Südtiroler Landwirt, Produktion | 09.12.2021

Kahlflächen aufforsten

Drei Jahre nach dem Sturmtief Vaia ist das Schadholz großteils aufgearbeitet und abtransportiert. Geblieben sind riesige Kahlflächen, die vergrast sind oder wo sich eine Strauchvegetation angesiedelt hat. Dies bringt sehr lange Verjüngungszeiten mit sich – und damit Zuwachsverluste für den Eigentümer. von Herbert Pernstich

Nahe Straßen und Siedlungen wurden die Windwurfflächen technisch verbaut und aufgeforstet.

Nahe Straßen und Siedlungen wurden die Windwurfflächen technisch verbaut und aufgeforstet.

Während die Schneedruckschäden im Frühjahr 2019 und dann im Jahr 2020 mehr oder minder kleinflächige Bestandslücken geschaffen haben, hat das Sturmtief Vaia Ende Oktober 2018 viele Waldbestände großflächig geschädigt, sodass große Kahlflächen von bis zu 200 Hektar entstanden sind. Je nach Forstinspektorat hat es mehr private Waldeigentümer – meist Bauern – oder öffentliche Körperschaften getroffen. Die Aufarbeitung und der Abtransport des Schadholzes erfolgten sehr schnell, auch weil Sägewerke im In- und Ausland in den meist gut erschlossenen Waldbeständen gutes Rundholz zu günstigen Preisen und in großen Mengen ankaufen konnten. Betroffen waren meist geschlossene, gutwüchsige Wälder in zwischen 1400 und 1900 Meter Meereshöhe. Schäden durch Borkenkäferbefall an den Bestandsrändern vergrößern die Kahlflächen noch weiter.

Die Verjüngungssituation in den zerstörten Waldflächen ist unterschiedlich, vorwiegend waren geschlossene Wälder ohne Verjüngung betroffen. Wo die lokal vorhandene Verjüngung nicht durch die Holznutzung beschädigt wurde, hat sie sich dank der günstigen Witterung in den letzten beiden Jahren gut entwickelt.

Die Flächen sind jetzt – drei Jahre nach Vaia – generell stark vergrast und/oder Strauchvegetation breitet sich aus. Flächen mit Schutzfunktion (nahe Straßen und Siedlungen) wurden technisch verbaut und aufgeforstet. Dort entwickelt sich die Verjüngung gut. Ziel muss es auch sein, strukturiertere Waldbestände zu schaffen, die etwas stabiler sind.

Wiederbewaldung großer Kahlflächen

In Südtirol gibt es wenig Erfahrung mit der Wiederbewaldung von großen Kahlflächen, da in den letzten 30 bis 50 Jahren keine solchen Situationen zu bewältigen waren und die Holznutzung generell kleinflächig erfolgt. In der Schweiz wurden die Erfahrungen und die Folgen der großen Sturmschäden in den 90er-Jahren detailliert aufgezeichnet. Wo die natürliche Verjüngung nicht vorhanden war oder in den ersten Jahren danach nicht angekommen ist, dauerte es in den dort betroffenen Gebieten ungewöhnlich lang, bis wieder ein Waldbestand entstand.

Große Kahlflächen verjüngen sich ohne Hilfe nur sehr langsam, besonders wenn Altbestände weiter als 50 Meter entfernt sind. Man muss mit langen Verjüngungszeiträumen (mehreren Jahrzehnten) rechnen, die Bestockung ist dann meist recht unregelmäßig. Die so entstandenen Bestände sind dann meist gut strukturiert, aber die Holzqualitäten der wirtschaftlich interessanten Baumarten lassen zu wünschen übrig. 

Windgeschwindigkeiten, wie sie beim Sturm Vaia gemessen wurden, halten auch diese Bestände nicht stand. Es sei denn, sie sind bereits ohne Nadeln bzw. Blätter und geben dem Wind so eine geringere Angriffsfläche.

