Die Bauernbund-Landesversammlung fand wie gewohnt im Waltherhaus in Bozen statt.

Unternehmen Bauernhof: Den Wandel als Chance begreifen

Die Welt ist im Wandel, sie sortiert sich neu. Was das für Europa und die (heimische) Landwirtschaft bedeutet, wurde heute (28. Februar) bei der 79. Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes im Waltherhaus Bozen erörtert. Im Rahmen der Veranstaltung wurden der Steinkeller-Stiftungspreis und drei Familien der Bergbauernpreis verliehen.

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Im Hinblick auf die Umbrüche, die sich aktuell geopolitisch und wirtschaftlich vollziehen, sagte Landesobmann Daniel Gasser in seiner Eröffnungsrede zur Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes im Waltherhaus Bozen: „Wandel gehört zur Landwirtschaft.“ Er sei etwas Gutes, wenn man ihn als Chance begreift. „Der Bauernhof ist ein Unternehmen, wir Bäuerinnen und Bauern sind Unternehmer. Wir treffen tagtäglich – hoffentlich kluge – wirtschaftliche Entscheidungen“, erklärte der Landesobmann. Chancen, mit dem eigenen Hof erfolgreich zu sein, gebe es heute so viele wie noch nie. Sie seien zu nutzen. Gasser unterstrich: „Ich bin überzeugt: Es gibt nicht den einen richtigen Weg für alle – aber für alle einen richtigen Weg!“

Er müsse nicht unbedingt in den Nischen liegen, in neuen Produkten oder Verfahren, sondern nach wie vor auch bei den großen Drei: Äpfel, Milch und Wein werden von Südtirols Bäuerinnen und Bauern professionell produziert und von den Genossenschaften professionell vermarktet, das sei eine große Stärke. „Qualitätsdenken und Qualitätsanspruch müssen weiter vorangetrieben werden, so können wir wettbewerbsfähig und widerstandsfähig bleiben“, meinte der Landesobmann. Vor allem müsse man offen für Neues bleiben: Weiterbildung sei ein Schlüssel zum Erfolg, aber auch Innovation. Auch in der Nachhaltigkeit liege Potential: Sie stärke Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. „Auch beim Klima- und Umweltschutz müssen wir den Mitbewerbern einen Schritt voraus sein und das deutlich zeigen“, forderte Gasser. Gleiches gelte für das Tierwohl.

Eine Chance ist laut Gasser die Energiewende, die Landwirtschaft sei dabei Teil der Lösung: Etwa durch erneuerbare Energien wie Holz, Biogas, Photovoltaik oder Agri-Photovoltaik. Möglichkeiten biete auch die Direktvermarktung. Sie bedeute zwar mehr Arbeit, aber in der Regel auch eine höhere Wertschöpfung. Dann ging Gasser auf Tourismus und Handel als zentrale Partner der Landwirtschaft ein: „Viele Vorzeigeprojekte auf lokaler Ebene zeigen, wie wichtig die Zusammenarbeit ist und welche Vorteile sie allen Beteiligten bringt. Diesen Weg müssen wir konsequent weitergehen.“ Und zuletzt erklärte der Landesobmann: „Erfolgreich wirtschaften bedeutet nicht nur, Einnahmen zu erwirtschaften und zu steigern, sondern auch, Kosten zu sparen.“ Hier gebe es viele Möglichkeiten, etwa den überbetrieblichen Maschineneinsatz. Ein Gamechanger seien neue Technologien, Automatisierung und Robotik – und die Künstliche Intelligenz. 

