Beziehung. Was passiert mit der Partnerschaft, wenn Nähe fehlt und beide nur noch funktionieren? Das Buch „Und wir mittendrin“ (Athesia-Tappeiner Verlag) von Toni Fiung soll Eltern durch die Übergänge, die das Leben mit Kindern mit sich bringt, begleiten. Wie die Idee dazu entstanden ist und welche Tipps Fiung an Eltern hat, erzählt er im Interview mit dem „Südtiroler Landwirt“.
Südtiroler Landwirt: Herr Fiung, Sie haben das Buch „Und wir mittendrin“ geschrieben. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Toni Fiung: In der Begegnung mit Paaren und Familien, die ich seit Jahren begleite. Immer wieder habe ich Sätze gehört wie „Als Eltern funktionieren wir gut, aber als Paar haben wir uns irgendwie verloren“. Das hat mich nachdenklich gestimmt. Denn es zeigt, wie herausfordernd es ist, im Alltag mit Kindern das „Wir“ lebendig zu halten. Mit diesem Buch will ich Eltern sensibilisieren, ihre Paarbeziehung aktiv zu pflegen, denn geht es den Eltern als Paar gut, geht es auch den Kindern gut.
Eltern zu werden, ist ein großes Glück. Aber es hat auch seine Tücken. Denn plötzlich steht das Kind im Mittelpunkt. Das ist natürlich und auch gut. Aber was ist (noch) normal und wo beginnt das Problem?
Ja, Eltern zu werden, verändert alles – und es ist gut und wichtig, dass ein Neugeborenes im Mittelpunkt steht und viel Aufmerksamkeit bekommt. Problematisch wird es, wenn daraus ein dauerhafter Zustand wird und sich langfristig alles nur noch um das Kind/die Kinder dreht. Dann kann die Paarbeziehung aus dem Blick geraten. Aus Partnern wird ein gut funktionierendes Elternteam, aber die emotionale Verbindung tritt in den Hintergrund. Heikel wird es auch, wenn sich emotionale Allianzen verschieben und ein Kind einem Elternteil nähersteht als der Partner. Kinder brauchen nicht perfekte Eltern, sondern solche, die auch als Paar spürbar bleiben.
Auch die Rollenverteilung in der Familie ändert sich: Oft bleibt die Frau vermehrt beim Kind/bei den Kindern und der Mann bringt sich im Haushalt nicht mehr so ein wie früher. Wie kann man diese Diskrepanz ansprechen und auflösen, ohne zu verletzen?
Rollen verschieben sich oft unbemerkt und viele Paare finden sich in einer unausgewogenen Aufgabenteilung wieder. Dabei sind es weniger die konkreten Aufgaben, die belasten, sondern der sogenannte „Mental Load“ – also all das Planen, Mitdenken und Organisieren im Hintergrund. Bleibt diese Verantwortung bei einer Person, wächst die Unzufriedenheit. Entscheidend ist, diese „Last“ sichtbar zu machen und Verantwortung zu teilen, statt nur „zu helfen“. Ebenso wichtig ist es, Erwartungen frühzeitig und offen anzusprechen. So kann ein neues Gleichgewicht entstehen, in dem sich beide gesehen und wertgeschätzt fühlen.
Wie wichtig ist das Gespräch insgesamt in einer funktionierenden Beziehung?
Gespräche sind das Herz jeder funktionierenden Paarbeziehung. Entscheidend ist nicht, ob gesprochen wird, sondern worüber. Im Alltag dreht sich vieles um Organisation – dabei gehen Gefühle und Bedürfnisse aber oft verloren. Nähe entsteht, wenn Paare zeigen, was sie innerlich bewegt. Ein gutes Gespräch beginnt mit dem Zuhören: aufmerksam, ohne sofort zu reagieren oder Lösungen anzubieten. So fühlen sich beide gesehen und verstanden. Daraus wächst Vertrauen und eine emotionale Verbundenheit, die auch durch schwierige Zeiten trägt und die Beziehung nachhaltig stärkt.
Wie wichtig sind gemeinsame Rituale für Paare (ohne die Kinder)?
Rituale sind für Paare eine wichtige Form von Verlässlichkeit im oft dichten Alltag. Sie schaffen Inseln, in denen Beziehung bewusst gelebt wird, sie geben Struktur und Halt. Dabei zählt nicht nur, was man gemeinsam tut, sondern mit welcher Haltung: Ein Spaziergang, ein gemeinsames Essen oder ein wiederkehrender Moment am Abend wird dann zu echter Begegnung. In herausfordernden Zeiten entfalten Rituale ihre Kraft – sie können versöhnen, in der Trauer Halt geben oder einen Moment der Besinnung eröffnen. Oft sind es die kleinen Gesten, ein Blick, eine Berührung oder ein paar bewusste Minuten, die heilsam wirken. Diese ungeteilte Aufmerksamkeit und herzliche Zuwendung stärken das Wir-Gefühl.
