Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 26.02.2022

Der Herkunft gehört die Zukunft

Nach drei Jahren fand die Bauernbund-Landesversammlung wieder zum angestammten Zeitpunkt – also Ende Februar – im Waltherhaus in Bozen statt. Ganz nach dem Motto „Herkunft mit Zukunft“ will der Südtiroler Bauernbund noch stärker auf den Wert regionaler Lebensmittel aufmerksam machen und hat sich dafür auch Österreich als Vorbild genommen.

Der Südtiroler Bauernbund will die Regionalität stärken. Dafür soll es mehr Direktvermarktung und Produktvielfalt geben. Foto: IDM, Alex Filz

Der Südtiroler Bauernbund will die Regionalität stärken. Dafür soll es mehr Direktvermarktung und Produktvielfalt geben. Foto: IDM, Alex Filz

Regionalität ist ein Megatrend, stellte Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler in seiner Rede zum Auftakt der SBB-Landesversammlung fest – und nannte auch einige Gründe: „Nähe schafft Vertrauen. Zudem wird Lokales immer mehr zum Statussymbol. Waren vor einigen Jahren noch das argentinische Steak oder der kalifornische Wein fast ein Muss, so ist es jetzt das Entrecôte vom Bergbauernhof aus Gsies oder der Lagrein aus Bozen.“

Wissen und Information helfen der Regionalität
Was Umfragen auch zeigen: Je mehr Konsumenten über die Ernährung und die Lebensmittel wissen, desto mehr achten sie beim Einkauf auf Qualität und Herkunft. Daher wolle der Südtiroler Bauernbund privaten Konsumentinnen und Konsumenten, aber auch Kaufleuten, Gastronomen, Touristikern und öffentlichen Verwaltern noch mehr die Vorzüge des „Made in Südtirol“ vermitteln und mehr Möglichkeiten des Kontakts und des Austausches schaffen. Geplant sind etwa ein „Bäuerliches Genussfest“ in einigen Südtiroler Städten und eine bäuerliche Kochschule unter der Marke „Roter Hahn“.

Mehr Produktvielfalt
Für mehr Regionalität müsse die Südtiroler Landwirtschaft aber noch einiges tun und sich abseits der Hauptprodukte Wein, Milch und Äpfeln vielfältiger aufstellen und damit wettbewerbsfähiger werden. „Es gibt bereits viele Beispiele von meist jungen Bäuerinnen und Bauern, die neue Wege gehen“, freute sich Tiefenthaler. Platz für innovative Produkte gebe es noch reichlich. Bei vielen Produktgruppen liege das Angebot deutlich unter der Nachfrage, etwa beim Getreide, beim Fleisch oder beim Gemüse.

SBB will Direktvermarktung stärken
Daher will der SBB die Direktvermarktung stärken – ohne dabei den Genossenschaften Konkurrenz zu machen: „Mit der neuen Direktvermarkterakademie vermittelt die Bauernbund-Weiterbildungsgenossenschaft die Grundlagen für eine erfolgreiche Direktvermarktung. In den nächsten Wochen startet unser neuer Beraterpool“, zählte Tiefenthaler auf.
Die wichtigen Partner Handel und Gastronomie lud Tiefenthaler ein, noch mehr Wert auf eine Herkunftskennzeichnung zu legen. „Während bei Primärproduzenten und im Handel die Kennzeichnung der Produkte Pflicht ist, wissen die Konsumenten im Gasthaus nicht, woher ihr Essen kommt. Daher möchten auch wir im Sinne des neuen Ernährungsbewusstseins der Menschen eine verpflichtende Kennzeichnung der Herkunft der Zutaten auf den Speisekarten“, forderte Tiefenthaler.
Mehr Regionalität brauche es auch in der Gemeinschaftsverpflegung. Ausschreibungen gingen häufig an Unternehmen aus anderen Regionen. „Damit geht Wertschöpfung verloren. Auch hier müssen wir ansetzen und die kurzen Wege stärker gewichten“, wünschte sich der Bauernbund-Obmann.

