Wirtschaft | 01.03.2022

Dringend Lösungen gesucht

Die extreme Teuerungswelle könnte ein Opfer fordern, das nur die wenigsten auf dem Schirm haben: die Berglandwirtschaft. „Die Lage der Milchviehbetriebe ist so dramatisch wie noch nie. Die Produktionskosten steigen rapide, während die Milchpreise sinken“, erklärt Joachim Reinalter, der Obmann des Sennereiverbandes.

Explodierende Kosten, sinkende Preise: Viele Bergbauern sind zunehmend in großen Schwierigkeiten. (Foto: IDM/Frieder Blickle)

Explodierende Kosten, sinkende Preise: Viele Bergbauern sind zunehmend in großen Schwierigkeiten. (Foto: IDM/Frieder Blickle)

Seit Anfang des vergangenen Jahres sind die Preise für Futtermittel um ein Drittel gestiegen, jene für Treibstoff um 50 Prozent, für Strom um über 200 Prozent, für Gas um mehr als 350 Prozent und auch die Kosten für Verpackungsmaterialien und Früchte steigen rapide. „All das hat zur Folge, dass sich die Produktion und Verarbeitung von Milch in den letzten Monaten enorm verteuert hat“, berichtet der Obmann des Sennereiverbandes.

Eklatante Schieflage auf Kosten der Produzenten
Mit dieser Teuerung müsste im Normalfall der Milchpreis ansteigen, allerdings ist dies nicht der Fall. „Im Lebensmittelsektor gibt es eine eklatante Schieflage zugunsten der großen Lebensmittelketten und diese akzeptieren nur geringe Preiserhöhungen“, erklärt Reinalter. Der Obmann des Sennereiverbandes zeigt dabei durchaus Verständnis, dass die Kostenexplosion bei einem Grundnahrungsmittel nicht eins zu eins an die Konsumenten weitergegeben werden könnten. „Es darf aber genauso wenig sein, dass allein der Produzent auf den in die Höhe schießenden Kosten sitzen bleibt“, unterstreicht der Obmann und fordert: „Es braucht eine gerechte Verteilung auf alle Glieder der Kette.“

Rechnung geht sich für viele nicht mehr aus
Reinalters Schlussfolgerung ist eine ebenso logische wie beängstigende: „Wenn auf der einen Seite die Ausgaben um ein Vielfaches steigen, auf der anderen die Einnahmen im besten Fall stabil bleiben und schon zuvor die Margen bei den Bauern extrem gering waren, dann geht sich die Rechnung für viele Betriebe einfach nicht mehr aus.“ Heißt im Klartext: „Sehr viele der Südtiroler Bergbauern, vor allem jene, die ihren Hof gerade noch im Haupterwerb führen, fürchten um ihre Existenz“, sagt Reinalter.

Weitreichende Folgen für gesamte Gesellschaft
Sollte die Milchwirtschaft nicht wieder rentabel und den Bergbauern das Fundament ihrer Existenz entzogen werden, seien die Folgen für Südtirol weitreichend, warnt Reinalter. Die Versorgung mit Südtiroler Milch und Milchprodukten könne nicht sichergestellt, die Qualitätsstrategie nicht fortgeführt, die gesellschaftlichen Leistungen der Berglandwirtschaft nicht garantiert werden. „Das wiederum würde sich dramatisch auf die Tourismusdestination Südtirol auswirken, man denke nur an verfallende Höfe, zuwachsende Wiesen, nicht mehr bewirtschaftete Almen oder kostenpflichtige Wanderwege und Loipen“, warnt Reinalter. „Wenn jetzt nicht sofort etwas unternommen wird, dann sind die Folgekosten für die Gesellschaft enorm“, ist der Obmann des Sennereiverbandes überzeugt.

Konsequent auf Südtiroler Produkte setzen!
Reinalter ruft die Konsumenten – allen voran Hotellerie und Gastronomie – daher auf, konsequent auf Südtiroler (Milch-)Produkte zu setzen. „Damit sichern sie das Fundament, auf dem sie selbst stehen, sorgen also dafür, dass auch morgen noch heimische Qualitätsprodukte zu haben sind und die Landschaft gepflegt wird“, betont Reinalter. Landwirtschaft könne nur nachhaltig sein, wenn die Landwirte nachhaltig davon leben können, stellt Reinalter fest.

Suche nach Lösungen gemeinsam mit Politik
Parallel dazu sucht der Sennereiverband im engen Austausch mit Landeshauptmann Arno Kompatscher und dem Landesrat für Landwirtschaft Arnold Schuler nach Lösungsmöglichkeiten auf allen Ebenen: „Die Politik weiß um die Bedeutung der Berglandwirtschaft und es sind auch die politischen Rahmenbedingungen, die dazu beigetragen haben, dass sich die Milchwirtschaft in den letzten Jahrzehnten gut entwickeln konnte“, erklärt der Obmann. Er ist deshalb zuversichtlich, dass man gemeinsam Lösungen finde. „Das werden mit Sicherheit keine kurzfristigen sein, letztendlich geht es aber einerseits darum, die derzeitige Lage zu überstehen, und andererseits um die Sicherung einer langfristigen, wirtschaftlich nachhaltigen Zukunft der Berglandwirtschaft“, schließt Reinalter.