Südtiroler Landwirt, Politik | 04.08.2022

Sarner Wasser für Jenesiens Bauern

Um den von Trockenheit geplagten Tschögglberg mit Wasser zu versorgen, wurden viele Pläne ent- und wieder verworfen. Mittlerweile ist aber eine Lösung nahe: Seit März 2021 arbeitet man an einer Versorgungsleitung, die Wasser aus dem Sarntal nach Jenesien liefern wird.

Ein Generationenprojekt: Um die Tschögglberger Bauern mit kostbarem Wasser zu versorgen, wird eine Leitung vom Sarntal hinaufverlegt.

Ein Generationenprojekt: Um die Tschögglberger Bauern mit kostbarem Wasser zu versorgen, wird eine Leitung vom Sarntal hinaufverlegt.

Neben dem Vinschgau zählt der Tschögglberg zu den trockensten Gebieten Südtirols. Dabei machen den Landwirten nicht nur die geringen Niederschläge, sondern auch die knappen natürlichen Wasserreserven zu schaffen. Rahmenbedingungen, die unter dem Eindruck des Klimawandels immer mehr zu einer existenziellen Bedrohung geworden sind. Jenesiens Bürgermeister Paul Romen sagt: „Die Bauern am Tschögglberg leiden seit Jahrzehnten unter der Wasserknappheit. Ohne zusätzliches Wasser würde ihnen die Lebensgrundlage entzogen.“ 

Einer der betroffenen Bauern ist Markus Plattner, dessen Familie seit Generationen Landwirtschaft auf dem Tschögglberg betreibt: „Heute werden bei uns auch die kleinsten Wasserressourcen, alle Quellen und Rinnsale verwendet. Nur so lässt sich bei uns die Landwirtschaft aufrechterhalten. Auch unser Trinkwasser wird über viele Höhenmeter heraufgepumpt.“ 

Am Willen, Abhilfe zu schaffen, war es nie gescheitert. Viele Lösungsansätze wurden in den letzten Jahrzehnten durchdiskutiert, aber alle Initiativen sind im Sand verlaufen. Einmal waren es Streitigkeiten, dann finanzielle ­Aspekte und ein anderes Mal wieder die Konzessionen. Es dauerte bis zum Jahr 2010, als mit der Gründung des Bodenverbesserungskonsortiums Jenesien eine neue, vielversprechende Initiative gestartet wurde.

Wasser für die Bewässerung oder für Stromproduktion?

Der Leitgedanke hinter dieser Initiative sah die Überleitung aus dem mit viel Wasser gesegneten Sarntal hinüber nach Jenesien vor. Ein mutiger Plan, der eine Leitung über drei Gemeindegebiete und Wasserbezug aus einer bestehenden Kraftwerksableitung umfasste. „Zu dieser Zeit wurden gerade sehr viele Wasserkraftwerke geplant und gebaut in Südtirol. Entsprechend schwierig war es, angesichts der damals üblichen Fördertarife die Konzession für die Wassernutzung zu bekommen“, erinnert sich Paul Romen. 

Doch genau das schwebte dem Präsidenten des Konsortiums, Markus Plattner, vor. Zu diesem Zweck stützten sich die Initiatoren auf den Südtiroler Wasserwirtschaftsplan, der im Wesentlichen der Landwirtschaft gewisse Wasseranteile zusichert. Es folgten erste Machbarkeitsstudien und ein entsprechendes Vorprojekt. Inzwischen war zum Glück für die Bauern am Hochplateau des Tschögglbergs die Frage entschieden, ob das Wasser für die Stromproduktion oder für die Bewässerung genützt würde. 2016 erhielt das Bodenverbesserungskonsortium die lang erhoffte Konzession für die Nutzung des Sarntaler Wassers im Ausmaß von 96 Litern pro Sekunde für 30 Jahre. 

Grünes Licht für die Umsetzung bedeutete dieser Etappensieg jedoch noch nicht, wie Bürgermeister Romen erzählt: „Es waren noch viele Punkte zu klären, auch vor Gericht.“ Und dann die wichtige Frage der Finanzierung, sie erwies sich als Drahtseilakt: Die veranschlagten 12,6 Millionen Euro wollten die Projektbetreiber aus Fördermitteln des Europäischen Strukturfonds für Landwirtschaft lukrieren. Der politische Rückenwind schien günstig. Das Land Südtirol unterstützte das Projekt, und Rom erklärte sich bereit, es zu 100 Prozent zu finanzieren. Aber erst in seiner letzten Sitzung als Ministerpräsident gelang es Matteo Renzi, 2018 den Finanzierungsbeschluss im römischen Parlament durchzuboxen. Damit war der Weg frei für das Projekt.

