Südtiroler Landwirt, Leben | 09.06.2022

Sich selbst vom Thron gestoßen

Im Jahr geboren, als der Südtiroler Bauernbund den „Landwirt“ ganz übernommen hat und ihn zum ­„Südtiroler Landwirt“ machte: Andreas Gschleier, Jahrgang 1984, ist den umgekehrten Weg gegangen. Er hat seinen Obst- mit einem Weinhof zu einer Betriebsgemeinschaft zusammengelegt. von Renate Anna Rubner

Als Pflichtlektüre empfindet Andreas Gschleier den „Südtiroler Landwirt“. Am meisten interessieren ihn technische Themen und der Service-Bereich.

Als Pflichtlektüre empfindet Andreas Gschleier den „Südtiroler Landwirt“. Am meisten interessieren ihn technische Themen und der Service-Bereich.

Andreas Gschleier ist auf dem Sprung. Mit ein paar Kollegen will der Bauer aus Auer zu einer Radtour in die Toskana aufbrechen, davor müssen noch die Reben gespritzt werden. Aber dann kann er mit ruhigem Gewissen losfahren, ein, zwei Tage chillen irgendwo am Strand dürften sich auch noch ausgehen. 

Das wäre früher nicht möglich gewesen, da war Andreas nämlich ganz auf sich gestellt. Seit zwei Jahren jedoch hat er seinen Feldhüttenhof, einen biologischen Obstbaubetrieb in Auer, mit dem von Marcello Cembran, einem Weinbaubetrieb ebenfalls in Auer, zu einer Betriebsgemeinschaft zusammengelegt. Eine gute Entscheidung, wenn auch nicht einfach, wie der Bauer zugibt: „Als Bauer ist man es gewohnt, Alleinherrscher am Hof zu sein. Durch eine Betriebsgemeinschaft stößt man sich praktisch selbst vom Thron“, sagt er und lacht. Heute wird alles gemeinsam entschieden: Wer wann wo was macht, welche Maschine gekauft, welche Investition getätigt wird. 

Gestartet ist die Idee aus einer rein ökonomischen Überlegung heraus: Sowohl Andreas als auch Marcello hatten ihre Betriebe ganz allein zu führen. Beide Höfe sind zwar groß genug, um davon leben zu können, Investi­tio­nen in Maschinen und technische Ausstattung waren aber von der Auslastung her nicht voll rentabel. „Um unsere Kosten zu optimieren, war es notwendig, die Maschinen auf mehr Fläche einzusetzen“, erklärt Andreas Gschleier. Also wurden die ersten Geräte bereits vor drei Jahren gemeinsam gekauft, was bereits vorhanden war, wird seitdem geteilt. Der Fuhrpark befindet sich am Ansitz Cembran, hier ist Platz genug dafür.

Ein weiterer Vorteil: „Marcello macht zwar hauptsächlich die Arbeiten im Weinbau und ich die im Obstbau, aber nicht ausschließ-
lich. Auch die Arbeitskräfte sind effizienter ­einsetzbar“, sagt der Bauer. Inzwischen arbeiten zwei Vollzeitbeschäftigte und eine Teilzeitkraft (während der Vegetationsperiode) für sie, im Frühsommer zum „Zupfen“ kommen vier saisonale Arbeitskräfte zum Einsatz und im Herbst zur Ernte acht. 

„Es ist, vor allem am Anfang, schon eine große Umstellung“, gibt Andreas Gschleier zu. Es brauche Zeit, bis man die beiden Höfe als Einheit zu sehen beginnt. Und natürlich sei zu Beginn auch Angst da gewesen: „Nicht mehr alleine ,herrschen‘ zu können, sondern alles abzusprechen und gemeinsam zu tragen, war schon gewöhnungsbedürftig“, sagt Gschleier. Am schwersten sei ihm aber gefallen, seinen Fendt Vario zu teilen. Er grinst.  

Natürlich wussten beide nicht, wohin die Zusammenarbeit führen würde. Aber keiner bereut es, im Gegenteil: „Ich bin vorher, vor allem in Arbeitsspitzen, oft an meine Grenzen gestoßen. Vor ein paar Jahren hatte ich dann auch noch einen Unfall und habe einige Zeit nicht arbeiten können. Das hat mir zu denken gegeben“, erzählt Andreas Gschleier. Heute könne er auch mal krank sein oder eben ein paar Tage verreisen, der Betrieb läuft trotzdem weiter.