Lange Verjüngungszeiträume (30 bis 50 Jahre) verursachen – bei einem geschätzten Jahreszuwachs von fünf bis sieben Vorratsfestmetern pro Hektar – Zuwachsverluste von 180 bis 300 Kubikmeter. Dieses Einkommen fehlt dann den zukünftigen Generationen. Die Kahlflächen bieten zwar mehr Äsungsangebot für das Rot- und Rehwild. Wildverbiss und Fegeschäden können aber bei der sowieso spärlich vorhandenen Verjüngung nicht akzeptiert werden. Noch längere Verjüngungszeiträume und der Verlust der gewünschten Mischbaumarten wären die Folgen.

Gründe für die Aufforstung der Kahlflächen

Dienende Baumarten und Sträucher sind schon da oder vermehren sich von allein. Ihre Anwesenheit ist für die Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts und der Biodiversität und für die Ankurbelung des Nährstoffkreislaufes sehr wichtig. Verjüngungszeiträume von fünf bis maximal zehn Jahren gehen in Ordnung. Bei einer naturnahen Waldbewirtschaftung ist das in der Regel kein Problem, da meist schon unter dem gelockerten Altbestand die Waldverjüngung einsetzt. Wenn aber keine Verjüngung vorhanden ist und auch keine konkreten Hinweise bestehen, dass sich die Situation bald bessert, dann muss gehandelt werden.

Die Naturverjüngung vom Frühjahr 2019 kann leider, je nach Grasvegetation durch starke Wurzel- und Lichtkonkurrenz verloren gehen. 

Für die Aufforstung aller Flächen in ein paar Jahren gäbe es nicht genug Pflanzen in den Landesforstgärten, jedoch sollten Südtirols Waldbesitzer das Produktionspotenzial voll ausnutzen. Nordtirol und das Trentino gehen andere Wege und nehmen überschüssiges Pflanzmaterial von Südtirols Forstgärten dankend an.

Für die Aufforstung stehen viele einheimische Herkünfte der Baumarten Lärche, Fichte, Zirbe und Tanne zur Verfügung. Sofort nach dem Windwurf wurde im November 2018 an vielen von Vaia zerstörten Wäldern Zapfen gesammelt, um daraus Samen zu gewinnen. Viele Millionen Pflanzen können daraus herangezogen werden. 

Nur wenn die Bestockung der Wälder ausreichend ist, kann in 100 bis 150 Jahren mit zufriedenstellenden Holzqualitäten gerechnet werden. Denn auch in Zukunft sollen Möbel und Häuser aus Holz gebaut werden. Durch den Verzicht auf nachhaltige Holzproduktion in unseren Wäldern fördert man indirekt die Abholzung von Urwäldern in Osteuropa. Der Holzhunger verleitet besonders in armen Ländern dazu.

Es ist verständlich, dass Waldeigentümer etwas frustriert und demotiviert sind, denn sie kommen nicht mehr in den Genuss der Früchte der Aufforstungen. Der Wald ist und war die Sparkasse für die Bauern und auch den öffentlichen Körperschaften gehen regelmäßige Einnahmen aus dem Holzverkauf für viele Jahrzehnte verloren. 

Lichte, gering bestockte Wälder erfüllen weder ihre Schutzaufgaben in ausreichendem Maße, noch tragen sie zur CO2-Fixierung bei, wie die Politik dies in Zukunft vom Wald erwartet. Stabile Bestände können einerseits  durch mehr Struktur und Waldpflege,  andererseits durch die Förderung von Mischbeständen (mehrere Baumarten mit unterschiedlichen Eigenschaften auf engem Raum) erreicht werden. Auf den meisten von Vaia betroffenen Standorten ist aber die Fichte die dominierende Baumart, da sie sich in dieser Höhenstufe in ihrem Optimum befindet. Zur Waldgrenze nach oben hin bietet sich die Zirbe als Mischbaumart an, auf etwas besseren Standorten in tieferen Lagen die Tanne und auch Bergahorn und Vogelkirsche. Eine so große Auswahl an alternativen Baumarten, wie man oft in Zeitungsartikeln aus Österreich und Deutschland liest, gibt es auf den Vaia-Kahlflächen nicht, da die Flächen ganz andere natürliche Waldgesellschaften bestocken, als das in den genannten Ländern der Fall ist. 



Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 22 des „Südtiroler Landwirt“ vom 10. Dezember auf Seite 63 oder online auf „meinSBB“.