Europas wirtschaftliche Situation und seine (und Südtirols) Chance in Anbetracht der Weltordnung im Wandel beleuchtete die Gastrednerin der diesjährigen Landesversammlung, Anja Kohl. Die Journalistin und Wirtschaftsexpertin („Wirtschaft vor acht“) analysierte zunächst die globalen politischen Umbrüche und Unsicherheiten, die Rohstoff-, Energie- und Transportkosten steigen lassen. Das bekämen Europa und auch Südtirol deutlich zu spüren. Allerdings habe man einige Trümpfe im Ärmel. „Südtirol braucht keine Angst haben, im Gegenteil“, meinte Kohl. Ihr Lösungsansatz: „Europe first, also Europa zuerst.“ Denn Europa habe einen funktionierenden Binnenmarkt.

Die Wirtschaftsexpertin plädierte aber auch für die Erschließung neuer Märkte, beispielsweise durch Handelsabkommen wie Mercosur, mit Partnern, auf die man sich verlassen könne. Und sie identifizierte Überreglementierung als einen der größten Bremsklötze für die Wirtschaft: digitalisierte Verwaltung könne hier die Lösung sein. Auch der Aus- und Weiterbildung komme eine Schlüsselrolle zu, um Bäuerinnen und Bauern und damit ihre Höfe zukunftsfit zu machen, auch im Umgang mit neuen Technologien und mit Künstlicher Intelligenz. Und nicht zuletzt müsse in die nächste Generation investiert werden: „Sie muss für die Landwirtschaft begeistert werden“, unterstrich Kohl, „denn sie ist Ihre Zukunft!“ 

Landeshauptmann Arno Kompatscher bestätigte in seinen Grußworten den Grundton der Landesversammlung: Es sei wichtig, mit Selbstbewusstsein, Mut und Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Nachhaltigkeit und Digitalisierung seien auch in der öffentlichen Verwaltung Kernthemen der Zukunft. Daran werde man verstärkt arbeiten, hier gebe es Aufholbedarf. Er bedankte sich bei Bäuerinnen und Bauern für ihre Bemühungen zur Nachhaltigkeit. Denn sie schaffe wirtschaftliche Stabilität für die Höfe. Und damit auch für Südtirol. „Wenn sich die Welt neu sortiert, gibt es Gefahren, aber auch Chancen“, sagte Europaparlamentarier Herbert Dorfmann. Europa müsse seine Rolle in diesem generellen Umbruch gut spielen. Das heiße auch, Ballast abzuwerfen und flexibler zu werden. In dieser sich schnell ändernden Welt werde vielen wieder bewusst, dass auch die Versorgung mit Lebensmitteln zur allgemeinen Sicherheit beiträgt. Das spiele der Landwirtschaft in die Hände, wenn es um die Debatte zur nächsten GAP-Periode geht. Die werde zwar nicht mehr Geld bringen, aber zumindest so viel wie bisher. Und hoffentlich mehr für diejenigen, die Landwirtschaft unter erschwerten Bedingungen betreiben. Denn das sei nun die große Herausforderung in Brüssel. Daran werde er arbeiten.

Georg Strasser, Präsident des Österreichischen Bauernbundes, brachte aufbauend auf das Grundthema vier Thesen: Man müsse die Chancen als landwirtschaftlicher Unternehmer sehen und sie nutzen, den europäischen Binnenmarkt als Sicherheit schätzen, gemeinsam mit Argumenten Ziele verfolgen und als verlässlicher Partner Zukunft mitgestalten. Er beschwor den europäischen Gedanken: „Wir gehören zusammen.“ Diese Gemeinschaft innerhalb Europas beschwor auch Günther Felssner, Präsident des Bayerischen Bauernverbandes und Vize-Präsident des Deutschen Bauernverbandes. Gerade die Bergbauernfamilien seien Vorbild, meinte Felssner. Es brauche auch in Europa deren Mut, Innovationsgeist und Arbeitswillen, um die anstehenden Aufgaben zu meistern. Massimiliano Giansanti, Präsident des italienischen Bauernverbandes Confagricoltura und seit 2024 auch des europäischen Bauernverbandes COPA-COGECA, stellte die weltpolitischen Unsicherheiten in den Vordergrund. Wirtschaftlich sei das schwierig, vor allem für die Landwirtschaft. Dabei müsse eigentlich mehr produziert werden, weil immer mehr Menschen zu ernähren sind. Deshalb brauche es Sicherheiten für Bäuerinnen und Bauern. Um die Betriebe und die Familien dahinter in die Zukunft zu führen. Deshalb brauche es eine ambitionierte Gemeinsame Agrarpolitik, ein Reglement, das garantiert, dass mehr Wertschöpfung bei den Bäuerinnen und Bauern ankommt und nicht zuletzt Vereinfachungen und moderne Technologien, um die landwirtschaftlichen Betriebe zu entlasten.