Testimonial für das Jahr 1984

Der Feldhüttenhof liegt am Ortsrand von Auer. Es ist ein biologischer Pionierbetrieb im Obstbau, bereits Andreas’ Vater war überzeugter Biobauer. Andreas ist hier geboren, im Jahr 1984. Deshalb ist er einer der Testimonials, die die Meilensteine des „Südtiroler Landwirt“ in seiner 75-jährigen Geschichte markieren. In dem Jahr nämlich hat der Südtiroler Bauernbund die Zeitung ganz vom Hauptverband Landwirtschaftlicher Genossenschaften übernommen. Aus dem „Landwirt“ wurde der „Südtiroler Landwirt“. So nennt sich die Zeitung, die Sie gerade in Händen halten, noch heute. 

Als Andreas ein Jahr alt war, trennten sich die Eltern, seine Mutter nahm ihn mit nach Innsbruck, um ihr Studium abzuschließen und zu habilitieren. Gerne hätte sie die akademische Laufbahn eingeschlagen, sah aber ein, dass das mit Kind nicht möglich war. So kam Andreas nach Brixen, wo er den Kindergarten und die ersten drei Klassen der Grundschule besuchte. Prägende Jahre, wie er heute sagt, ein bisschen fühle er sich heute noch als Brixner. 

Die restliche Schulzeit verbrachte er dann in St. Jakob/Leifers und entschied sich für die Oberschule für Landwirtschaft in Auer. Denn irgendwie stand für ihn immer fest, dass er in der Landwirtschaft arbeiten wollte. Den Hof seines Vaters zu übernehmen, war eigentlich keine Option, schließlich gab es dort noch drei Geschwister, Andreas war der Jüngste.

Die Oberschule hat Andreas viel Freude gemacht, vor allem die Abwechslung zwischen Theorie und Praxis findet er sinnvoll. Auch denkt er gerne an einige Lehrerinnen und Lehrer zurück, die ihn als Persönlichkeiten geprägt haben, ihn zu motivieren verstanden und ihm viel beigebracht haben. „Einiges hat sich mir eingeprägt, was mir immer wieder bei Entscheidungen hilft. Auch heute noch“, sagt er ganz offen.

Von der Uni auf den Hof

Nach der Matura, im Jahr 2003, inskribierte sich Andreas an der Uni Innsbruck und belegte die Fächer Politikwissenschaften, Geschichte und Wirtschaft. Ein Jahr später wechselte er nach Bologna. Ihm war klar geworden, dass er nur mit einem guten Italienisch in Südtirol Fuß fassen konnte. Zum ersten Mal in seinem Leben musste Andreas wirklich lernen: In Italien ist das Studium der „scienze politiche“ anders aufgebaut als in Österreich und hat ein hohes Niveau. 2008 schloss er es ab, eigentlich wollte er dann noch nach Berlin, um ein weiteres Studium anzuhängen. Weil bis zum Herbstsemester ein halbes Jahr Zeit blieb, fragte ihn sein Vater, ob er ihm auf dem Feldhüttenhof helfen könnte. Andreas musste nicht lange überlegen, in den Ferien war er seinem Vater immer zur Hand gegangen. Die Arbeit gefiel ihm, also sagte er zu. Zwei Jahre später sollte er den Hof übernehmen.

Ein Hof ist ein Betrieb, aber auch eine Heimat

Das klingt einfacher, als es war: Zwar hätte niemand der Geschwister den Hof haben wollen, ihn jemand anderem zu überlassen, war aber trotzdem schwierig. „Ich kann das gut nachvollziehen“, räumt Andreas ein, „schließlich ist ein Hof nicht nur ein landwirtschaftlicher Betrieb, für meine Geschwister war und ist er ihre Heimat.“ Deshalb sei ihre emotionale Bindung stark. „Und ja, ein Hof hat einen wirtschaftlichen Wert, aber ihn zu übernehmen, ist auch eine Last. Bauersein muss man mögen, man muss die Arbeit gerne tun“, ist Andreas überzeugt. Ein großes Lob spricht er seinem Vater aus: „Nach der Übergabe hat sich mein Vater nicht mehr groß eingemischt, er hat mich machen lassen, auch viele Fehler.“ Das rechnet er ihm hoch an. 

Nach der Übernahme hat er den Feldhüttenhof weiterentwickelt. Mit seiner Frau Martina, mit der er zwei Kinder hat: Sophie ist acht und Max vier Jahre alt. Martina kümmert sich um die Verwaltung und hilft auch in der Landwirtschaft mit. Über die Jahre hat Andreas durch Pacht und Zukauf einiges an Flächen dazugenommen: Gemeinsam mit Marcello bewirtschaftet er nun zwölf Hektar Obstbau- und fünf Hektar Weinbauflächen, drei weitere Hektar bearbeiten sie für Dritte. Im Zuge der Betriebszusammenlegung ist auch Marcello Cembran auf Bio umgestiegen. Die Produkte werden genossenschaftlich vermarktet, die Äpfel über Bio Südtirol, die Trauben gehen an die Kellerei Tramin.

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 11 des „Südtiroler Landwirt“ vom 10. Juni ab Seite 25, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.