Produktion | 21.12.2021

Der Tierwohl-Frage aktiv begegnen

In Deutschland und anderen Ländern bestimmt das Thema Tierwohl schon die öffentliche Debatte, und auch in Südtirol ist es im Kommen. Grund genug für den Sennereiverband Südtirol, wichtige Vorarbeit zu leisten – mit dem Projekt „Tierwohl Südtirol“. von Bernhard Christanell

Wenn es den Tieren gut geht, wirkt sich das auch positiv auf die Wertschöpfung des Betriebs aus. Foto: Sennereiverband Südtirol, Frieder Blickle

Wenn es den Tieren gut geht, wirkt sich das auch positiv auf die Wertschöpfung des Betriebs aus. Foto: Sennereiverband Südtirol, Frieder Blickle

Das Thema Tierwohl wird in der Gesellschaft immer wichtiger. Die Konsumentinnen und Konsumenten erwarten sich, dass sich die Tiere wohlfühlen und gut gehalten werden. Auch wenn die Vorstellungen darüber, was „wohlfühlen“ und „gute Haltung“ bedeuten, in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal etwas verklärt sein mögen – eines ist gewiss: Das Wohlbefinden der Tiere spielt auch für den Landwirt eine wichtige Rolle. Denn wenn es den Tieren gut geht, wirkt sich das positiv auf die Wertschöpfung des Betriebes aus. 

Bereits heute werden viele Milchprodukte europaweit mit zertifizierten Tierwohllabeln – also Gütesiegeln, die für ein hohes Maß an Tierwohl stehen – gekennzeichnet. Auch der italienische Staat hat sich mit diesem Thema beschäftigt und ein einheitliches System für die Bewertung des Tierwohls in Milchviehbetrieben vorgegeben. 

„ClassyFarm“: Jetzt noch freiwillig, bald Voraussetzung

Dieses System trägt den Namen „ClassyFarm“. Es ist für die Betriebe bisher zwar noch freiwillig, wird in Zukunft aber die Voraussetzung sein, um bestimmte EU-Prämien zu erhalten. Weiters wird das Tierwohlsystem „ClassyFarm“ auch die Grundlage für das zukünftige staatlich geregelte Tierwohllabel mit dem recht sperrigen Kürzel SQNBA (sistema qualità nazionale benessere animale) darstellen. 

Zentrales Instrument von „ClassyFarm“ ist ein Fragebogen zur Bewertung des Milchviehbetriebes, welcher von einem Hoftierarzt ausgefüllt werden muss. Für die Zertifizierung des Tierwohllabels sind im Anschluss an die Bewertung durch „ClassyFarm“ noch weitere Kontrollen durch die Zertifizierungsstelle vorgesehen. 

Südtirols Milchwirtschaft hat im Grunde keine andere Wahl: Sollen Südtiroler Milchprodukte weiterhin am Markt einen Absatz finden, führt an diesem Tierwohllabel kein Weg vorbei. Es ist davon auszugehen, dass der Handel dieses Label für Produkte im Sortiment voraussetzen wird. Das Label SQNBA soll nämlich das einzige seiner Art in Italien sein. 

Lokale Lösung als Vorbereitung 

Um Südtirols Milchproduzenten frühzeitig auf „ClassyFarm“ und das Tierwohllabel vorzubereiten, hat der Sennereiverband Südtirol in Zusammenarbeit mit den Milchhöfen, dem Beratungsring BRING und der Freien Universität Bozen das Projekt „Tierwohl Südtirol“ in die Wege geleitet. 

Der erste Schritt besteht darin, alle Milchviehbetriebe in Südtirol zu besuchen und gemeinsam mit den Betriebsleitern einen „ClassyFarm“-ähnlichen Fragebogen auszufüllen. Sinn und Zweck dieses Besuches ist die Beratung der Bäuerinnen und Bauern: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sennereiverbandes, des BRING und der Uni Bozen erheben den Ist-Zustand, stellen eventuelle Schwachstellen fest und zeigen Lösungsmöglichkeiten auf. Das Ergebnis soll eine Standortbestimmung für jeden einzelnen Betrieb sein. 

Der Startschuss für diese Betriebsbesuche fällt im Jänner 2022. Ein Projektmitarbeiter meldet sich vorab bei den Bäuerinnen und Bauern und vereinbart einen Termin. Nur wenn bei der Bewertung jemand anwesend ist, der über den Betrieb Bescheid weiß und helfen kann, den Fragebogen ordnungsgemäß auszufüllen, kann die Beratung auch sinnvoll sein. 

Durch ihre aktive Mitarbeit können die Bäuerinnen und Bauern vor allem drei wesentliche Dinge erreichen:

  • Der Milchhof kann auch in Zukunft erfolgreich die Milchprodukte verkaufen.
  • Der eigene Betrieb ist für die Zukunft gut aufgestellt und erfüllt die Voraussetzungen, um EU-Förderungen zu erhalten.
  • Es gibt konkrete Daten, um den Stand des Tierwohls zu belegen. 

Stunden für Junglandwirte

Bei den Betriebsbesuchen besteht außerdem die Möglichkeit, Stunden für die Junglandwirte- bzw. Junglandwirtinnen-Ausbildung zu erhalten. Im kommenden Jahr besteht auch das Angebot einer digitalen Schulung zum Tierwohl, welches über die Weiterbildungs-Plattform des Südtiroler Bauernbundes angeboten wird. Informationen dazu folgen zu einem späteren Zeitpunkt.

Wer in der Zwischenzeit Fragen zum „Projekt Tierwohl“ hat, kann sich beim jeweiligen Milchhof melden oder direkt beim Sennereiverband Südtirol (Angelika Oberkofler, E-Mail: angelika.oberkofler@sennereiverband.it, Tel. 0471 063905). 


Ein ergänzendes Interview mit Annemarie Kaser finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 23 des „Südtiroler Landwirt“ vom 24. Dezember auf Seite 56 oder online auf „meinSBB“.