Win-win-Situation für mehrere Parteien

Doch nicht überall war die Freude über diese Nachricht ungetrübt. Besonders in der Gemeinde Sarntal wurden auch Stimmen laut, denen zufolge man das wertvolle Wasser leichtfertig verschenke. Für Vizebürgermeister Josef Mair, der das Projekt von den Anfängen an kennt und es begleitet hat, keine einfache Situation. „Viele wussten nicht, dass diese 96 Liter pro Sekunde ohnehin Teil einer bestehenden Ableitung eines Kraftwerks waren. Dieses Wasser wurde seit den 1950er Jahren von der damaligen ENEL zur Stromproduktion nach Bozen geleitet“, erklärt Mair. 

Heute habe sich der Wind schon gedreht, die meisten der einstigen Kritiker sind sich mittlerweile bewusst, dass das Projekt viele Nutznießer hat – auch die Gemeinde Sarntal. Schließlich hat man auch im wasserreichen Sarntal eine Erweiterung der bestehenden Beregnung angestrebt, die gerade in den trockenen Wintermonaten entleert werden ­musste. Außerdem verfügten bis zuletzt einige Höfe im Sarntal noch nicht über einen Anschluss an das kommunale Trinkwassernetz. „Der bauliche Aufwand für Projekte dieser Art geht schnell in die Millionen und ist für eine kleine Gemeinde nur schwer zu stemmen. Indem wir uns mit unseren Vorhaben an das Leitungsprojekt anschließen konnten, haben wir eine Win-win-Situation geschaffen“, freut sich der Vizebürgermeister. 

Die Synergien, die man mit dem Projekt nutzen konnte, umfassen somit neben der Verbesserung der Wassersituation am Tschöggl­berg auch die Verlegung einer Trinkwasserleitung – sowohl im Sarntal als auch in Jenesien –, dazu die Verlegung einer Stromleitung und von Glasfaserkabeln. Alles wichtige Maßnahmen für die strukturelle Ausstattung des ländlichen Raumes im weiteren Umland von Bozen.

Spektakuläre Schluchtquerung

Mit Stand April 2022 waren bereits knapp 85 Prozent der Hauptleitung, also über 45 Kilometer in Guss verlegt. Bei den Abzweigern und Verteilrohrleitungen in PE stand man bei etwa 65 Prozent. Die Rohrleitung wird im Wesentlichen bis Ende dieses Sommers fertiggestellt sein. Dann fehlt nur noch ein Detail – und zwar die Verbindung über das Martertal, eine schroffe Felsschlucht, die die Grenze zwischen den Gemeinden Sarntal und Jenesien bildet. 

Zunächst sollte eine Rohrbrücke die Schlucht überspannen. Im Laufe des Projekts wurde daraus allerdings mehr. Um auch hier weitere Synergieeffekte zu erzielen, wurde aus der Rohrbrücke schließlich der Plan weitergesponnen, eine Fußgängerbrücke über die Schlucht zu bauen. Die 1,20 Meter breite Fußgängerbrücke hat das Potenzial, zu einem echten Aushängeschild für die Region zu werden. Immerhin wird sie das Martertal mit einer Länge von 270 Metern überspannen, die an der tiefsten Stelle bis zu 110 Meter über dem Talboden schwebt.

Bauende voraussichtlich April 2023

Wenn alles weiterhin nach Plan verläuft, werden die Bauern aus Jenesien mit Anfang April kommenden Jahres erstmalig Sarntaler Wasser auf ihre Felder leiten können. Eine echte Zeitenwende für die Landwirte auf dem wasserarmen, aber sehr sonnenreichen Bergrücken im Südwesten der Sarntaler Alpen. Konkret bedeutet das für rund 60 Mitglieder des Bodenverbesserungskonsortiums, dass ab dann 0,5 Liter pro Sekunde und Hektar zur Verfügung stehen werden. Das betroffene Gebiet umfasst etwa 200 Hektar. 

Ein wichtiger Aspekt dabei war, dass ein technisch modernes und ausgereiftes System für die Verteilung integriert wird, wie Markus Plattner bekräftigt: „Sämtliche Abnahmestatio­nen – die allermeisten sind ja schon errichtet – sind mit professionellen Druckmessgeräten ausgerüstet. Es wird eine eigene spezielle Software erstellt, die jedes Mitglied über das Handy, den PC oder ein Tablet bedienen kann. Grundsätzlich sollen die Abnahme, die Verteilung und die Überwachung automatisiert erfolgen.“ Das sei deshalb unerlässlich, da aufgrund der Leitungstopografie gegebenenfalls zu hohe Drücke entstehen würden, wenn ein Benutzer oberhalb etwa auf einen Schließvorgang vergisst.

Den ganzen Bericht finden Sie ab Freitag in der Ausgabe 14 des „Südtiroler Landwirt“ vom 5. August ab Seite 12, online auf „meinSBB“ oder in der „Südtiroler Landwirt“-App.