Südtiroler Landwirt, Weiterbildung | 09.12.2021

Fast wie daheim, nur mit Meer

Von 22. März bis 1. April 2022 soll es nun wirklich so weit sein: Die vierte „Südtiroler Landwirt“-Leserreise führt auf die Inselgruppe der Azoren. Reiseleiterin Birgit Siegel hat sich mit uns über ihre Wahlheimat und die Landwirtschaft auf den Inseln im Atlantik unterhalten. von Bernhard Christanell

Vorne Landwirtschaft, hinten das Meer: ein Bild, dem man auf den Azoren oft begegnet. Foto: Pixabay

Vorne Landwirtschaft, hinten das Meer: ein Bild, dem man auf den Azoren oft begegnet. Foto: Pixabay

Die Azoren: Jeder kennt sie von den Hochdruckgebieten, die in Europa für stabiles, sonniges Wetter sorgen, aber die wenigsten wissen, wo sie genau liegen. Geschweige denn, was dort denn für Menschen leben, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen und wie Landwirtschaft auf diesen Inseln mitten im Atlantik funktioniert.

Die „Südtiroler Landwirt“-Leserreise Ende März will einer Gruppe von Reiselustigen aus Südtirol diese zum EU-Staat Portugal gehörende Inselgruppe etwas näherbringen. Helfen wird ihnen dabei Birgit Siegel, eine gebürtige Münchnerin, die seit Jahren auf der Hauptinsel São Miguel lebt und zahlreiche Studienreisende und Wandergruppen über die Inseln begleitet. 

Südtiroler Landwirt: Frau Siegel, wie verschlägt es eine gebürtige Münchnerin auf die Azoren? Sie liegen ja nicht gerade um die Ecke …

Birgit Siegel: Ich habe gleich nach dem Abitur zwei Jahre lang in Lissabon gewohnt. Seit dieser Zeit wusste ich, dass ich gerne in Portugal bleiben möchte. Weil das aber nicht gleich möglich war, habe ich zunächst in Heidelberg ein Dolmetscher-Studium absolviert. Über Freunde bin ich dann zurück nach Portugal gekommen und habe die Azoren näher kennengelernt. Ich habe mich dort gleich wohlgefühlt, denn ich bin ein „Landei“ und nicht für die Großstadt gemacht. 

Mehrere Jahre lang habe ich als Mitarbeiterin einer Reiseagentur auf den Azoren gearbeitet, mittlerweile bin ich freiberuflich als Reiseleiterin tätig. In den Wintermonaten verdiene ich mein Geld als Deutschlehrerin an einer Hotelfachschule. Ich war übrigens auch schon öfter in Südtirol und würde mich daher sehr freuen, eine Reisegruppe aus ­diesem schönen Land bei uns auf den Azoren zu begrüßen. 

Unsere Leserinnen und Leser – also Ihre kommenden Gäste – sind ja durchwegs praktizierende Landwirte – warum sollten gerade sie die Azoren besuchen?

Weil es für sie eine spannende Mischung sein wird aus Dingen, die ihnen bekannt vorkommen, und anderen, die für sie vollkommen neu und exotisch sind. Sie werden bei uns viele Kühe sehen, die auf den Weiden grasen – nur mit Unterschied, dass im Hintergrund eben keine Berge zu sehen sind, sondern fast von jedem Punkt aus das Meer. 

Die Milchwirtschaft und die Herstellung von Milchprodukten spielt hier auf den Azoren eine große Rolle, aber wir haben hier auch Plantagen, in denen ganz exotische Früchte angebaut werden – wie Bananen, Ananas und Tee. 

Danke für das Stichwort – gerade diese Art von Landwirtschaft wird uns bei unserer Leserreise an den ersten Tagen begleiten. Welche Rolle spielen diese Produkte auf den Azoren?

Die Haupteinnahmequelle der Bäuerinnen und Bauern auf den Azoren ist die Milch, schließlich kommen mehr als ein Drittel der Milch und der Milchprodukte in Portugal von den Azoren. Um in die großen Handelsketten reinzukommen, braucht man aber eine breitere Produktpalette. Und das hat dazu geführt, dass einige sehr interessante Projekte entstanden sind. Bananen und Ananas gehören dazu, aber auch die Algenverarbeitung oder der Anbau von Biokräutern. Was den Teeanbau angeht, so hat der Tourismus hier für eine Art Renaissance gesorgt. Weil Tee ein beliebtes Mitbringsel von Touristen für ihre Lieben zu Hause ist, haben viele Kleinproduzenten wieder damit begonnen. Auch kleine Käsereien gibt es immer mehr, denn auch hier war der Tourismus ein wichtiger Motor. Er hat auch für einen Qualitätsschub gesorgt, denn wer auf den Azoren Urlaub macht, der will auch qualitativ hochwertige Produkte von den Inseln mit nach Hause nehmen. 

Von der Milchwirtschaft war bereits die Rede, auch der Weinbau spielt auf den Azoren eine Rolle und kommt in unserem Reiseprogramm vor. Wie sind Milchwirtschaft und Weinbau auf den Azoren organisiert? Vorwiegend in Form von Genossenschaften wie bei uns in Südtirol oder eher als auf sich allein gestellte Kleinbetriebe?

