Leben, Südtiroler Landwirt | 21.07.2022

Gemeinsam gegen Verschwendung

Lebensmittel einsammeln, die sonst in der Mülltonne landen würden, und sie Bedürftigen weitergeben, das ist das Anliegen der Bröseljägerinnen und -jäger. Weil immer viel Brot übrig bleibt, haben sie sich etwas Neues ausgedacht: Seit Juni 2021 gibt es auch ein Bröselbier! von Renate Anna Rubner

Die Bröseljägerinnen Nadia und Paola (v. l.) starten mit dem „bricicargo“ vom Basislager ihre Tour durch die Bozner Innenstadt.

Die Bröseljägerinnen Nadia und Paola (v. l.) starten mit dem „bricicargo“ vom Basislager ihre Tour durch die Bozner Innenstadt.

Nadia und Paola sind startbereit: Es ist kurz nach 18 Uhr an einem sonnigen Donnerstagabend im Mai, als die beiden mit ihren „bricicargo“, Elektrofahrräder mit großem Ladeaufsatz, aufbrechen. Ihre etwa zweistündige Rundfahrt wird sie in Bäckereien, Konditoreien, Gemüsegeschäfte, Bars und Supermärkte der Bozner Innenstadt führen, wo sie Lebensmittel einsammeln, die übrig geblieben sind und weggeworfen werden würden. Sie sammeln sie ein und bringen sie in ihr Basislager, ein etwa 400 Quadratmeter großes Magazin im Souterrain eines Gebäudekomplexes hinter dem Mazziniplatz in Bozen.

Die beiden Frauen sind Bröseljägerinnen. Mit ihren umgebauten Dreirädern sammeln sie Lebensmittel und andere Waren ein, um sie bedürftigen Menschen und Familien weiterzugeben. Neun solcher Räder sind derzeit im Einsatz, mit einem Auto werden größere Mengen abgeholt. 

Christian Bacci ist Ideator dieser Initiative, er hat sie im Jahr 2013 gegründet. Heute laufen drei Projekte unter dem Netzwerk „Aiuti senza spreco“  des Vereins Volontarius: Die Bröseljäger (cacciatori di briciole), der Bröselmarket (Emporio solidale) und die Solidarische Apotheke. Für die Solidarische Apotheke sammeln einige Apotheken Medikamente, die noch gut sind, aber nicht mehr gebraucht werden, zum Beispiel wenn jemand stirbt oder ein anderes Medikament/eine andere Dosierung braucht. Diese Medikamente werden dann unter ärztlicher Aufsicht an Bedürftige weitergegeben.

Einkaufen im Bröselmarket

Alles, was die Bröseljäger einsammeln oder von Supermärkten zur Verfügung gestellt bekommen, wird in das Magazin gebracht. Dort stapeln sich Nudeln, Reis und Kräcker, Dosen mit passierten Tomaten, Bohnen und Linsen, Fruchtaufstriche und Säfte, Brot und Kekse, auch Kosmetika. Alles perfekt beschriftet und je nach Art und Verfallsdatum sortiert. 

In einem etwas abgegrenzten Bereich hat der Bröselmarket Platz gefunden. Hier sieht es aus wie in einem richtigen Geschäft: volle Regale, ein paar Einkaufswagen, eine Kasse und ein Kühlregal, alles geschenkt oder selber zusammengebaut. Jeden Mittwoch ist der Bröselmarket vormittags und nachmittags geöffnet. Dann kann eingekauft werden. Wer hier Kundin/Kunde werden möchte, muss sein Einkommen offenlegen, damit entschieden werden kann, wie viele Punkte man monatlich erhält. Die Preise im Bröselmarket sind in Punkten angegeben, und so können die Kundinnen und Kunden mit ihren Punkten einmal pro Woche einkaufen. Wie in einem normalen Supermarkt auch gibt es Angebote und Sonderaktionen, manches wird sogar verschenkt.

Möglich durch das Gadda-Gesetz

Insgsamt sind es 640 Menschen, die hier einkaufen dürfen, vorwiegend Leute aus den Stadtteilen Gries und Quirein. Wie ist es aber möglich, dass Lebensmittel, die in einem Supermarkt weder verkauft noch verschenkt werden dürfen, im Bröselmarket ganz legal weitergegeben werden dürfen? Das sogenannte Gadda-Gesetz hat das möglich gemacht. Benannt nach der Abgeordneten Maria Chiara Gadda ist es im September 2016 in Kraft getreten und schafft Anreize für den Lebensmittelhandel, abgelaufene oder unverkäufliche Ware zu spenden. Wer so Lebensmittel oder andere Waren verschenkt, erhält steuerliche Vorteile. Inzwischen gibt es einige Supermärkte, mit denen die Bröseljäger eine enge Zusammenarbeit pflegen. Sie werden angerufen, sobald Ware zu verfallen droht. Im Bröselmarket angekommen, dürfen die Lebensmittel je nach Kategorie auch noch nach dem Verfallsdatum weitergegeben werden: Bohnen bis zu zwei Monate und Nudeln noch sechs Monate über das Verfallsdatum hinaus.

Christian Bacci ist 47 Jahre alt und Steuerberater. Schon seit Langem engagiert er sich sozial. Eines Tages hat er etwas gesehen, was ihn ärgerte und seitdem nicht mehr losließ: einen Mülleimer, der von Broten überquoll. Er konnte und wollte nicht verstehen, weshalb einerseits Lebensmittel weggeworfen werden, während es andererseits Menschen gibt, die diese Lebensmittel gut brauchen könnten. 

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 13 des „Südtiroler Landwirt“ vom 22. Juli ab Seite 25, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.