Wenn Kinder heranwachsen, wird das Konfliktpotenzial meist größer: Wie kann man die Pubertät der Kinder als Paar gut meistern?
Die Pubertät bringt Bewegung in die Familie – und fordert damit auch die Paarbeziehung heraus. Konflikte entstehen oft, weil Jugendliche ihren eigenen Weg suchen und sich abgrenzen müssen. Für Eltern bedeutet das, Halt zu geben, ohne sich dabei gegenseitig zu verlieren. Es ist nicht entscheidend, derselben Meinung zu sein, sondern als Paar abgestimmt aufzutreten. Kinder spüren, ob Eltern ein Team sind. Deshalb ist es wichtig, Spannungen im direkten Miteinander zu klären. Gleichzeitig tut es gut, bewusst Zeit als Paar zu pflegen. Das schafft Stabilität – für alle.
Und wie kann man den Verlust eines Kindes bewältigen?
Der Verlust eines Kindes ist kaum in Worte zu fassen und trifft Eltern und ihre Beziehung bis ins Innerste. Jeder Mensch trauert anders, genau darin liegt für Paare oft eine besondere Herausforderung. Während der eine Nähe sucht, braucht die andere vielleicht Rückzug. Wichtig ist, diese Unterschiede nicht als Distanz oder Ablehnung zu verstehen, sondern als individuellen Umgang mit unermesslichem Schmerz. Es braucht viel Geduld und die Bereitschaft, einander in dieser Verschiedenheit zu respektieren. Gemeinsame Rituale und Erinnerungen zu teilen, kann helfen, verbunden zu bleiben und den Schmerz miteinander zu tragen.
Wie geht man in Patchwork-Familien mit dem komplexen Beziehungsgeflecht um?
Patchwork-Familien bringen unterschiedliche Geschichten, Bindungen und Erwartungen zusammen – genau das macht sie so anspruchsvoll. Viele Spannungen entstehen, weil Rollen und Zuständigkeiten unklar bleiben: Wer übernimmt was, wer darf wie viel Einfluss haben? Hier hilft, als Paar eine gemeinsame Grundlage zu schaffen und sich über Erwartungen auszutauschen. Gleichzeitig braucht es Zeit und Geduld, denn Vertrauen und Nähe wachsen nicht auf Knopfdruck. Wichtig ist auch, bestehende Beziehungen zu achten. Offene Gespräche, Respekt und realistische Erwartungen helfen, dieses Gefüge stabil wachsen zu lassen.
Wenn die Kinder das Haus verlassen, bleibt man zwar Eltern, aber es ändert sich wieder viel. Kann man sich auf diesen Übergang vorbereiten? Und wenn ja, wie?
Wenn Kinder das Haus verlassen, fällt plötzlich oder langsam ein zentraler Teil des gemeinsamen Alltags weg, und manche Paare merken erst dann, wie sehr sie über Jahre in der Elternrolle gelebt haben. Vorbereitung beginnt deshalb viel früher: Indem man sich als Paar immer wieder Zeit füreinander nimmt und im Gespräch bleibt. Hilfreich ist es, sich rechtzeitig zu fragen: Was verbindet uns als Paar, wenn die Kinder ihren eigenen Weg gehen? Was möchten wir gemeinsam neu entdecken? Gleichzeitig darf auch Wehmut ihren Platz haben. Wer diesen Übergang bewusst gestaltet, kann darin eine neue Form von Nähe entdecken.
Wenn Sie Paaren drei Schlagwörter mit auf ihren Weg geben könnten, welche wären das?
Ich würde drei Begriffe wählen, die auch den Kern meines Buches tragen: Nähe, Liebe und Verbundenheit. Nähe, weil sie unser tiefes Bedürfnis nach Kontakt und Vertrautheit anspricht und achtsam gestaltet werden will, damit sie Raum lässt und nicht einengt. Liebe, weil sie mehr ist als ein Gefühl: Sie zeigt sich im Alltag, in kleinen Gesten, in der Entscheidung, immer wieder füreinander da zu sein. Und Verbundenheit, weil sie das Fundament bildet, das Paare durch Belastungen, Krisen und den Alltag trägt. Eine so gelebte Partnerschaft wird zu einem Ort, an dem sich auch Kinder sicher und geborgen fühlen können.
Toni Fiung mit seinem im Athesia-Tappeiner Verlag erschienenen Ratgeber „Und wir mittendrin“