Südtiroler Bäuerinnenorganisation, Südtiroler Landwirt | 26.11.2021

Visionärin und Wegbereiterin

Lebenswertes Ulten: nachhaltig, ganzheitlich und vor allem naturverbunden. Das ist das Lebenswerk von Waltraud Schwienbacher aus St. Walburg in Ulten – ganz wie sie selbst. von Ulrike Tonner

Die Sozialgenossenschaft Lebenswertes Ulten stellt unter dem Lable „Bergauf“ Schafwollprodukte her. Oberstes Ziel: höchste Qualität. Foto: SBO

Die Sozialgenossenschaft Lebenswertes Ulten stellt unter dem Lable „Bergauf“ Schafwollprodukte her. Oberstes Ziel: höchste Qualität. Foto: SBO

„Bergauf“ heißt das Label, unter dem die Sozialgenossenschaft Lebenswertes Ulten ihre Produkte vermarktet: aus Südtiroler Schafwolle, in Handarbeit gefertigt. Die Genossenschaft steht heute sicher da, aus dem  Ultental ist sie nicht mehr wegzudenken. Und das trotz der vielen Hindernisse, die Traudl Schwienbacher dafür zu überwinden hatte. Beim zehnjährigen Jubiläum der Sozialgenossenschaft wurde der Gründerin Waltraud Schwienbacher die Ehrenpräsidentschaft verliehen.  

Südtiroler Landwirt: Frau Schwienbacher, Lebenswertes Ulten, die Schafwolle und Sie – das gehört einfach zusammen. Warum spielt die Schafwolle in ihrem Leben so eine bedeutende Rolle?

Waltraud Schwienbacher: Wolle und Schafe haben mich eigentlich immer schon begeistert. Mit zwölf Jahren habe ich mir mit meinem ersten ersparten Geld ein Schaf gekauft. Einmal war ich am Kuppelwieser Markt, und da habe ich die Schafbauern gefragt, wie es ihnen mit ihren Schafen gehe. Die Lämmer würden sie im Herbst nach dem Almabtrieb nicht schlecht verkaufen, aber die Wolle müssten sie in den Müll werfen, weil sie kein Mensch mehr brauchen würde, war die Antwort. Und da hat es bei mir einfach klick gemacht ... 

Für mich stand danach fest, dass es so nicht weitergehen kann. Es heißt, die Wolle mache die halbe Hausapotheke aus, und wir schmeißen sie einfach in den Müll und kaufen dieses synthetische Zeug. Damit hat das Projekt Lebenswertes Ulten eigentlich begonnen.

Zum Projekt gehört aber mehr als Wolle …

Ja, das erste Konkrete war eigentlich die Gründung der Winterschule vor 29 Jahren. Die Winterschule Ulten ist heute eine dreijährige Ausbildung in verschiedensten Bereichen wie Holzverarbeitung, Flechten, Alpine Kräuterkunde, Wildblumenfloristik, Weben, Filzen, Klöppeln, Stricken, Permakultur und Gesundheit aus ganzheitlicher Sicht. Sie ist sehr gefragt. Wir sind damals mit 16 Teilnehmern gestartet, jetzt haben wir über 500. Eigentlich hätten wir über 1000 Anmeldungen.

Es gibt dann noch die Naturerlebnisschule.

Ja, genau, das ist ein eigener Zweig der Winterschule, wo Führungen, Kurse, Seminare und Vorträge gehalten werden. Sie wird von ungefähr 5000 Leuten pro Jahr besucht: Im Sommer von vielen Touristen, es kommen aber auch viele Schulen.

Vor zehn Jahren wurde dann die Sozialgenossenschaft Lebenswertes Ulten gegründet. Warum brauchte es diese Sozialgenossenschaft?

Damit wir auch einen Ort haben, wo wir die Wolle von den Bauern sammeln und verarbeiten können. Und wo Abgängerinnen der Winterschule auch weitermachen können.

Wie war der Start?

Nicht einfach, ganz und gar nicht! Das Ganze war ja mit Kosten verbunden. Wir haben gebrauchte Maschinen gekauft, weil wir uns andere nicht hätten leisten können. Zum Glück haben sie gut funktioniert, Dorothea und Klara sind aber auch handwerklich sehr geschickt: Wenn etwas fehlt, richten sie es immer selbst. Diese zwei Frauen sind von Anfang an mit dabei und haben ständig probiert und einfach nie aufgegeben. Ich möchte auch den Hans Thöni erwähnen, der uns von Beginn an eine große Hilfe war: Er hat uns die ersten zehn Monate seine Räume zur Verfügung gestellt, bis wir welche von der Gemeinde bekommen haben. 

Aus heutiger Sicht: Hat es sich gelohnt?

Am Anfang hatten wir es sehr schwer, vor allem wegen der Konkurrenz von Billigfilz aus China. Aber ich habe immer gesagt: Wir bleiben auf unserem geraden Weg, wir produzieren ausschließlich reine Wolle, nur Qualität. Und dieser Weg hat sich ausgezahlt. 

Natürlich gab es auch bürokratische Hürden und immer wieder Schwierigkeiten. Aber es gibt heute zum Glück Fachleute, und ich hatte immer viele Wegbegleiter. Die Familie ist auch immer hinter mir gestanden und die Mitarbeiterinnen ... Der heutige Präsident Wolfgang Raffeiner hat die Genossenschaft als Geschäftsführer solide aufgebaut, auch deshalb steht sie heute gut da.

Es gab natürlich auch viele Kritiker, die das Projekt Lebenswertes Ulten belächelt haben, aber ich habe mir immer gedacht: Es kann nicht falsch sein, das zu nutzen, was uns die Natur gibt. Und ich glaube, dass auch die Pandemie uns in diese Richtung bringen sollte. Wir müssen wieder einsichtiger werden, unsere Augen öffnen für die wunderbare Fülle und den Reichtum, den die Natur uns bietet. Das ist für jeden von uns zugänglich, wir müssen nur die Augen aufmachen.

Das ganze Interview finden Sie in der Ausgabe 21 des „Südtiroler Landwirt“ vom 26. November ab Seite 25 oder online auf „meinSBB“.