Etwas höherer Preis gerechtfertigt
Häufig wird bei heimischen Lebensmitteln auf den höheren Preis als ein Hindernis für mehr Regionalität verwiesen. „Die Kosten für die Produktion sind hierzulande aufgrund der kleinstrukturierten Betriebe und der Steilheit höher. Daher sind auch die Preise für regionale Produkte etwas höher. Und dennoch sind sie vielleicht sogar günstiger, denn die Umweltkosten werden bei Produkten, die lange Wege hinter sich haben, meist nicht mitberechnet“, unterstrich Tiefenthaler und appellierte an die Konsumentinnen und Konsumenten, den heimischen Lebensmitteln den Vorzug zu geben. „Das ist die beste Unterstützung für unsere bäuerlichen Betriebe – und für jeden Einzelnen selbst!“, sagte Tiefenthaler. Auch die Notwendigkeit für mehr Klimaschutz spiele der Regionalität in die Karten. Denn lokale Herkunft bedeute auch, dass Lebensmittel nicht Hunderte von Kilometern transportiert werden, schloss Tiefenthaler.

Österreich will Kulinarikregion Nr. 1 in Europa werden
Wie gut die Herkunftskennzeichnung in einem Netzwerk verschiedener Partner funktionieren kann, stellte Christina Mutenthaler, Geschäftsführerin der „AMA GENUSS REGION“, in ihrem Festvortrag vor. Die „AMA GENUSS REGION“ ist ein staatlich anerkanntes und EU-weit notifiziertes Gütesiegel für ein durchgängiges und freiwilliges Qualitäts- und Herkunftssicherungssystem. 3.000 bäuerliche Direktvermarktungsbetriebe, Manufakturen und Gastronomiebetriebe sind seit 2020 bereits zertifiziert und mit ihrem Angebot online auf der Genuss-Landkarte www.genussregionen.at zu finden. „Letztlich wollen wir den Absatz und die Wertschätzung regionaler Lebensmittel erhöhen. Entscheidend sind die Qualitäts- und Herkunftskennzeichnung. Mit transparenter Kennzeichnung in der Speisekarte sollen die Erwartungen der Gäste erfüllt und Synergien von Landwirtschaft und Tourismus genutzt werden“, erklärte Mutenthaler. Die Vision sei, die Kulinarikregion Nr. 1 in Europa zu werden.

Bergbauernpreise 2022 und Dr.-Steinkeller-Stiftungsbeitrag vergeben
Feierliche Höhepunkte der Landesversammlung waren die Preisverleihungen. Der Bergbauernpreis 2022 ging an die Familie Trojer aus dem Sarntal, die Familie Rubatscher aus Wengen und die Familie Kaserer aus Schlanders.
Der Stiftungsbeitrag der „Dr.-Steinkeller-Stiftung“ ging in diesem Jahr an Anna Elisabeth Schwarz vom Kugler-Hof in Versein, Mölten. Stiftungspräsident Siegfried Brugger betonte in seiner Laudatio: „Die Preisträgerin hat den denkmalgeschützten Hof mustergültig saniert und dabei die wertvollen historischen Elemente im Innen- und Außenbereich behutsam restauriert. Die Stiftung Steinkeller würdigt mit ihrem Beitrag auch das Bemühen der Eigentümerin, möglichst wenig in die historische Bausubstanz einzugreifen.“

Krieg in Ukraine auch Thema
Auch das aktuelle politische Weltgeschehen war bei der Landesversammlung ein Thema. Die Versammlung begann mit einer Gedenkminute für die Opfer des Kriegs in der Ukraine und die Menschen, die unter der Aggression Russlands leiden.
Auf den Konflikt in Osteuropa ging auch Landwirtschafts-Landesrat Arnold Schuler ein. „Wir sehen einmal mehr eine Schattenseite der Globalisierung, die Abhängigkeit von anderen, im konkreten Fall von der Energie aus Russland und dem Getreide aus der Ukraine. Wir müssen in Europa wieder mehr zum Selbstversorger werden!“

Josef Geisler, Bauernbund-Obmann in Tirol, blickte auf die Corona-Pandemie und die Lehren, die daraus gezogen werden können: „Regionale Produkte sind ungemein wertvoll und ein wichtiger Beitrag zur Lebensmittelsicherheit. Hier müssen wir uns weiter bemühen, diese Produkte sichtbarer zu machen.“

Walter Heidl, Präsident der Bayerischen Bauernverbandes, sprach das hohe Maß an Selbstverständnis hervor, mit dem die Bauernfamilien ihre Höfe bewirtschaften: „Das ist – so wie alle anderen Leistungen der Landwirtschaft – keine Selbstverständlichkeit. Und das müssen wir der Gesellschaft noch besser vermitteln, dann steigt auch die Wertschätzung für unsere Bäuerinnen und Bauern.“