Zusammenarbeit mit Berufsbildungszentrum Emma Hellenstainer
Einen Meilenstein der Zusammenarbeit zwischen Tourismus und Landwirtschaft setzte der Südtiroler Bauernbund beim Büffet und Umtrunk, der nach der Landesversammlung angeboten wurde: Erstmals zeigten Schulklassen des Berufsbildungszentrums Gastronomie und Kulinarik Emma Hellenstainer aus Brixen ihr Können, bekochten und bewirteten die Gäste mit heimischen Produkten, viele davon mit den Qualitätssiegel „Roter Hahn“. 

Bergbauernpreisträger 2026 an drei Familien
Stellvertretend für über 6000 Bergbauernfamilien im Land haben bei der Landesversammlung drei Familien den Bergbauernpreis, gestiftet von den Raiffeisenkassen Südtirols, erhalten. Die diesjährigen Preisträger sind Familie Berger vom Oberrieserhof in Sand in Taufers, Familie Oberkalmsteiner vom Kohlhof im Sarntal und Familie Volgger vom Eggerhof in Pfunders. Mehr dazu hier.

Steinkeller-Stiftungspreis an Familie Florian Müller
Der denkmalgeschützte Obermoarhof in Katharinaberg, Schnals, ist ein architektonisches und historisches Kleinod: Er hat ein geschnitztes Giebelbundwerk, gemalte Fenstereinfassungen und ein Wegkreuz an der Außenfassade. Im Inneren befinden sich drei große getäfelten Stuben, mit Felderdecken und gotischen Details. Eine davon ist durch die Inschrift „Peter Kofler & Maria Santerin“ auf das Jahr 1814 datiert. Der Besitzer Florian Müller hat den Obermoarhof mit Feingefühl restauriert und dafür weder Kosten noch Mühen gescheut. Das Gebäude musste dafür ganz entkernt werden. Das Dach wurde wieder traditionell mit Legschindeln gedeckt, die meisten der alten Fenster konnten instandgesetzt werden. Die Fassaden erstrahlen nach einer Neutünchung in Kalktechnik in neuem Glanz; die gemalten Fenstereinfassungen und Eckquadern von 1851 wurden ebenso wie das großer Kruzifix fachgerecht restauriert. Besonders beeindruckend ist die Aufarbeitung der drei Stuben, die original erhalten blieben. Für diese rundum gelungene Restaurierung des ortsbildprägenden Obermoarhofes wurde Familie Florian Müller bei der Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes der Dr.-Viktoria-Steinkeller-Stiftungspreis verliehen. Stiftungspräsident Siegfried Brugger überreichte den Preis mit den Worten: „Die Sensibilisierung für und der Erhalt der bäuerlichen Baukultur sind ein gemeinsames Anliegen von Südtiroler Bauernbund und Steinkeller-Stiftung. Seit nunmehr 19 Jahren gibt es diese Zusammenarbeit, 50 Objekte konnten bisher mit einem Förderpreis bedacht werden. Darauf sind wir stolz.“

Bauernbund-Landesobmann Daniel Gasser

Referentin Anja Kohl

Die Familie Müller aus Katharinaberg freute sich über den Steinkeller-Stiftungspreis.

Renate Anna Rubner