Der allergrößte Teil der landwirtschaftlichen Betriebe ist in einer Landwirtschaftsorganisation zusammengeschlossen. Die Azoren sind ja – ähnlich wie Südtirol – eine autonome Region, und diese Organisation vertritt die Interessen auf regionaler Ebene. Die Vermarktung der Milchprodukte läuft zum Großteil über kommerzielle Molkereien, es gibt aber auch kleinere Frischkäseproduzenten. In der Milchwirtschaft gab es bis vor Kurzem das Problem, dass die Milchpreise extrem niedrig waren, sie lagen im Schnitt bei 24 Cent pro Liter. Nun hat der Staat zwar etwas draufgelegt, der Wunsch der Bäuerinnen und Bauern nach Alternativen ist aber groß. 

Im Weinbau, den es nicht auf allen Inseln der Azoren gibt, haben wir viele Kleinbauern, die ihren Wein produzieren und dann gemeinsam vermarkten. Sie arbeiten auch stark mit dem Tourismus und der Gastronomie zusammen, um ihre Weine bekannt zu machen. 

Wie touristisch sind die Inseln der Azoren? Sind sie bereits stark überlaufen oder eher noch ein Geheimtipp?

Die Azoren liegen abseits der üblichen Touristenströme. Wenn Touristen hierherkommen, dann geschieht das nicht aus Zufall, sondern ganz bewusst. Früher waren es vor allem die Portugiesen, die in ihrer Urlaubszeit die Azoren besuchten. Mittlerweile sind die Besucher viel internationaler geworden, es kommen viele Deutsche, in den letzten Jahren vermehrt auch Italiener. Vor allem aber kommen, weil die einzelnen Nationalitäten gut gemischt sind, nicht alle Besucher auf einmal. Man kann den Aufenthalt hier also auf jeden Fall noch genießen. Und es kommen auch immer öfter jüngere Gäste zu uns – Menschen, die nicht nur klassische Wanderrouten suchen, sondern auch das Abenteuer. 

Nachhaltigkeit, Klimawandel und Innovation spielen für die Landwirtschaft in Südtirol eine immer stärkere Rolle. Wie sieht es diesbezüglich auf den Azoren aus?

Die Landwirtschaft ist vor allem auf der Hauptinsel São Miguel noch sehr traditionell geprägt, und auch die Landwirtschaftsorganisation muss die Innovation noch ein wenig für sich entdecken. Das Thema Nachhaltigkeit ist aber in der Gesellschaft auf den Azoren sehr stark im Kommen – egal ob es um Bio, die Mülltrennung oder um das Thema Plastik geht. In der Landwirtschaft fällt mir dazu ein Projekt ein, bei dem es um die Vermeidung von Plastikmüll bei Silageballen geht, hier kommen zur Überwachung auch Drohnen zum Einsatz. Es tut sich also was bei uns … 

Eine Reise in ein neues Land macht immer auch neugierig auf die Landschaft, die einen dort erwartet. Was haben die Azoren hier an besonderen Höhepunkten zu bieten?

Alle Inseln der Azoren sind Vulkaninseln, und wir finden hier alle Vulkanformen, die es gibt – von der Basaltküste bis zu großen Kraterseen. Vor allem aber ist die Landschaft sehr abwechslungsreich. Es kann gut sein, dass man zehn Kilometer fährt und sich plötzlich in einer völlig neuen Landschaft wiederfindet. Und auch die Inseln untereinander unterscheiden sich stark voneinander. Auch die Botanikfreunde kommen auf ihre Rechnung – in ausgedehnten Parks, die im 19. Jahrhundert von Großgrundbesitzern angelegt wurden. Eigentlich blüht hier auf den Azoren das ganze Jahr über etwas!

Eine letzte Frage, die man sich in Zeiten wie diesen stellen muss: Der Staat Portugal, zu dem die Azoren ja gehören, gilt in Sachen Pandemie-Bekämpfung durch die Impfungen als Musterschüler. Trifft das auch auf die Azoren zu? Ist das Reisen auf die Azoren sicher?

Die Impfquote ist sehr hoch, alle Einwohner der Azoren wurden vom zuständigen Gesundheitszentrum kontaktiert und haben einen Impftermin erhalten. Und weil vor allem dem älteren Teil der Bevölkerung die Zeit der Kinderlähmung noch gut bekannt war, haben diesen Termin auch fast alle in Anspruch genommen. Viele haben auch bereits die Auffrischungsimpfung erhalten, die Menschen sind diesbezüglich wirklich sehr diszipliniert. Für die Einreise ist zurzeit ein Impf- oder Genesenennachweis erforderlich – aber das kann sich natürlich bis März noch mehrfach ändern. Ich hoffe auf jeden Fall, dass die Reise diesmal zustande kommt, und freue mich schon sehr auf die Leserinnen und Leser des „Südtiroler Landwirt“! 

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Infos zur Leserreise

Mehr zur Anmeldung und zu den Kosten der Leserreise des „Südtiroler Landwirt“ auf die Azoren auf Seite 34 in der Ausgabe 22 des „Südtiroler Landwirt“ vom 10. Dezember  oder online auf „meinSBB“Das detaillierte Programm gibt es unter https://bit.ly/leserreise2022 im Internet.